Die Verzweiflung hat ein Ende: Sechs Monate hatte die Karlsruher Softwareschmiede SIVIS Professional Services vergeblich versucht, eine SAP-Beraterstelle zu besetzen. In der Not entwickelte die interne Managerrunde eine pfiffige Idee: Der oder die Neue macht eine Woche Urlaub auf den Kanaren, bevor er bei der IT-Firma losgeht. Flugs wurden Stellenanzeigen auf Online-Portalen geschaltet und mit der Pressearbeit begonnen. Der Tenor aller Anzeigen „Erst Urlaub, dann Arbeit“. Der HRmarketingblog spricht mit SIVIS-Geschäftsführer Bernd Israel über die ungewöhnliche Maßnahme.
Herr Israel, was steckt hinter dem Konzept, neue Mitarbeiter erst in den Urlaub und dann zur Arbeit zu schicken?
Bernd Israel: Genau wie bei der Entwicklung unserer IT-Lösungen gehen wir bei der Rekrutierung unserer Mitarbeiter neue Wege – das ist schon das ganze Geheimnis.
Lohnt sich das Investment in Teneriffa?
Israel: Um jeden Preis. Überlegen Sie mal, was ein Headhunter kostet. Das Drei- bis Vierfache Monatsgehalt eines neuen Mitarbeiters. Dagegen ist die Investition, die uns ein Kanarenurlaub kostet, überschaubar.
Wie viele SAP-Berater beziehungsweise andere Mitarbeiter suchen Sie derzeit?
Israel: Wir haben ja im Spätherbst mit dieser kreativen Form der IT-Beratersuche begonnen. Weil das bei den Bewerbern so gut ankam – zehn qualifizierte Bewerbungen waren die Folge – geht unser Modell jetzt sozusagen in Serie: Wir schreiben zunächst zwei weitere SAP-Beraterstellen so aus – und dann schaun mer mal, wie der Franz sagen würde.
Welche Learnings haben Sie aus dem Fachkräftemangel mitgenommen?
Israel: Sei kreativer als der Wettbewerb. Wenn du etwas Neues machst, fokussiere dein gesamtes Marketing darauf: angefangen beim ungewöhnlichen Wording der Stellenanzeige, in der plakativen Verknüpfung mit einem Comic – bis hin zur Bündelung mit der eigenen Pressearbeit. Nutze dabei alle Kanäle, die dir zur Verfügung stehen: online wie offline.
Sie haben die Idee für die außergewöhnliche Personalmarketingmaßnahme auf einer internen Managerrunde ersonnen. Wie lief das ab?
Israel: Wir hatten ein halbes Jahr lang vergeblich nach kompetenten SAP-Beratern per klassischer Stellenanzeige gesucht. Ergebnis: niente. Das war immer wieder Thema bei uns. Bei einer unserer zweiwöchentlichen Managerrunden hatte dann ein Mitarbeiter die rettende Idee: Warum schicken wir die Leute nicht erst in den Urlaub – und dann an den Schreibtisch bei der SIVIS? Wir haben uns alle angeschaut – und wussten sofort: Das ist es!
Wer hat für Sie die Gestaltung der auffälligen Anzeigenmotive übernommen und wie haben sie den Plan dann in die Tat umgesetzt?
Israel: Wir arbeiten mit JaMedia aus Hannover zusammen. Diese Agentur für kreative Öffentlichkeitsarbeit hatte sofort die Medienwirksamkeit des Themas erkannt, uns auf die Idee mit dem Comic gebracht, einen Zeichner organisiert – und die Stellenanzeige umgetextet. Neben der Neuen Presse in Hannover berichtet haben mittlerweile die "Badische Zeitung" in Freiburg, die "Nürnberger Nachrichten", der "Heise-Verlag" und der "Focus". Man kennt uns mittlerweile in der Republik.
Können Sie ein Bewerbungsinterview mit einem Kandidaten kurz beschreiben? Haben sich auf die Inserate andere Personen als sonst gemeldet?
Israel: Wir wollen natürlich als SIVIS überzeugen – und nicht als Veranstalter kostenloser Urlaubsreisen. Lassen Sie mich kurz erklären, was wir machen: Die SIVIS vertreibt seit 2001 eine SAP-kompatible IT-Software namens SiAM – von uns programmiert und von Walldorf zertifiziert. SiAM steht für Simplified Authorization Manager. Dahinter steckt ein modular aufgebautes System zur beschleunigten Verwaltung und Pflege von Benutzern sowie ihren SAP-Berechtigungen. Dem ersten SAP-Berater, den wir eingestellt haben, gefiel einfach die Aktion. Er hatte den Artikel dazu in der Badischen Zeitung gelesen und dann die Anzeige gegoogelt. Seine Reaktion im Bewerbungsinterview auf eine Kurzformel gebracht: Das ist eine innovative Firma, die lassen sich was einfallen, das passt zu mir. Ansonsten melden sich weder andere Personen als sonst bei uns auf die Anzeige, noch verlaufen die Bewerbungsgespräche anders. Wir schauen auf die fachliche Kompetenz, die Erfahrungen, die soziale Kompetenz, ob die Person ins Team passt und wie die Gehaltsvorstellungen sind. Die Reise auf die Kanaren – das war immer erst Thema am Schluss des Vorstellungsgesprächs. Für die Bewerbung selbst war es natürlich der Aufhänger.
Weil die Idee so gut ankam, wollen Sie die Recruiting-Maßnahme fortsetzen und zwei weitere Stellen ausschreiben? Können Sie dazu ein paar Details nennen?
Israel: Die Rückmeldungen auf die Online-Anzeigen sind überaus erfreulich. Zehn qualifizierte Bewerbungen haben wir bislang erhalten. Das Verfahren läuft – wir nehmen auch noch Bewerbungen entgegen. Von der außertariflichen Maßnahme profitieren ja alle Seiten: Die neuen Mitarbeiter machen sich eine schöne Woche – und die SIVIS gewinnt qualifizierte und motivierte Kollegen. Unser erster auf diese Weise gewonnene SAP-Berater steigt am 1. März in seinen Flieger nach Teneriffa. Da bin ich natürlich in Basel am Flughafen, um ihm einen schönen Urlaub zu wünschen. Ich habe ja schließlich eine Fürsorgepflicht für meine Mitarbeiter. Sein erster Auftrag heißt: ab in die Sonne. Der neue Mann muss dann aber noch wirklich etwas für uns tun: jeden Abend um Punkt 20 Uhr einen Urlaubsblog auf unserer Homepage www.sivis.com posten. Schließlich wollen wir wissen, was er so den ganzen Tag gemacht hat. Und wenn er da am ersten Abend ein Foto von sich mit Cocktail in der Hand am Pool hochlädt und „Danke SIVIS“ schreibt, bin ich auch zufrieden. Dann kehrt er hoffentlich gut erholt zum eigentlichen Arbeitsbeginn zurück – und lernt das Büro und seinen Schreibtisch kennen.