Online-Rezension | | von Karsten Lohmeyer

Huffington Post Deutschland: Hurra, es ist eine …Webseite

Unter LousyPennies.de bloggt Karsten Lohmeyer übers Geldverdienen mit Journalismus – und dennoch gehört er zu den ersten, die ohne Bezahlung für die Huffington Post einen Gastbeitrag verfasst haben. In einem (bezahlten) Beitrag für W&V verrät er, was er von der angeblichen Neuerfindung des Journalismus hält. 

Arianna Huffington ist eine faszinierende Frau, Chefredakteur Sebastian Matthes richtig nett und Cherno Jobatey …Nun, der langjährige Morgenmagazin-Moderator hat zwar leichte Schwierigkeiten sich den Namen der Webseite zu merken, für die er ab sofort als „Editorial Director“ tätig sein wird, aber ist irgendwie total knuffig – und hat ja auch schon für die "Taz", den "Spiegel" und "Die Zeit" geschrieben, wie man einer Pressemitteilung der Tomorrow Focus AG entnehmen kann.

Als die drei am Donnerstagv­­ormittag auf einen symbolischen roten Knopf drücken, ist die Huffington Post Deutschland zwar bereits ein paar Minuten online, aber das stört niemanden. Später macht man es ja auch nochmal fürs Foto. Vielmehr sind es die an die Wand geworfenen Inhalte, die den einen oder anderen Journalisten und Blogger im Saal verwirren und so manchen ernsthaft verstören.

 

Zum einen ist es das Layout. Der so genannte "Splash" irritiert: Ein großes Bild von Angela Merkel und SPD-Chef Sigmar Gabriel mit einem riesigen, roten Fragezeichen. Dazu in unendlich großen Buchstaben ein "Regiert endlich". Doch so krass und überraschend sollte diese Art der Leseransprache zumindest für die Fachpresse eigentlich gar nicht sein. Denn schließlich ist es 1:1 das Layout der US-Vorlage, gehört der "Splash" untrennbar zum Konzept der Huffington Post.

Nur offensichtlich scheinen sich nur wenige Kollegen in den vergangenen Wochen wirklich mit der US-Seite auseinandergesetzt zu haben. Gegen dieses Design wirkt selbst Bild-Online ruhig und aufgeräumt – und die Satireseite "Der Postillon" hat eine wunderbare Vorlage bekommen.  

Viel schlimmer für die anwesenden und nichtanwesenden Blogger und Journalisten: In den vergangenen Wochen haben wir durch unsere Beiträge eine enorme Fallhöhe für die Huffington Post aufgebaut. Die einen haben beschrieben, wie sie zum Untergang des Journalismus beitragen wird, wie ausbeuterisch es sei, Gastbloggern keinen müden Cent zu zahlen. Die anderen haben die Huffington Post zum Vorbild einer neuen Art von Journalismus erklärt. Doch aus dem groß ausgemalten Tiger ist nur ein kleines Kätzchen geworden.

Denn was uns nun übergroß entgegenflimmert, ist viel banaler als gedacht. Die mühsam zusammengekratzten Promi-Blogger von Boris Becker bis Uschi Glas tun vor allem das, was sie bei jedem "Wetten dass...?"-Auftritt oder bei Stefan Raab tun, sofern sie überhaupt noch eingeladen werden: Für sich und ihr Produkt werben. Das gönne ich ihnen sogar. Denn wenn die einzige Bezahlung Aufmerksamkeit ist, sollte man das für sich nutzen.

Leider aber wirkt die Auswahl der Promi-Blogger erstmal ziemlich seicht und vor allem vorhersehbar. Sie bildet den Burda- und vielleicht auch den seichten Morgenmagazin-Kosmos ab, der die deutsche Huffington Post entstammt. Von wegen Fallhöhe. Keine Spur von echten Intellektuellen. Wenig politischer Diskurs nach allen Seiten. Keine einzige echte Überraschung. Zu viel "Bunte". Zu wenig "Wirtschaftswoche", "Süddeutsche" oder "FAZ". Der versprochene Regenbogen an Meinungen bleibt erstmal blass. Vielleicht ist in der  Zusammenstellung der „Promi-Blogger“ die Handschrift von Ex-"Bild"-Mann Daniel Steil zu erkennen. Der aktuelle Focus-Online-Chef hat die Leitung der deutschen "HuffPost" übernommen, bevor "in ein paar Wochen" Sebastian Matthes das Ruder übernimmt – und vermutlich auch Cherno Jobatey seine Beziehungen mal so richtig spielen lässt.

Ich finde dennoch, dass man gerade als Journalist zu diesem Zeitpunkt noch nicht zu hart mit den Kollegen ins Gericht gehen sollte. Denn wer auf Massenreichweite setzt, der muss nunmal auch den Massengeschmack treffen. Ein Handwerk übrigens, das man ganz hervorragend bei "Bild" lernt und auch bei Focus Online gut beherrscht wird.

Ist die Huffington Post Deutschland dennoch eine Enttäuschung? Ich glaube nicht. Natürlich hätte sie mehr sein können. Sie hätte uns wirklich mit Inhalten und einem intellektuellen, ausgewogenen Diskurs überraschen können und bereits zum Anfang das sein können, was sie sein möchte: eine "Engagement-Plattform". Aber sie ist ja auch noch ein echtes Medien-Baby, dessen Chefredakteur noch nicht einmal richtig an Bord ist.

Jeder, der in den Medien arbeitet, kann nachvollziehen, dass die deutsche Huffington Post vermutlich in wochenlangen Rund-um-die-Uhr-Schichten von einer 15-köpfigen Truppe, zu der laut Arianna Huffington allein drei Volontäre und eine Praktikantin gehören, zusammengezimmert wurde und viele Stories aus der Not geboren wurden. Da sollte etwas Nachsicht dazugehören. Irgendwie erinnert mich die aktuelle Situation an die erste Ausgabe des "Focus", die am 18. Januar 1993 erschien. Was ist das Magazin mit der Titelzeile "Genschers Comeback – Der Favorit für Weizsäckers Nachfolge" damals zerrissen worden! Die Erfolgstory danach hat das Haus Burda in neue Sphären gehoben. Das gleiche Haus, das jetzt die Huffington Post nach Deutschland geholt hat.

Wie Vermarkter und Mediaplaner die deutsche HuffPo einschätzen, lesen Sie am Montag in der aktuellen Print-Ausgabe von W&V.

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