Inzwischen ein Dauerbrenner: Die fehlende Nachwuchs in der Marketing- und Kommunikationsbranche insbesondere in den Agenturen. Besorgte Herren denken laut in Interviews, wie schön es war, als junge Menschen ihnen noch die Bude einrannten. Eine Recruiting-Kampagne jagt die andere. Selbst Agenturen wie Jung von Matt hauen da mal ordentlich einen raus. Das ist alles gut und schön und auch toll ausgedacht.
Aber mal ehrlich: Recruiting-Kampagne? Jeder, der nur annähernd mal gedacht hat “Kommunikationsbranche, das wäre vielleicht was für mich” kennt Jung von Matt und vergleichbare Wettbewerber. Auf den Arbeitgeber an sich muss da nicht aufmerksam gemacht werden. Aber darum geht es ja auch gar nicht, es wird darauf aufmerksam gemacht, dass Stellen zu besetzen sind und man sich doch bitte bewerben soll. Auch diese Information dürfte für den interessierten Studierenden und Absolventen alles andere als neu sein.
Die Zielgruppe enthält sich also nicht der Unkenntnis wegen einer Bewerbung, sondern weil sie einfach nicht so recht will.
Das Argument des steilen Aufstiegs, den Agenturen seit jeher propagieren, hat wesentlich an Glanz verloren. In Zeiten, in denen nach der Krise vor der Krise ist, glaubt kein junger Mensch mehr daran, dass immer schön fleißig sein und sich richtig reinhängen unweigerlich belohnt wird. Zwischen Bankenpleiten und Burnout werden die Prioritäten anders gesetzt.
Im Wesentlichen gibt es da zwei Fraktionen. Die eine Fraktion, die sagt, “Ich setze doch nicht meine Gesundheit aufs Spiel, damit meine Kinder mich am Ende hassen, weil ich nie zuhause war!”. Hier sammeln sich diejenigen, die bereit sind berufliche Unsicherheit auszuhalten, um dem nachzugehen was ihnen wichtig ist. Das sind dann später die mit den Teilzeitwünschen, mit der 4-Tage-Woche, die mit der Elternzeit, dem Bandprojekt, dem Ehrenamt, der Weltreise, die, die am Wochenende für Attac-Events Raps schreiben.
Die zweite Fraktion will vor allem eines: Nicht zu den Verlierern gehören. Dieser Nachwuchs zielt von Anfang an ganz nach oben. Viel arbeiten? Kein Problem. Ihr Alltag ist schon während des Studiums vollkommen durchgetaktet. Vorlesungen, Auslandssemester, Praktikum in der Strategieabteilung oder im Business Development bei Daimler, Siemens oder Telekom. Einstiegsgehalt? Unter 40, 50 K ist nichts zu machen. Dabei glaubt auch hier niemand an die stetige Karriere durch Blut, Schweiß und Tränen. Wichtiger ist, mit den richtigen Leuten zu netzwerken, bis zur nächsten Krise ein möglichst gutes Gehaltsniveau zu erreichen und die entscheidenden Referenzen zu sammeln. Der Fokus liegt nicht darauf nach oben zu kommen, sondern darauf sich nach unten abzusichern.
Nun kann man natürlich wieder auf die nächste Krise warten, die in der Regel Nachwuchs in die Agenturen schwemmt, der sich sonst anderweitig orientiert hätte. Diese Mitarbeiter bleiben in der Regel aber nur bis die Konjunktur wieder anzieht und gehen somit genau dann, wenn sie am meisten gebraucht werden.
Agenturen haben nur eine Chance ihre Nachwuchsprobleme zu lösen, wenn sie tatsächlich über ihre Rolle als Arbeitgeber nachdenken und eine glaubhafte Employer Brand entwickeln. Das setzt die Bereitschaft voraus, sich als Unternehmen zu verändern. Das ist echte Arbeit, lohnt sich aber, wenn durch nachhaltig gebundenes Talent echte Wettbewerbsvorteile realisiert werden können. Die Lösung können weder Einstiegsgehälter von 50.000 Euro noch eigenfinanzierte Kurzarbeit sein. Trotzdem gibt es Möglichkeiten, sich als Arbeitgeber besser zu positionieren, sei es durch eine Arbeitsweise, die mehr Freiheiten ermöglicht, eine überzeugende und sinnstiftende Philosophie oder durch mehr Offenheit für individuelle Entwicklung. Dazu muss man nicht sein Geschäft umkrempeln, und oft reicht schon ein kleiner Schritt. Aber es braucht vor allem die Bereitschaft, sich kritisch zu hinterfragen und zu akzeptieren, dass die alten Zeiten nicht mehr wiederkommen.
Dieser Blog wurde verfasst von:
Vanessa
Boysen
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