Die Krise der Verlage geht auch an den Ausbildungsstätten nicht spurlos vorüber. Jörg Sadrozinski, Leiter der Deutschen Journalistenschule (DJS) in München, sprach mit uns über die Folgen für sein Institut – und für die gesamte Branche, denn seine These lautet: Mehr und mehr Zeitungen könnten in wirtschaftliche Schieflage geraten, wenn sie nicht bereit und in der Lage sind, ihre Geschäftsmodelle und Produktionsbedingungen grundlegend zu ändern. Was wiederum Auswirkungen auf deren Attraktivität als Arbeitgeber haben dürfte.
Herr Sadrozinski, im vergangenen Jahr sorgten die Verlage für wenig positive Schlagzeilen: Prinz, Financial Times Deutschland (FTD) und Frankfurter Rundschau (FR) sind in mehr oder weniger gravierenden Schwierigkeiten oder sogar ganz vom Markt verschwunden. Steckt der Journalismus in der Krise?
Jörg Sadrozinski: Es ist ein Finanzierungsproblem, der Journalismus als solcher ist nicht in Gefahr. Viele Online-Sites bieten ihre Inhalte, und zwar wirklich gute Inhalte, umsonst an. Kein Bäcker würde seine Ware verschenken – aber genau das tun wir.
Wird uns also, Ihrer Einschätzung nach, die Krise auch in diesem Jahr begleiten?
Sadrozinski: Da ist ein tiefgreifender Transformationsprozess im Gange, der nicht auf Blätter wie FTD und FR beschränkt ist. Mehr und mehr Zeitungen werden in wirtschaftliche Schieflage geraten, wenn sie nicht in der Lage sind, ihre Geschäftsmodelle und Produktionsbedingungen grundlegend zu ändern.
Was bedeutet das alles für die Deutsche Journalistenschule?
Sadrozinski: Das heißt für uns, dass wir den jungen Kollegen ungeschminkt die Situation aufzeigen und ihnen ehrlich sagen müssen: Schaut euch auch nach Alternativen um! Zugleich müssen wir die Ausbildung so breit aufstellen, dass sie in der Lage sind, umzuswitchen. Unsere Absolventen bei der FTD zum Beispiel können sich mit ihrem Wissen und Können genauso beim Radio oder Fernsehen bewerben, in Agenturen oder Online-Firmen gehen.
Verliert der Journalismus angesichts der Negativschlagzeilen bei den jungen Zielgruppen an Attraktivität?
Sadrozinski: Die DJS lädt immer wieder namhafte Kollegen ein, zuletzt Vera Schröder, Chefredakteurin von Neon. Da war die Bude voll und alle Augen leuchteten. Natürlich ist die Lage schwieriger geworden, aber der Journalismus hat nichts von seiner Anziehungskraft verloren. In welchem Beruf lernt man schon so viele Persönlichkeiten kennen und taucht in so spannende Themen ein?
Zu den Trägern der DJS gehört der Süddeutsche Verlag, in dem auch W&V erscheint. Die Schule gilt als Haus mit hohem Anspruch. Schlägt sich die Krise in sinkenden Bewerberzahlen nieder?
Sadrozinski: Ja, die Tendenz ist feststellbar. Zum einen, weil die jungen Leute ihre beruflichen Aussichten durchaus realistisch einschätzen. Zum anderen ist dies eine Folge der demografischen Entwicklung, wie sie andere Schulen und Akademien auch spüren. In früheren Jahren verzeichnete die DJS über 2000 Anmeldungen, aktuell sind es 1500. Eine Test-Reportage für das Auswahlverfahren reichen zwischen 500 und 700 Bewerber ein. Bei 45 Plätzen, die wir vergeben, ist das aber immer noch komfortabel, was mit dem Renommee der Schule zu tun hat.
Dennoch dürften sich die Jobaussichten Ihrer Absolventen verschlechtern – und damit Ihre Vermittlungsquote. Thematisieren Sie die jüngsten Ereignisse in Ihren Seminaren?
Sadrozinski: Natürlich fragen die Studenten nach. Unsere Dozenten sprechen das Thema ebenfalls in den Seminaren an, durchaus mit provokantem Unterton. Das verunsichert gerade zu Beginn der Ausbildung die angehenden Kollegen. Einige nehmen das später zum Anlass, die Seiten zu wechseln und in die PR-Branche zu gehen, weil ihnen der Journalismus als Beruf zu unsicher geworden ist. Dennoch stehen die Jobchancen für unsere Absolventen gut, auch weil wir als traditionsreiches Institut über einen sehr aktiven und gut funktionierenden Kreis aus mehr als 1200 Alumni verfügen. Da öffnet sich manche Tür, zumal ein Teil der Ehemaligen in einer hierarchischen Position ist.
Im Unterschied zu früher müssen Journalisten heute auch unternehmerisch denken. Sehen Sie die Schule in der Pflicht, Ihre Absolventen zu befähigen, an der Entwicklung neuer Geschäftsmodelle für die Medienbranche mitzuwirken?
Sadrozinski: Kürzlich hat der Kabarettist Dieter Hildebrandt sein Projekt Stoersender.tv vorgestellt, das sich über die Crowdfunding-Plattform Startnext finanziert. Das habe ich mir mit einigen Schülern näher angeschaut. Solche alternativen Formen der Finanzierung – ebenso wie Selbstmarketing über Blogs oder Facebook – sind selbstverständlich heute gefordert.
Planen Sie in diese Richtung Veränderungen bei den Lehrinhalten?
Sadrozinski: Anpassungen haben wir vorgenommen, etwa bei Fernsehen und Online. Wesentlicher Bestandteil gleich zu Beginn der Videoausbildung ist jetzt ein VJ-Kurs. Durch das Vorziehen der Lehreinheit sind die filmischen Ergebnisse sehr viel besser geworden. Ein weiterer Punkt ist die Arbeit mit modernen Content-Management-Systemen. Wir werden 2013 hier im Haus ein CMS haben, mit dem die Schüler Webseiten erstellen und pflegen.
Bereiten Sie Ihre Studenten so auf Alternativen zu Print vor, etwa auf Tätigkeiten bei Internet-Start-ups oder im Corporate Publishing?
Sadrozinski: Genau das passiert. Allerdings tue ich mir – auch in Anbetracht der kurzen Ausbildungszeit – schwer damit, unseren Lehrplan in großem Stil Richtung Corporate Publishing zu verschieben. Das wäre falsch. Wichtig ist eine Rückbesinnung auf urjournalistische Tugenden: tiefe Recherche, gute Schreibe, Hintergründe und Zusammenhänge erklären. Das ist die Basis, auf der man aufbauen kann, auch für andere Medienberufe. Unser erstes Ziel sollte sein, wirklich gute Journalisten auszubilden.
Gehört dazu nicht auch Know-how zur Existenzgründung oder das Schreiben von Business-Plänen?
Sadrozinski: Das wäre zu überlegen. Bisher steht das nicht auf dem Lehrplan.
Wo sehen Sie denn noch alternative Beschäftigungsmöglichkeiten?
Sadrozinski: Kommunikation ist unser Geschäft – und da kann ich mir vieles vorstellen. Seit Jahren gehen Absolventen auch zu Internet-Firmen, manche werden Werbetexter. Vielleicht produziert ja in Zukunft auch Google Content und braucht dafür gute Leute. Oder es entstehen weitere journalistische Plattformen im Netz.