| | von Uli Busch

Warum die Gauck-Kampagne an der Zielgruppe vorbei geht und trotzdem funktionieren kann

Ein 70-jähriger Polit-Rentner elektrisiert das Social Web: Über 8.000 Facebook-Mitglieder haben sich bis Montagmittag bereits auf der Fanpage "Joachim Gauck als Bundespräsident" eingetragen. Eine Online-Petition läuft und es gibt schon Entwürfe für Merchandising-Artikel. Im Interview mit W&V erklärt Social-Media-Experte Martin Oetting, wie das Spontan-Marketing für Gauck tickt.

W&V: Die Seite "Joachim Gauck als Bundespräsident" hat längst mehr Fans als die Bundesversammlung Mitglieder. Ist das ein vorübergehender Hype oder der Beginn einer Präsidentenwahl von unten?

Martin Oetting: Einerseits ist es natürlich der Versuch, "von unten" ein wenig Druck zu machen. Als spontane Antwort auf den Versuch der CDU, mit Wulff schnell einen Kandidaten durchzudrücken, der der aktuellen Regierung keine Scherereien macht. Das kommt bei vielen Leuten nicht gut an. Aber es gibt noch eine zweite Komponente, die ich nicht minder wichtig finde: wir können an dieser Stelle alle im Web recht gefahrlos "Politik 2.0" üben. Indem wir uns mit webbasierten Willensbildungsprozessen befassen, lernen wir gemeinsam, was man mit dem Web kommunikativ alles machen kann. Wenn wir ganz ehrlich sind: für das Geschick der Bundesrepublik ist es vielleicht nicht absolut entscheidend, wer der höchste Repräsentant ist. Und gerade deswegen stürzen sich die Leute mit Lust darauf, hier mal an alternativen Prozessen der Meinungsbildung mitzuwirken. Wir haben in den letzten Jahren alle gelernt, dass wir im Web mitmachen, mitkommentieren, mitvoten können. Nun soll einer gefunden werden, der uns alle repräsentiert. Na - da machen wir doch erst recht mit!

Könnten Sie sich einen Kandidaten vorstellen, der im Social Web noch mehr Unterstützung als Gauck finden würde?

Dazu habe ich Ende vergangener Woche ein kleines Experiment im Web gemacht, bei dem es mehr als 10.000 Visits und fast 500 Kommentare mit Vorschlägen gab. Allerdings stand hier der Name Gauck noch nicht fest - es ging uns darum, der "Idee von der Leyen" einen interessanten anderen Namen entgegen zu stellen. Das Ergebnis und die Geschichte dazu gibt es inklusive visualisierter Aufbereitung unter http://oetting.posterous.com/finale-bundesprasidenten-tagcloud-und-wir-fur. Sie sehen also, dass - bei einer so spontanen Meinungsbekundung - Leute wie Joschka Fischer, Margot Käßmann, Götz Werner, Hans-Jürgen Papier oder Klaus Töpfer Anhänger im Netz haben. Diese Liste entstand, wie gesagt, als ein Herr Gauck noch nicht als Antwort der Opposition auf dem Zettel stand. Er ist also nicht notwendigerweise der "natürliche Kandidat" des Webs, einer, der ganz spontan von vielen Leuten genannt worden wäre.

Nun sind CDU-Abgeordnete wahrscheinlich nicht die typischen Webzweinuller. Geht eine Social-Media-Kampagne da nicht an der Zielgruppe vorbei?

Nein, denn eine Kampagne, die sich des Social Webs gekonnt bedient, sieht gar nicht unbedingt vor, die geplante Zielgruppe selbst im Social Web zu erreichen. Das Web eignet sich stattdessen viel besser dafür, Fans und Unterstützer zu mobilisieren, die sich ganz real - vor allem offline! - in ihrem Umfeld für eine Sache einsetzen. Und so ist die Wirkung einer solchen Kampagne, bezogen auf die Abgeordneten der CDU, vielleicht eher direkt im Wahlkreis zu spüren. Dort melden sich die Unterstützer, die per Web mobilisiert wurden, dann direkt beim Abgeordnetenbüro und fragen vielleicht nach, ob nicht Gauck doch der bessere Präsident wäre.

Warum setzten sich Springers "Welt" und "Bild" eigentlich so für Gauck ein?

Da bin ich leider überfragt und staune genau wie Sie. Da muss es offenbar Verwerfungen zwischen der Union und den Springers geben. Da kann ich aber auch nur spekulieren.

Bei der letzten Präsidentenwahl wurde das Ergebnis schon vorab aus dem Plenarsaal getwittert. Traut sich das diesmal noch einer?

Gute Frage. Vielleicht twittert ja niemand selbst, schickt aber eine SMS an einen anderen, der dann aus "anonymer gut unterrichteter Quelle" twittert.

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