iPad-Relaunch | | von Karsten Lohmeyer

Gutjahr über Apple: "Zu oft sollte man einen Teebeutel nicht aufgießen"

Richard Gutjahr ist Deutschlands wohl renommiertester journalistischer Blogger. Als er sich 2010 für 23 Stunden in die Schlange vor dem Apple Store in der Fifth Avenue einreihte und zum ersten Käufer des damals neuen iPad wurde, dokumentierte er das in seinem Blog – und wurde zum bekanntesten "Apple Fanboy" der deutschen Medienszene. W&V-Autor Karsten Lohmeyer hat ihn kurz nach der Vorstellung des neuen iPad Air dazu befragt, ob die Marke Apple inzwischen ihren Höhepunkt überschritten hat.

Richard, gerade hat Apple das neue iPad Air vorgestellt. Würdest du dich dafür heute noch in eine der berühmten Apple-Schlangen stellen?

Nein, das stand 2010 auf meiner Liste der Dinge, die ich einmal gemacht haben wollte, und ist somit abgehakt. Übrigens wollte ich ja ursprünglich die Menschen in der Schlange für einen journalistischen Beitrag porträtieren. Da mir das kein Medium abgekauft hat, habe ich mich eben selbst angestellt.

Zuletzt gab es ja beim Verkaufsstart des iPhone 5S wieder riesige Schlangen vor den Apple Stores. Zum Verkaufsstart des iPad Air am 1. November dürfte es wieder so sein. Ist das eigentlich noch sinnvoll?

Das hat schon 2010 keinen wirklichen Sinn gehabt. Denn wäre man einfach nur zwei Stunden nach Ladenöffnung in den Apple Store spaziert, hätte man das Gerät auch so bekommen.

Warum stellen sich dann die Menschen trotzdem in Scharen an?

Das Schlangestehen hat nichts mit dem Gerät als solches zu tun, sondern mit dem Happening. Es ist ein besonderes Gefühl, wenn man weiß, dass man nicht der einzige Trottel auf der Welt ist, der für ein Stück Technik nachts auf dem Betonboden schläft.

Trotzdem hat man in letzter Zeit immer wieder das Gefühl, dass die lange unangreifbar scheinende Marke Apple wackelt. Siehst du das ebenso?

Apple ist schon so oft totgeschrieben worden. Ich müsste mich schon sehr wundern, wenn es bei Apple nicht noch die eine oder andere Produktidee gibt, die den alten Nimbus wiederherstellt. Auch das iPad hat von den ersten Gerüchten bis zu seinem Marktstart zwei Jahre auf sich warten lassen.

Die Apple-Fangemeinde wartet nun aber schon recht lange auf die nächste Innovation. Sind Apple nach dem Tod von Steve Jobs die Ideen ausgegangen?

Es ist sicherlich wahr, dass seit der letzten Revolution einig Jahre ins Land gegangen sind und dass Apple sich seitdem seine Innovationen durch jährliche Upgrades wie jetzt das iPad Air versilbern lässt …

… und dann ist da noch die Konkurrenz, die ziemlich aufgeholt hat.

Ja, die Konkurrenz hat inzwischen gelernt, immer schneller und immer besser zu kopieren – und hat Apple dabei zum Teil auch technisch überholt. Man darf aber nicht den Fehler machen, zu übersehen, dass der Teufel oft im Detail liegt. Und während viele Konkurrenzfirmen auf manche Kleinigkeiten leichtfertig verzichten, legt Apple gerade auf diese Details gesteigerten Wert. Diese Detailverliebtheit, ja Besessenheit, macht die Marke Apple aus.

Warum läuft eigentlich der Verkauf der bunten iPhones 5C so schlecht?

Weil die Leute Premium von der Marke Apple wollen und der Preisunterschied von 100 Euro zum iPhone 5S zu gering ist. Wer schon bereit ist 600 Euro für ein Smartphone zu zahlen, zahlt auch 700 Euro.

Spielt der Preis bei Apple keine Rolle?

Apple kann es sich leisten, horrende Preise zu verlangen, um damit die Konkurrenz im Gewinnanteil zu schlagen. Was mir auffällt ist, dass seit drei oder vier Jahren in den Keynotes kontinuierlich gesondert auf China hingewiesen wird. Das ist kein Zufall. Apple will durch Dominanz auf dem chinesischen Markt offensichtlich nicht nur auf Qualität, sondern auch auf Quantität setzen.

Ist das Potenzial der Marke Apple im Westen also ausgereizt? Muss man nach China gehen, um weiter erfolgreich zu sein?

Den Massenmarkt hat Apple auch im Westen noch nicht komplett leer gefischt. Die Anzahl der neuen Apple Stores spricht dafür, dass es noch gewaltiges Potenzial gibt. Aber allzu oft sollte man einen Teebeutel nicht aufgießen. Wenn es nicht nächstes Jahr gelingt, ein völlig neues Produktfeld zu erschließen, wie man es mit dem iPod, iTunes, dem iPhone und dem iPad geschafft hat, dann teile ich die Sorge, dass die Marke Apple leiden wird.

Was könnte dieses neue Produktfeld sein?

Da gibt es gar keine Frage. Das große Thema, die letzte große Schlacht, die Steve Jobs schlagen wollte, ist die Schlacht um das Wohnzimmer. Ich meine den sagenumwobenen Apple-Fernseher. Es kann nicht mehr so lange dauern, bis Apple aus seinem Hobby "Apple TV" ernst machen wird. Ich sehe aber auch da eine starke Konkurrenz. Google zum Beispiel hat mit dem "Chromecast Stick" einen Achtungserfolg gelandet.

Was wird das Besondere an einem Apple-Fernseher sein?

Ich glaube, alle Produkte wie iPad und iPhone inklusive des neuen Betriebssystems Maverick laufen auf ein und dasselbe hinaus: auf die vollständige Auflösung von Inhalten, Räumen und Displays. Das soll heißen: In Zukunft wird es egal sein, an welchem Ort und mit welchem Gerät du deine Inhalte sehen willst. Alles ist nur Mittel zum Zweck, um die gewünschten Inhalte aus der Cloud auf den Bildschirm zu holen, der dir gerade am nächsten ist. Deshalb ist meine These, dass wir alle den Apple-Fernseher schon mit uns herumtragen, es ist das Smartphone oder Tablet. Das habe ich in einem Blogbeitrag ausführlich beschrieben.

Wer rüttelt eigentlich am stärksten an Apples Thron? Ist es der Hersteller Samsung, der mit seinen Galaxy-Geräten immer mehr Marktanteile erobert?

Nein, das ist definitiv Google.

Warum?

Weil Google alle Felder besetzt, die in Zukunft wichtig sein werden: Web-Services und Daten. Geräte kann jeder bauen, aber die Hoheit über die Daten und die Kombination von Daten und Internet-Diensten wird über Sieg und Niederlage entscheiden. Man muss sich nur ansehen, wie es eine Firma wie Netflix geschafft hat, ihr Schicksal umzupolen, indem sie auf besonders schlaue Weise Nutzen aus ihren Kundendaten gezogen hat. Reine Gerätebauer wie Samsung oder HTC kommen und gehen, aber die Daten werden zum entscheidenden Faktor – und da ist Google ganz weit vorne. Nicht umsonst hat Steve Jobs in seiner Autobiographie verraten, dass er bereit gewesen sei, gegen Google "in den thermonuklearen Krieg" zu ziehen.

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