Nach den ersten zehn Jahren seit dem Bologna-Prozess haben die Unternehmen so ihre Erfahrungen mit dem Bachelor-Abschluss gemacht. Nicht nur Lob für die schnelle Ausbildung, sondern auch viel Kritik ist zu hören. Arbeitgeber müssen in ihre neuen, jungen Mitarbeiterauch nach der Einstellung noch viel investieren. Eigene Fortbildungsprogramme, die Unterstützung von Masterqualifikationen in firmeninternen Unis oder Learning on the Job sind nur einige der bekannten Maßnahmen.
Jetzt wollen Allianz, Bertelsmann, Henkel und McKinsey gar ein neuartiges Praktikumsangebot für die Zeit zwischen Bachelor- und Masterstudium starten: Der HRmarketingblog hat Nico Rose, den Director Corporate Management Development, nach den Beweggründen gefragt.
Welche Absicht steckt hinter dem neuen Angebot „Gap Year“: Haben die beteiligten Unternehmen , in Ihrme Fall Bertelsmann bislang negative Erfahrungen gemacht?
Nico Rose: Nein, ganz im Gegenteil! Wir bilden in unseren konzerninternen dualen Studiengängen selbst Bachelors aus – und diese finden großen Anklang im ganzen Unternehmen. Jedoch zeigen unsere Erfahrungen und auch diverse Umfragen, dass ein großer Teil aller Bachelor-Studenten auf jeden Fall noch den Master machen möchte. Für diese Menschen möchten wir ein attraktives Angebot schaffen, zwischen den Studienabschnitten wertvolle Praxiserfahrungen zu sammeln.
Vom Versicherungs- bis zum Medienunternehmen – es ist doch ungewöhnlich, dass vier so unterschiedliche Konzerne „Gap Year“ gemeinsam auflegen?
Rose: Die vier Partner decken vier unterschiedliche Branchen ab, sind jedoch alle international führend und genießen ein hohes Renommee. Uns alle eint die Überzeugung, mit dem Programm ein attraktives und neuartiges Angebot zu schaffen, für das eine hohe Nachfrage besteht und von dem Teilnehmer und Arbeitgeber gleichermaßen profitieren. Ich persönlich mag diesen Gedanken sehr: Im Prinzip stehen wir alle in Konkurrenz zueinander um die besten Talente. Wir haben uns jedoch bewusst für eine firmenübergreifende Kooperation entschieden, weil wir glauben, dass uns dies weiterbringen wird. Diese Art zu denken passt auch sehr zur Zielgruppe des Programms, den sogenannten Digital Natives.
Sie versprechen sich doch Synergien?
Rose: Wir hoffen natürlich auch auf einen gewissen Branding-Effekt: Es kommt ja nicht alle Tage vor, dass sich vier führende Unternehmen für ein derartiges Projekt zusammenschließen. Wir glauben, dass das Gap Year viel Beachtung bei unserer Zielgruppe finden wird, weil es einfach eine tolle Chance ist. Und selbstverständlich freuen wir uns, wenn einige der Talente sich später für einen Festeinstieg bei Bertelsmann entscheiden. Ähnlich denken selbstredend alle Projektpartner.
Gibt es bestimmte Bachelor-Abschluss-Kandidaten die dafür besonders in Frage kommen?
Rose: Nein, wir freuen uns auf Bewerber jeglichen Hintergrunds. Allerdings setzen die Partner als Wirtschaftsunternehmen ein gewisses Interesse an ökonomischen Zusammenhängen voraus. Und natürlich hohe Begeisterungsfähigkeit, Lernbereitschaft und Engagement.
Was wird „Kandidaten geboten , die engagiert sind und mehr wollen“......
Rose: ..... wir gehen zunächst davon aus, dass alle Teilnehmer nach dem Programm erst einmal an die Uni zurückkehren. Natürlich haben alle Unternehmen Interesse daran, den Kontakt zu erfolgreichen Teilnehmern zu halten, so dass sich diese unter anderem gleich in mehreren Praktikanten-Bindungsprogrammen wiederfinden werden. Für mich wäre das Signal für den Erfolg des Gap Years.
Ist das Praktikum interdisziplinär beziehungsweise als Austausch-Angebot innerhalb der Unternehmen aufgesetzt?
Rose: Die Praktika sind in sich abgeschlossen, bauen also nicht aufeinander auf. Die übergreifende Perspektive wird aber durch ein Mentorenprogramm hergestellt. Das heißt schon während des initialen Praktikums bei McKinsey werden die Teilnehmer von Mitarbeitern der weiteren Partnerunternehmen in ihrer Entwicklung unterstützt.
Die Idee, dass sich Kandidaten beispielweise in einer Hilfsorganisation engagieren, ist sehr positiv. Denken Sie dabei auch an eine Möglichkeit, Bachelor-Absolventen eventuell für die Bertelsmann Stiftung tätig werden zu lassen oder in anderen ähnlichen Institutionen?
Rose: Die Teilnehmer entscheiden grundsätzlich selbst – auf Wunsch stehen die Partner hier beratend zur Seite. Eine Kooperation mit der Bertelsmann-Stiftung ist nicht vorgesehen. Sollte ein Teilnehmer jedoch einen entsprechenden Wunsch hegen, können wir sicherlich vermitteln.
Haben Sie schon Vorstellungen für weitere „Personalentwicklungsmaßnahmen“ in der Richtung von „Gap Year“?
Rose: Bertelsmann bietet bereits eine große Palette an Programmen: Unser Angebot reicht von der hauseigenen Ausbildung über das duale Studium und verschiedene Einstiegsmöglichkeiten für fertige Akademiker bis hin zum Bertelsmann Entrepreneurs Programm, einem Rotationsprogramm für High Potentials mit mehreren Jahren Berufserfahrung.
Grundsätzlich suchen wir jedoch immer weiter nach neuen, attraktiven Angeboten, die den Bedürfnissen von Jobsuchenden in einer immer stärker fragmentierten Bildungslandschaft entgegen kommen.