Sie denken sich zwar, dass Starbucks seit 1997 in der Vorweihnachtszeit Kaffee in jahreszeitlich designten Bechern ausschenkt und dies damit im Winter 2015 nicht mehr wirklich neu und auch nicht mehr besonders originell sei. Sie denken sich weiter, dass auch die beste Geschichte irgendwann so oft erzählt wurde, dass sie niemand mehr hören und schon gar nicht weitererzählen mag. Aber Sie denken eben auch an ihre Visitenkarte, ihr Gehalt, den guten kostenlosen Kaffee und das Team, das – so glauben Sie zumindest – ohne Sie ziemlich orientierungslos wäre.

Deshalb machen Sie sich an die Arbeit.

Sie denken an Pappbecher in weihnachtlichem Design bei ihrer morgendlichen Joggingrunde durch den Park, unter der Dusche, während vieler Meetings und Brainstormings.

Sie bitten zusätzlich jemanden aus ihrem hippen Team ein Briefing zu schreiben, das den Wunsch ihres CEOs in einem 25. Dokument beschreibt.

Sie lassen das Briefing an ihre Werbeagentur, ihre PR-Agentur, die Social Media-Agentur und zur Sicherheit auch noch an ihre Mediaagentur schicken.

Und da Starbucks inzwischen auch eine Content Marketing-Agentur beschäftigt, erhält auch diese das Becher-Briefing. Deshalb denken in den Tagen darauf noch viel mehr Menschen während ihrer Joggingrunden, unter der Dusche sowie in Meetings und Brainstormings über vorweihnachtliche Pappbecher nach. Und wie man diese weltweit zum Gespräch machen kann. Bei minimalem Budget natürlich.

Am Ende dieser vielen Überlegungen stünde dann vielleicht ein Konzept, das vorsieht, den diesjährigen Starbucks-Weihnachtskaffeebecher zum viralen Hit zu machen. Die Idee dahinter: Die Becher sind dieses Jahr völlig schmucklos in dezentem Rot gehalten, frei von Rentieren, Schneeflocken und anderen Jahreszeit-typischen Designelementen.

Damit das auch auffällt und vor allem aufregt, engagieren sie einen Social Media-tauglichen Spinner – von Beruf angeblich ehemaliger Priester – mit dem schönen Namen Josh Feuerstein. Der wirft dann vor laufender Kamera Starbucks vor, Jesus zu hassen. Und deutet das schmucklose Design als weiteren Beleg für den Rückzug christlicher Werte und Symbole aus dem amerikanischen Alltag.

Im Video, das er auf Facebook teilt, fuchtelt er auch noch mit seiner Pistole herum. Damit die Kassen in den Kaffeehäusern auch in der Vorweihnachtszeit heftig klingeln, ruft der bewaffnete Prediger aber nicht zum Boykott der Kaffeehauskette auf. Sondern zum Gegenteil: Man möge Starbucks austricksen. Indem man in die nächste Filiale gehe, Kaffee kaufe und auf die bei Starbucks unvermeidliche Frage, welcher Name denn bitteschön auf den Kaffeebecher geschrieben werden solle, antworte "Merry Christmas".

Als nächsten Schritt bittet der vermeintliche Starbucks-Hassprediger, solle man ein Selfie mit dem Merry-Christmas-Pappbecher machen, es auf den sozialen Medien mit dem Hashtag #MerryChristmasStarbucks teilen und damit Teil einer großen Bewegung gegen politische Correctness und zur Aufrechterhaltung des Christentums werden.

Gehen wir weiter davon aus, dass Sie dieses Konzept in diversen Meetings präsentieren, verteidigen und Sie mit der Frage, ob die Medien diese Inszenierung nicht durchschauen und mit Nichtbeachtung oder gar Entlarvung strafen, konfrontiert werden würden? Ihre Antwort wäre dann: Nein – das läuft! Das läuft als siebenminütiger Beitrag mit Live-Interview auf CNN, das schafft es in die Medien – international von der "Washington Post" bis zum "Berliner Kurier" und in tausende Foren und Blogs.

Feuersteins Video mit dem Starbucks-Logo im Hintergrund werde alleine auf Facebook unfassbare 16 Millionen Mal geklickt, prognostizieren Sie mutig.

Tja, wenn Sie das wirklich gesagt hätten, dann hätten Sie Recht gehabt. Und Sie hätten – wie ich finde – einen ziemlich guten Job gemacht. Der kühl kalkulierte Shitstorm als Marketinginstrument ist eine hohe Kunst.


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W&V Leserautor

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