Eigentlich ist der Social-Media-Hype vorbei, das Thema ist in der Realität des Personalmarketing-Alltags angekommen. Allerdings stehen viele Unternehmen noch am Rande. Auf dem Human Ressource Marketing Congress am 23. Oktober in München erarbeitet Lutz Altmann, Geschäftsführer von Humancaps Media und Blogger, im Rahmen eines World-Café gemeinsam mit den Teilnehmern, wie sie in die Kommunikation im Social Web einsteigen können. Unter dem Titel „So finden Mittelständler Fach- und Führungskräfte“ vermitteln auf dem HRMC am 23. Oktober in München Experten aus Unternehmen Know-how für das Personalmarketing und gewähren einen Einblick in ihre Praxis.
Die jüngste Ausgabe der Social-Media-Recruiting-Studie ergibt eine enorme Steigerung der Nutzung von Social Media in Personalmarketing und Recruiting – allerdings bei einer sehr affinen Zielgruppe. Wo stehen wir bei der Nutzung von Social Media in Personalmarketing und Recruiting?
Lutz Altmann: Man kann sagen, die Schere ist noch weiter auseinander gegangen. Die wenigen Social-Media-affinen Unternehmen nutzen schon heutzutage Social Media relativ intensiv für das Personalmarketing und Recruiting. Kommunikation über Facebook Karrierefanpages, der Aufbau eines Unternehmens- bzw. Karriereblogs sowie Active Sourcing auf Xing oder LinkedIn gehören hier schon zum Handwerkszeug der Personaler, die Erfahrung wächst rasant. Zu diesen Unternehmen gehören vor allem größere, aber auch Recruiting-orientierte Unternehmen, die verstanden haben, dass das (positive) Arbeitgeberimage auch im Social Web weiter ausgebildet wird. Auf der anderen Seite warten immer noch sehr viele Unternehmen ab – und manche hoffen irgendwie auch noch, dass der Social-Media-Kelch an Ihnen vorbeigeht. Die Betriebe finden noch nicht den richtigen Ansatz um Social Media gezielt in die HR-Arbeit einzubauen. Dies liegt vor allem an der geringen Erfahrung im Social Web bei den Personalern und falschen Erwartungen. Mal eben eine Karrierefanpage auf Facebook gestellt und schon kommen die Bewerber in Scharen zu unserem Unternehmen, funktioniert halt nicht. Alle sozialen Netzwerke bauen auf Kontakte und Kommunikation untereinander auf. Ob Kleines oder mittleres Unternehmen oder Großer Konzern – das wird häufig noch unterschätzt. Nur Anzeigen zu schalten reicht halt nicht mehr aus. Ich muss zeigen, was mein Unternehmen ausmacht und warum Kunden, Partner und Bewerber Kontakt aufnahmen sollten. Zudem sind auch die Chancen von Offenheit und Transparenz bei vielen Entscheidern noch gar nicht angekommen.
Gerade kleine und mittlere Unternehmen tun sich schwer, weil das Thema Ressourcen erfordert: Wie können Mittelständler einsteigen?
Altmann: Ja, leider ist dies noch ein Fakt. Viele führen dies auf mangelnde Ressourcen zurück. Doch dies ist ein schwerer Denkfehler. Wenn ein mittelgroßes Unternehmen mit vielen Vakanzen Social Media für sich schon einsetzt, dann vor allem weil diese die Chance von Social Media erkannt haben. Im Vergleich zur Anzahl der zu besetzenden Positionen haben diese Unternehmen nicht mehr Ressourcen. Daher haben insbesondere kleine Unternehmen eine größere Chance ins Social Web einzusteigen. Die Wege sind nicht nur viel kürzer, sie sind wesentlich direkter und persönlicher. Dies erleichtert die Kommunikation enorm. Denn genau dies ist das Social Web: Kommunikation.
Doch wie können die Unternehmen nun einsteigen?
Altmann: Einen einheitlichen Fahrplan für alle gibt es natürlich nicht. Eine gewisse individuelle Ausrichtung sollte für jedes Unternehmen konzeptionell vorgenommen werden. Für den Einstieg sollten sie auf jeden Fall XING und/oder LinkedIn für das Personalmarketing und Recruiting nutzen. Personenbezogene Recruitingprofile, ein Unternehmensprofile und die Nutzung von Gruppen ist eine der ersten Maßnahmen für jedes Unternehmen. Im nächsten Schritt sollten sie die einzelnen Zielgruppen noch konkreter abgrenzen, um dann zu entscheiden auf welchen Netzwerken eine Unternehmens-Präsenz mehr Erfolg verspricht. Zurzeit sehen wir im Aufbau eines Unternehmensblogs mit karrierebezogenen Inhalten zum Unternehmen eine der größten Chancen, insbesondere für kleine und mittlere Unternehmen. Entscheidend ist jedoch nicht das Vorhandensein eines Accounts, sondern die Art und Weise wie ich mit meinen Fans, Lesern oder Followern interagiere.
Inwiefern müssen sich Betriebe intern darauf einstellen, Strukturen und die Kultur verändern?
Altmann: In einem Satz auf den Punkt gebracht: Wenn die Unternehmen ihre Strukturen und Kulturen nicht ständig an die Kommunikationswelt anpassen, werden sie es sehr schwer haben noch weiter zu existieren. Doch das heißt andererseits nicht, dass nun alle auf Facebook, Twitter und Co. vertreten sein müssen. Es gilt, den richtigen Mix bei Struktur und Kultur zu finden. Wir Menschen verändern unsere Kommunikationsgewohnheiten im Alltag ständig. Die mobile Nutzung wird immer wichtiger bei unserem täglichen Agieren. Und dies kann ich nicht an der Eingangstür meines Unternehmens komplett ausschließen, nach der Devise: „Mobile Kommunikation, Du kommst hier nicht rein!“ Daher verändert sich die Kommunikationskultur fast schon automatisch in den Unternehmen. Und das gilt es in die Flexibilisierung der Strukturen ständig einfließen zu lassen. Wer hier die richtige Geschwindigkeit der Veränderungen für seine Mitarbeiter findet, wird in Zukunft noch erfolgreicher sein können.
Unter welchen Umständen sollten Unternehmen lieber die Finger von Social Media lassen?
Altmann: Unter keinen Umständen! Aussperren wird bei keinem Unternehmen zum Erfolg führen. Wir sollten hier nicht schwarz-weiß denken. Eine gewisse Nutzung von Social Networks gibt es immer. Die eigenen Mitarbeiter haben beispielsweise ein Xing-Profil oder mein Unternehmen wird bei Kununu bewertet. Dies kann und sollte ich nicht ignorieren. Daher gibt es aus meiner Sicht keinen Grund, die Finger von Social Media zu lassen. Nur sollte man es bitte richtig machen und nicht mit diffusen Erwartungen ins Social Web einsteigen. Social Web: Ja – aber bitte gezielt.