| | von Frank Zimmer

Christoph Kappes über die neue Google-Strategie: "Android ist Mainstream, Apple bleibt Premium"

Für Sascha Lobo ist er der "Internetintellektuelle": Christoph Kappes gilt als einer der klügsten Köpfe der deutschen Digital-Branche. Der frühere Agenturchef (Xplain) und Pixelpark-Manager berät mit seiner Consulting-Firma Fructus Unternehmen und Medienhäuser, schreibt für die "FAZ", bloggt und ist nun auch auf Google Plus unterwegs. W&V Online hat Kappes zur Markenstrategie von Google und dem Marktpotenzial von Android befragt.

Herr Kappes, dass Google Firmen kauft und ständig neue Dienste startet, ist ja eigentlich nichts Neues. Seit einigen Monaten wirkt das aber alles ein bißchen anders. Der schwarze Navigationsbalken auf der Startseite, der Launch von Google Plus und jetzt auch noch die Übernahme eines echten Markenkonzerns. Bisher war Google eher eine Produktfamilie. Erleben wir gerade die Weiterentwicklung zur Markenfamilie?

Nein, aus einer Konzernstruktur mit einer starken Tochter-Marke würde ich nicht auf eine Änderung der Markenstrategie der Mutter schließen. Was man aber sieht ist, dass Google zwei Schritte parallel macht. Erstens wird die bisherige Bunte-Bälle-Kommunikation der spielenden Nerds wird durch mehr Seriosität im Auftreten verdrängt. Zweitens vereinheitlicht Google die Nutzerfrontends vieler Produkte und bringt sie auf den Stand heutiger Usability; Anlass für das zweite ist aber auch, dass man mit Personenbeziehungen eine weitere Datendimension bei allen Produkten hat, weswegen man sie ohnehin anfassen musste. Ich habe mich ehrlich gesagt aber schon länger gewundert, wie einer der erfolgreichsten IT-Konzerne der Welt zwar den teuersten Online-Werbeplatz der Welt für sein Logo hat, aber an allen anderen Orten eher den Charme einer Garagenfirma zu versprühen versucht. Das ist für die deutsche Wahrnehmung doch recht gewöhnungsbedürftig.

Das perfekte Zusammenspiel von Marke, Services und Corporate Identity ist ja eigentlich eine Apple-Domäne. Könnte das jetzt auch die Richtung von Google sein?

Ja, weil es jede Top-Marke so macht. Google muss dabei aber eine Gratwanderung machen, weil es sich gegenüber Microsoft und Apple differenzieren und eine dritte Rolle finden muss. Eine schwarze Leiste ist da noch keine Lösung.

Wie stark darf die Marke Google eigentlich werden?

So viel stärker kann sie ja gar nicht mehr werden, Google ist ja schon Top, wenn Sie mal die Brand Value-Rankings ansehen. Was die Stärke des Unternehmens im Markt angeht, würde ich sagen: solange Google nicht diskriminiert, ist alles okay. Ab einer gewissen Marktmacht würde ich allerdings Internetplayer unter eine vorsichtig-beobachtende Fachaufsicht stellen, welche die Kakophonie aus der Politik und die einseitigen Datenschützer-Statements durch eine Politik der ruhigen Hand ersetzt, die weiß, was sie tut und dann auch zu wirksamen Maßnahmen greift, statt als Minister auf Facebook sein eigenes Ministeramt zu beschädigen.

Für manche Leute ist Google ja eine Datenkrake. Apple ist in Sachen Datenschutz wahrscheinlich noch lässiger, aber man verzeiht es eher. Wieso eigentlich?

Diese Diskussion finde ich irrational. Alle großen Internet-Player haben auf ähnlichen Gebieten ähnliche Angriffsflächen, weil es ähnlich technisch-konzeptionelle Fragestellungen sind, die sie bearbeiten. Die Diskussion um "evil or not" ist Ergebnis der dauernden Boulevardisierung unserer Leitmedien. Die Projektionen von Gefühlen der Fanboys aller Lager auf Hardware und Firmierung von Apple bzw Google sind Soap.

Der Motorola-Deal macht Google zum Tablet-Hersteller. Ist das eine Gefahr für das iPad?

Mittelfristig ja, aber das ist gut so. Jede Gefahr für das iPad, die sich realisiert, ist ein Zeichen dafür, dass trotz starker Oligopolbildung der Markt noch funktioniert.

Sie sind selber iPhone-Besitzer und haben wahrscheinlich auch ein iPad. Haben Sie selbst schon mal über die Anschaffung eines Android-Geräts nachgedacht?

Ja. Aber nur weil ich als Profi wissen muss, wie sich Internet für die Mehrzahl aller Nutzer anfühlt. Android ist Mainstream, Apple ist Premium – und das wird auch so lange so bleiben, wie Apple mit der eigenen Strategie erfolgreich ist.

Warum ist Apple Premium, wenn ich mittlerweile an jeder Straßenbahnhaltestelle Leute mit iPhones sehe? Gar nicht zu reden vom Tablet-Markt, da ist Apple ja eigentlich eher das, was man in der Autobranche Volumen-Hersteller nennt.

Materiell gesehen geht es um Qualitätsmerkmale wie Schnittstellen, Softwarequalität, Robustheit der Hardware und so weiter. Man sieht es äußerlich über den durchsetzbaren Preis und den Marktanteil. Beim Desktop liegt der Apple-Marktanteil zwischen fünf und zehn Prozent und die Produkte sind deutlich teurer als die der Konkurrenz. Bei iPod, iPad, iPhone hat Apple zwar einen grossen Marktanteil, ist aber immer im obersten Preissegment. Sehr schön sieht man das beim iPhone: Was kostet das billigeste iPhone? Ich glaube 400 Euro ohne Vertrag. Ein Android wie HTC Widlfire liegt bei 200 Euro.

Welche Google-Services nutzen Sie eigentlich persönlich?

Ich nutze Google Plus sehr intensiv und ein bisschen Docs. Für die Business-Nutzung reicht es zu mehr nicht, solange Google keine weitreichenden rechtlichen Garantien an Vertraulichkeit gibt und solange US-Behörden hier eine Rolle spielen. Meine Kunden würden das nicht mögen. Ach ja: Und die Suchmaschine nutze ich auch.

Christoph Kappes über die neue Google-Strategie: "Android ist Mainstream, Apple bleibt Premium"

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