| | von Uli Busch

SXSW 2012: Das Event-Tagebuch von Fork Unstable Media-Geschäftsführer Manuel Funk

Musikfestival, Digitalkonferenz, Filmfest. Die South by Southwest hat viele Gesichter und ist für die weltweite Internetindustrie mittlerweile zur einer der wichtigsten Veranstaltungen des Jahres geworden. Auf dem jährlich in Austin/Texas stattfindenden Event wurden nicht nur Bands wie die White Stripes entdeckt, auch technische Innovationen wie Twitter oder Foursquare wurden hier erstmals vorgestellt. Für W&V Online berichtet in diesem Jahr Manuel Funk, Geschäftsführer Fork Unstable Media aus Austin:

How to SXSW

Über 20.000 Designer, Berater, Marketingexperten, Agenturvertreter, Programmierer, Internet-Aktivisten, Startupgründer, Wissenschaftler sind in diesem Jahr in Austin bei der SXSW registriert um sich über die aktuellen Themen der digitalen Szene zu auszutauschen. Jeden Tag hat man die Qual der Wahl, denn insgesamt finden hunderte Veranstaltungen statt, verteilt auf die großen Hotels in Austin. Wer teilnehmen wollte, mußte sich frühzeitig um Tickets, Flüge und Unterkunft kümmern, denn bereits seit Monaten sind alle Austin Downtown-Hotels und Direkt-Flugverbindungen ausgebucht.

Bisher war das Festival in Deutschland noch ziemlich unbekannt, aber in diesem Jahr sind erstmals auch zahlreiche Besucher aus Deutschland angereist. Die Medienverbände Hamburg und Berlin haben Vertretungen und einen Gemeinschaftsstand organisiert.

South by SouthWET

Normalerweise empfängt Austin die Festivalbesucher mit viel Sonne und Temperaturen um die 25 Grad Celsius. Nicht so in 2012, ein Sturmtief sorgt für nasskaltes Wetter und macht das Hopping zwischen den verschiedenen Veranstaltungsorten zu einer ziemlich ungemütlichen Sache. Auf der anderen Seite fühlt man sich wettermässig wie zuhause und muss auch kein schlechtes Gewissen haben, wenn einen die Kollegen auf Facebook im Regencape erwischen statt mit Sonnenbrille am Pool.

 

Badge Registrierung

Trotz etwa 25 Schalter bei der Besucher-Registration zieht sich am Eröffnungstag eine Schlage mehrfach um das gigantisch große Convention Center herum. Ein Twitter Kommentator scherzte, dass die Schlange so lang sei, dass sie mit bloßem Auge aus dem Weltall gesehen werden kann. Nach ca. zwei Stunden ist man dann offiziell registrierter Besucher und freut sich in der Zwischenzeit über den ersten Foursquare Super Duper Swarm Badge (> 500 gleichzeitig eingecheckte User).

 

Panelauswahl

Die Auswahl aus mehreren hundert Veranstaltungen inklusive der entsprechenden Logistik zwischen den dutzenden Veranstaltungsorten ist eine echte Herausforderung, welche ohne iPad und der offiziellen App nicht zu bewerkstelligen ist – zumindest habe ich niemanden in dem telefonbuchdicken Printprogramm blättern sehen. Die unglaubliche Vielfalt von Themen, spannenden Sprechern und Analyse von digitalen Trends macht die Entscheidung ziemlich schwer. Eine erste grobe Vorauswahl der Veranstaltungen ergab etwa 120 interessante Events, welche oftmals gleichzeitig stattfinden. Verteilt auf die fünf Tage sind aber maximal 20-25 Vorträge zu schaffen. Dank Twitter ist man aber ohnehin immer über alles informiert und kann sich daher ganz in den Fluss der Ereignisse begeben und überraschen lassen.

Twitter

Wichtigstes Kommunikations- und Diskussionsnetzwerk ist Twitter. Das gesamte Festival wird 24/7 über hunderttausende Tweets dokumentiert und kommentiert. Fast alle Vorträge und Panels haben eigene Twitter Hashtags und viele Sprecher twittern parallel während ihres Vortrages beziehungsweise gehen auf getwitterte Fragen aus dem Publikum direkt ein. Parallel verfolgt man auch die Highlights der anderen Veranstaltungen und informiert

Themen und Trends

Themenschwerpunkte der diesjährigen SXSW sind die Verbindung von sozialen Netzwerken mit Location- und Mobile-Funktionalitäten (kurz SoLoMo), Digital Branding und Marketing (u.a. zahlreiche Panels zu Data und Neuromarketing), Digital Health (Quantified Self), Design/User Experience und Konvergenz (u.a. Connected TVs und Storytelling). Außerdem beschäftigt sich der Bereich "Better Tomorrow" mit sozialen und politischen Themen. Erstmals sind sogar kritische Fragen zum Thema Datenschutz zu hören. Auffällig ist, dass im Vergleich zum Vorjahr keine expliziten Social Media Themenstränge angeboten wurden. Anders als im Vorjahr – in dem es es eine ganze Reihe zu diesen Themen gab – ist SM nun integraler Bestandteil fast aller Panels und Diskussionen.

 

Die Relevanz von "Digital Health" Services zeigte sich bereits auf der SXSW im Vorjahr. Inzwischen gibt es erste ausgereifte Apps und Plattformen für Patienten von zum Beispiel chronischen Krankheiten. Die teilweise spielerische Verwaltung von Gesundheitsdaten und anderer Faktoren wie Bewegung, Ernährung etc. führt zu nachweisbar besseren Werte bei vielen Krankheitsbildern. Zusätzlich bieten viele Services soziale Netzwerke zum Austausch mit anderen Patienten, Familie und Ärzten.

