Matthias Schrader sieht das Geschäftsmodell der Agenturen nicht in Gefahr.
Matthias Schrader sieht das Geschäftsmodell der Agenturen nicht in Gefahr. © Foto:Steffen Böttcher

Digitale Transformation | | von W&V Online

Was wird aus den Digitalagenturen?

Die klassischen Digitalagenturen - entstanden in den 90er Jahren - stehen unter erheblichem Anpassungsdruck. Eine der Ursachen ist mangelnde Innovationsfähigkeit. Immer mehr werden von Consulting-Riesen geschluckt. Verkaufen die Häuser ihre Seele, wie W&V-Redakteur Conrad Breyer in dieser Woche warnte? Oder ist langfristig sogar ihr Geschäftsmodell in Gefahr?

Reaktionen von Marco Zingler, Ronald Focken, Tobias Soffner, Jessica Peppel-Schulz und Matthias Schrader.

Marco Zingler, Geschäftsführer Denkwerk

Digitalunternehmer, die ihre Agentur verkaufen, tauschen immer auch unternehmerische Leidenschaft und Agentur-Identität gegen einen kurzfristigen Verkaufserlös. Dabei ist es egal ob an ein Netzwerk oder an eine Beratung verkauft wird. In Zukunft geht es um konzernartige Strukturen und Rendite über alles. Für Kunden und Mitarbeiter ist das nicht attraktiv.

IT-Beratungen kaufen Kompetenzen ein, die sie über viele Jahre aufzubauen versäumt haben, nämlich Service-Design, User-Experience- und Marken-Know-How. Das Ziel ist natürlich nicht, Digitalagenturen weiterzuführen, sondern das traditionelle IT-Outsourcing auf die Marketing-Etats auszudehnen. Das bedeutet zum Beispiel, auch zukünftig überwiegend auf Off-Shoring-Modelle z.B. in Indien zu setzen. Auftraggeber, die Kundennähe und Nutzer-Zentrierung wollen, werden damit nicht glücklich werden.

Ronald Focken, Geschäftsführer Serviceplan-Gruppe

Der Markt ändert sich gerade massiv. Die großen Unternehmensberatungen kaufen sich bei Digitalagenturen ein, übernehmen sie oder bauen zumindest eigene Abteilungen auf, um ihre Kunden bei der digitalen Transformation zu beraten. Neue Player kommen auf den Markt mit einer ganz anderen Kapitalkraft als Agenturen. Der Markt wird sich deshalb in den nächsten Jahren weiter konsolidieren. Digitalagenturen haben in dieser Lage nur eine Chance: Ihr Wettbewerbsvorteil liegt im Consumer-Know-how, in den Daten und Insights, die sie haben. Daraus müssen sie ganzheitliche strategische Consultingangebote machen und diese offensiv vermarkten und die Rentabilität stärken. Sonst gehen sie unter, denn die Unternehmensberatungen haben ob ihres Kapitals mit Sicherheit den längeren Atem.

Tobias Soffner, Digital Producer, Demodern Digitalagentur

Es gibt Trends und es gibt Gegentrends. Über beide kann man sich freuen, wundern, den Kopf schütteln oder sagen, dass man es kommen gesehen hat. Ganz wie man mag. Quentin Tarantino filmt auf 70mm. McDonald's schafft den Bio-Burger wieder ab. Paywalls funktionieren nicht. Apple investiert nun auch in Virtual Reality. Unternehmensberatungen werben für digitale Transformation. Und IBM will mit Ecx.io, Aperto und Resource/Ammirati gleich drei "Digitalagenturen" übernehmen, um Geschäftsbereiche auszubauen. Aber ist das überraschend? Oder führt es zwangsläufig zu Innovation? Dadurch können innovative Konzepte entstehen, aber auch einfach Vertriebskanäle für bestehende Services erweitert werden. Das bleibt abzuwarten.

Der Vorwurf an Digitalagenturen, dass Aufbruchstimmung fehle, geht jedenfalls fehl. Es gilt eher eine Grundsatzentscheidung zu treffen: Neue Technologien und Produkte entwickeln zu wollen oder eben Standardlösungen umzusetzen. Das ist eher ein strukturelles Thema und findet sich in Unternehmen und Beratungen ebenso wie in Klassik-, Digital- und Whatever-Agenturen. Erzeugt übrigens durch rein betriebswirtschaftliches Kalkül, nicht kreatives. Next time, fail better.

Jessica Peppel-Schulz, CEO United Digital Group (UDG)

Wenn es im Zuge einer Akquisition gelingt, sich aus der Kraft der Historie beider Unternehmen heraus gemeinsam neu zu positionieren, sich in einem Prozess der digitalen Transformation für die Zukunft aufzustellen und die Tiefe der Kompetenzen mit der Breite des Portfolios zu verbinden, entsteht ein echter Mehrwert: für die Digitalagentur, für die IT-Consultingfirma und für deren Kunden. 

Matthias Schrader, CEO Sinner Schrader

Methodenkompetenz in den Bereichen User Experience, Design Thinking und agiler Softwareentwicklung verbunden mit einer interdisziplinären Kultur sind heute die Erfolgstreiber für Projekte aber auch Unternehmen, die sich digital transformieren. Diese Kompetenzen brauchen ein Biotop, um zu gedeihen, und das konnten Digitalagenturen in den letzten zehn Jahren bieten. Es ist eine schöne Bestätigung für unsere Gattung, dass diese Kompetenzen nicht nur bei unseren Kunden stark in der Wertschätzung steigen sondern nun auch bei Beratungen und IT-Integratoren.

Was wird aus den Digitalagenturen?

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