Viele Unternehmen in Deutschland lehnen eine starre Frauenquote ab, die flexible Quote wird nicht ausreichend umgesetzt. Auch wenn gerade ThyssenKrupp Gabriele Sons in den Vorstand beruft: In Deutschland tut sich wenig, der Anteil von Frauen in Spitzenjobs klettert im Schneckentempo. Es wird erneut um eine feste gesetzliche Frauenquote geworben mit Rückenwind aus Brüssel. EU Kommissarin Viviane Reding droht der Privatwirtschaft mit einer europaweiten Quote, um die von Männern dominierten Führungsetagen aufzumischen.
Michael Riermeier, Geschäftsführer des Frankfurter Beratungsunternehmen Raum Für Führung, umreißt im Interview mit dem HRmarketingblog noch einmal die Situation.
Warum tun sich deutsche Unternehmen so schwer, Frauen in Führungspositionen zu beschäftigen?
Michael Riermeier: Es sind nicht die Frauen mit denen sich deutsche Unternehmen schwer tun – es ist die Veränderung mit der sie kämpfen. Anlässe für Veränderungen sind vielfältig – und können einmal Frauen in Führungspositionen sein, aber auch Innovationen oder die Veränderung von Kundenbedürfnissen. Es geht im Kern immer darum, dass bisher etablierte und meist auch erfolgreiche Verhaltensweisen für die Gegenwart und/oder die Zukunft nicht mehr passend und angemessen sind. Also müssen Organisationen und die in ihr handelnden Personen ihr Verhalten ändern.
Und wie verändern Unternehmen ihre Verhaltensweisen?
Riermeier: Zunächst braucht es Einsicht. Eine Einsicht in die Notwendigkeit und die Sinnhaftigkeit eben jener Veränderung. Auf das Thema Frauen in Führungspositionen angewendet bedeutet dies folgende Fragestellung: Warum ist es notwendig, mehr Frauen in Führungspositionen zu bringen? Warum schafft es Mehrwert, Frauen in Führungspositionen zu bringen? Eine mittlere/obere Führungskraft mit geringem Erfahrungsschatz zu Frauen in Führungspositionen wird berechtigterweise die Frage stellen: Was bringt das der Organisation? Und auch: Was bringt es mir persönlich? Da die Anzahl von Führungspositionen in einer Organisation limitiert ist, ist es also ein knappes Gut, um die Interessenten – männlich und weiblich – im Wettbewerb stehen.
Das bedeutet konkret?
Riermeier: Es braucht zum einen eine Gelegenheit, in der der Mitarbeiter selbst positive Erfahrungen mit einer neuen Perspektive oder Einstellung sammeln kann. Für Unternehmen bedeutet das, Erfahrungsräume zu eröffnen, in denen sich Mitarbeiter begegnen und andere Perspektiven entwickeln können. Es wird von Mitarbeitern wie von Führungskräften erwartet, dass sie ihren Horizont erweitern. Desweiteren braucht es starke Persönlichkeiten und Motivatoren an der Spitze der Veränderung. Wie bei jeder Veränderung richtet sich der erste Blick aller Beteiligten prüfend in Richtung Unternehmensführung mit der entscheidenden Frage: Leben die Menschen an der Spitze der Veränderung diese selbst glaubwürdig vor? Sind sie Vorreiter und Leitbilder der Veränderung oder wird lediglich mit Apellen von mir die Veränderung erwartet?
Gibt es Branchenunterschiede?
Riermeier: Ja und nein – es gibt Cluster über Branchen hinweg. Branchen, in denen viel Interaktion und Kommunikation erforderlich sind wie zum Beispiel in vielen Dienstleistungsbranchen, ist der Anteil an weiblichen Führungskräften deutlich höher als in anderen Branchen. Zu nennen sind hier die Hotellerie und Gastronomie oder auch der Einzelhandel. Je mehr technische, mathematische oder naturwissenschaftliche Kompetenzen gefragt sind, umso männlicher sind die Organisationen geprägt. Das beginnt aber schon zu Schul- und Universitätszeiten. Aus unserer Sicht sehr interessant ist die Tatsache, dass es ein deutliches Ost-West-Gefälle gibt: Weibliche Führungskräfte gibt es in den neuen Bundesländern häufiger als in den alten Bundesländern.
Welche zusätzlichen Faktoren erschweren den Aufstieg der Frauen?
Riermeier: Das sind die Erwerbsbiographien und Entgeltsysteme, die Frauen benachteiligen. Mit der Entscheidung zur Familiengründung ist ein Elternteil mit der Nachwuchspflege gebunden. Das ist immer noch meistens die Frau, hier entscheiden Familien sehr rational-ökonomisch. Hinzu kommt eine gesellschaftlich-politische Dimension: In Deutschland herrscht - übrigens ähnlich wie in Italien und Spanien - ein historisch bedingter Argwohn gegenüber staatlicher Kinderbetreuung.
Dieser Blog wurde verfasst von:
Judith
Stephan
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