Peter Breuer | | von Peter Breuer

Wenn endlich alles geht, warum ist dann alles gleich?

Noch nie konnten sich Kommunikationsdesigner so austoben wie in den Zeiten der Digitalisierung. Trotzdem passiert nicht viel. W&V-Blogger Peter Breuer* über moderne Kreativhemmung und unkonventionelle Gegenmaßnahmen - zum Beispiel mit Papier und Schere.

Es dauerte nach der Einführung des Fotosatzes nicht sehr lange, bis die Gestalter ihre neugewonnenen Freiheitsgrade nutzten. Willy Fleckhaus ließ Versalkolonnen absetzen, deren Buchstaben so eng standen, als wären die Spatien aus dünnflüssigem Blei, Headlines überspannten plötzlich Doppelseiten und grotesk große Initialbuchstaben leiteten kleine Fließtextkolumnen ein. Wofür die Dadaisten noch Bleibuchstaben mühsam zersägen mussten, ging als Projektion auf Fotopapier plötzlich wesentlich schneller.

Mit den Möglichkeiten des "Desktop Publishing" – einem längst vergessenen Begriff, der einen noch schnelleren Tod als Foto- und Bleisatz starb  – schienen die Buchstaben plötzlich zu tanzen und Designbände aus den späten 1980er Jahren sind heute schwer anzusehen. Als hätte sich das gesamte Grafikdesign verschworen, die gesprengten Fesseln mit einer Orgie aus freien geometrischen Formen und knallbunten Buchstaben feiern. Adobe PageMaker und QuarkXPress waren noch an Spalten und Kolumnen gebunden, FreeHand erlaubte Drehungen und Satz auf Pfaden und das oft verspottete CorelDraw schien seine Benutzer geradezu dazu zu zwingen.

Der Brite Neville Brody gab in dieser Gründerzeit der digitalen Gestaltung mit seinem Design der Zeitschrift "The Face" einen monatlichen Intensivkurs "Typographie der russischen Avantgarde im späten 20. Jahrhundert". Kurze Zeit später – von heute aus sieht es noch viel kürzer aus – schien sein amerikanischer Kollege David Carson den Code der Seitenbeschreibungssprache "PostScript" zu hacken: Text war für ihn Aktionsmaterial und wenn es ihm gefiel, bzw. ihm ein Bryan Ferry-Interview missfiel, benutzte er die Zapf Dingbats im Magazin "Ray Gun" als Fließtextschrift.


Inzwischen ist optisch längst wieder Ruhe eingekehrt. Es ist sogar geradezu friedhofsruhig. Die Seitenlineale des Industriestandards InDesign bilden den rechten Winkel, an dem sich alles ausrichtet. Die Lotrechte zu verlassen, ist in jedem Fall ein Extraschritt mit der Maus und wenn überhaupt, dann findet man im Designbereich noch eine um wenige Grade gedrehte Uwe-Loesch-Gedächtnis-Zeile. Oder in der Werbung einen vom Kunden gewünschten 30 Grad-"Störer", der "Jetzt noch billiger!" sagt.



Dieser Trend zum rechten Winkel und der Wunsch nach visueller Aufgeräumtheit – es gibt in Kunstbuchhandlungen ganze Regalbretter mit guten und sehr guten Bänden über gestalterische Rastersysteme – liegt natürlich auch an den veränderten Lesegewohnheiten im Netz. Mal abgesehen davon, dass eine schräge Textbox auf einem Bildschirm nicht nur keinen Sinn macht, sondern auch in HTML nicht zu realisieren war.
Die eigenen Gewohnheiten wegwürfeln.
In einer Düsseldorfer Werbeagentur lernte ich in der Mitte der 1990er Jahre einen Designer kennen, der immer wieder mit besonderen Layoutideen auffiel. Seine Satzspiegel für Anzeigen nutzten das ganze Blatt aus und forderten Produktioner und Drucker heraus. Seine Hilfslinien orientierten sich nicht am Goldenen Schnitt, sondern lagen an scheinbar unmöglichen Stellen. Irgendwann fragte ich ihn, wie er auf diese Ideen kam. Er öffnete seine Schreibtischschublade und zeigte mir seinen Gestaltungstrick – neben den Markern lag ein Stapel winziger roter Bücher mit einem markanten weißen Stern.


Einmal pro Woche landete die Zeitschrift "Stern" auf seiner Schneidematte und er schnitt mit einem Cuttermesser und einem Stahllineal das rote Logo aus. Viele Schnitte, so lange sauber um das Rechteck herum geführt, bis das restliche Papier abfiel. Das Fragment, das übrigblieb, zeigte seltsame kleine Doppelseiten, die er dann leicht modifiziert nachbaute. Der rechte Winkel kam zwar zwangsläufig auch in den Miniaturen vor, aber die Proportionen entsprachen schon mal nicht mehr den gängigen Normen. Dass bei diesem Spiel die obere der drei Heftklammern genau in der Mitte des Stern-Logos saß, war natürlich ebenfalls ein glücklicher Zufall. 

 

 

 

Das Spiel mit dem Zufall, der die Muster im Kopf mit Leichtigkeit übertrifft, hat in der bildenden Kunst Tradition. Marcel Duchamp widmete Vorgefundenes um, während Hans Arp oder Robert Motherwell die Ergebnisse von im Sturz zerlaufener Farbe zu Gemälden umarbeiteten. Die Pariser Affichisten suchten ihre Kompositionen in anonym zerrissenen Plakatschichten und Fluxus-Künstler arbeiteten mit Spielarten der Zufälligkeit, die Zeit und Vergänglichkeit einbezogen.



Vielleicht ist es eine gute Idee, wenigstens ab und zu den Entwurfsprozess nicht am Rechner zu beginnen und sich Blindtextspalten und Headlines auszudrucken, die man mit der Schere zu frei verschiebbarem Spielmaterial zerlegt. Zwei Pappwinkel reichen, um das Endformat zu simulieren und das "Sichern unter" der Zwischenschritte erledigt die Smartphonekamera. Das am Rechner nachgebaute Endergebnis hat möglicherweise nur noch wenig mit diesen Versuchen gemeinsam – aber die Methode nimmt zuverlässig die Angst vor dem leeren Blatt und es ist aufregender, neue Formen vorzufinden, als tausendfach Erprobtes zu wiederholen.

* Peter Breuer nennt sich einfach nur "Werbetexter"  - eine Berufsbezeichnung, die auf Creative Junior Copywriter Evangelists wie eine Eisdiele aus der Adenauer-Zeit wirkt. Er schreibt und konzipiert für Kunden aus zahlreichen Branchen und gilt als einer der besten Texter Hamburgs. Wer daran zweifelt, kennt seine Facebook-Seite und seine Tweets nicht.

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