Das Karriere-Netzwerk Xing kam bei der Auswertung seiner Mitgliederprofile in Deutschland zu einem überraschenden Ergebnis: Nach dem 30. Lebensjahr nimmt die Chance auf Führungsverantwortung rapide ab. Wer es bis dahin nicht geschafft habe, so die Experten, dessen Chancen sänken von Jahr zu Jahr. Die Hamburger haben für ihre Analyse mehr als vier Millionen deutsche Accounts ausgewertet. Eine profunde Datenbasis also.
44 Prozent aller Führungskräfte, so das Ergebnis, haben spätestens mit dem 30. Lebensjahr ihr eigenes Team. In den zehn daran anschließenden Jahren sinkt die Chance auf Führungsverantwortung um durchschnittlich zehn Prozent pro Jahr. Mit 40 hat man nur noch eine Chance von zwölf Prozent auf einen leitenden Posten, mit 50 liegt sie dann bei einem mageren Prozent.
Das Muster, meint Xing, zeigt sich branchenübergreifend. Es gilt für die IT-Industrie ebenso wie für Telko, Banken und Versicherungen wie für die Beratung. Einzige Ausnahme bildet die Werbebranche. Sie unterbietet den Jugendschnitt sogar noch: Rund 90 Prozent der Werber haben schon mit 28 Jahren eine Führungsposition, so Xing. Mit 40 schaffen es dann nur noch neun Prozent nach oben.
Das erinnert an das böse Bonmot eines Münchner Kreativen: „Mit 40 ist man im Agenturgeschäft entweder in der Geschäftsführung oder der Hausmeister.“ Oder an die tickende Uhr der Frauen. Ab 30 rechnen Mediziner den Damen doch gerne ihre abnehmenden Schwangerschaftschancen vor.
Kann es wirklich sein, dass der Karrierezug ab 30 so rasant abfährt? Und das in einem Land, dessen Akademiker beim Abschluss immer noch gerne die 30er-Grenze schrammen, trotz aller Bemühungen um Bachelor und Bologna-Reform? Also von der Uni direkt auf den Chefsessel?
Vielleicht saß Xing bei seiner Auswertung dem Mafo-Phänomen der Sozialen Wünschbarkeit auf. Es ist eine altbekannte Weisheit, dass bei schwierigen oder intimen Fragen gerne verzerrte Ergebnisse entstehen - zumal Begriffe wie Chef oder Führungskraft durchaus dehnbar sind. Gehalt und Jobprofil gehören sicherlich ebenfalls in diese Kategorie. Schließlich sitzt kein Vorgesetzter daneben und prüft die Fakten, wenn die Social Medias ihre Daten einpflegen. Wer sagt denn, dass manches Führungsprofil nicht geschönt ist? Sollte diese Skepsis unangebracht sein, dann herzlich willkommen im Land der Juniorchefs.
Dieser Blog wurde verfasst von:
Dorothee
Rothfuß
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