 

Daneben gibt es auch interessante Tools, welche vor allem auf eine gesunde Lebensweise und Fitnessfaktoren ausgerichtet sind. Bereits seit 2011 auf dem Markt ist das Fitbit Armband, jetzt betritt auch Nike diesen Markt und launcht in Austin mit einem spektakulären Popup-Store Nike Fuel. Das schlichte Armband trackt Bewegung und Kalorienverbrauch und errechnet daraus einen Fuel-Index. Die erlaufenen Punkte können später für "Causes", also soziale Projekte wie das Livestrong Projekt von Lance Armstrong eingesetzt werden. Aufgrund der offenen API-Schnittstelle ist mit zahlreichen Erweiterungen zu rechnen.

Highlights des Tag 1:

Ein Firesite Chat (ohne Fire) zwischen Autor und Ex Apple-Evangelist Guy Kawasaki mit Google+ VP Vic Gundotra. Trotz kritischer Fragen von Kawasaki wird deutlich: Google+ ist nach nur sechs Monaten am Markt das am schnellsten wachsende Produkt von Google (derzeit über 50 Mio. täglich aktive Nutzer). Gundotra sieht in Google+ die nächste Evolutionsstufe von Google selbst: die nutzerorientierte Verbesserung und nahtlose Integration von sozialen Aspekten in alle Suchergebnisse.

Weitere sehenswerte Panels: "Brands as Patterns" u.a. mit dem Creative Director von HP, sowie der Vortrag von Peter Kim (Dachis Group) über Grundlagen sozialer Netzwerke auf Basis des kommunalen Teilens und "Authority Rankings". Außerdem spricht "Tapworthy"-Autor Josh Clark über die Regeln von fingerfreundlichem Design auf Touchscreens. Persönliches Highlight: Josh wird im Juni für Workshops nach Hamburg kommen und auch bei Fork einen Vortrag zu diesem Thema halten.

So gings am Tag 2 weiter:

Bazaar Shopping

"Einkaufserlebnisse werden künftig vergleichbar mit türkischen Bazaaren funktionieren" sagt John Boyd COO & Co-Founder ShopSavvy Inc. Kaufentscheidungen werden auf Basis von Konversationen und Verhandlungen mit verschiedenen Händlern unter Einbeziehung relevanter Hintergrundinformationen und den Empfehlungen aus dem Freundeskreis getroffen. Julia Fitzgerald, Chief Digital Engagement Officer von Sears ergänzt: "Unser Ziel ist es, unseren Kunden individuelle Angebote und Preise basierend auf der jeweiligen Kundenhistorie und dem ensprechenden sozialen und örtlichen Kontext zu bieten."

Diese beiden Aussagen aus dem Panel "FutureShop" machen deutlich, dass die nun überall breit vorhandenen Kundeninformationen für personalisierte Kunden-Beziehungen und -Angebote genutzt werden können. Eine Entwicklung, die die Anforderungen im Retailbereich nachhaltig verändern wird.

 

Kernfrage ist daher für Marken wie Händler: Wie kann ich das individuelle Einkaufserlebnis grundlegend verbessern? Wie trete ich in einen langanhaltenden und partnerschaftlichen Dialog mit meinen Kunden? Ich bin mir sicher: Viele Händler beschäftigen sich noch nicht ausreichend mit diesen Themen und werden erhebliche Konkurrenz durch Anbieter bekommen, welche das Verhältnis zwischen Kunde, Marke und Händler komplett neu denken und verstehen.

Social, Local, Mobile (SoLoMo)

Eines der zentralen Themen in Austin ist die Verknüpfung sozialer und lokaler Information auf mobilen Endgeräten. Trotz vieler ungeklärter Grundsatzfragen zu Datenschutz überfordert die Komplexität der verfügbaren Angebote viele Nutzer schon heute und ist ohne konsequente Einbeziehung von sozialen und örtlichen Kontextes nicht mehr zu bewerkstelligen.

Die nächste Web-Entwicklungsstufe wird daher von Services geprägt sein, welche den Nutzern kontextbasierte und intelligent gefilterte Relevanz bieten. Wie zum Beispiel die Radarfunktionen von Foursquare, welche Nutzer benachrichtigen, wenn sie in der Nähe eines Ortes sind, der von vielen Freunden besucht wurde. Weitere vieldiskutierte Apps aus Bereich "Social Pairing" sind Glancee, Sonar und Highlight. Sobald sich Personen im direkten Umfeld mit gemeinsamen Freunden oder ähnlichen Interessen auf Basis des Facebook-Profils befinden, wird man benachrichtigt. Trotz aller Kritik an diesen Apps: In Texas habe ich einige spannende Kontakte über Glancee gemacht, zuletzt gestern Abend als mich in einer völlig überfüllten Bar ein Google Mitarbeiter ansprach, weil wir beide UX als Interessenbereich haben.

ED@SWSW

 

Schöner Ausklang der vollgepackten SXSW-Tage waren die TED Vorträge im Driskill Hotel. Handys und Laptops mussten ausgeschaltet werden und ermöglichten es, sich ganz undigital und ohne Twitterfeed den Vorträgen und Musikvorführungen hinzugeben. Im Nachgang gab TED bekannt, dass die API zu Ihrer Plattform schrittweise geöffnet wird.

 

Zum Abschluss gabe es eine kurze Videoreportage über eine sensationelle TEDx in Buenos Aires, welche in Taxis veranstaltet wurde:

 

http://www.youtube.com/watch?v=MDfrLNvxixs

 

 

Über den Autor:

Manuel Funk ist Berater, Unternehmer und Mitbegründer von Fork. Der Fokus des 43-Jährigen liegt auf den Bereichen Digital Branding, Interaction Design, Social Business sowie Agentur- und Arbeitsmodelle der Zukunft.

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