Schön ist es nicht, an der S-Bahn-Station Berg am Laim. Aber plakatmäßig gerade durchaus unterhaltsam.
Schön ist es nicht, an der S-Bahn-Station Berg am Laim. Aber plakatmäßig gerade durchaus unterhaltsam. © Foto:Schobelt

Gattungsmarketing | | von Frauke Schobelt

"Glück ist was für Pilze" und die Rettung der Plakatkultur

Die S-Bahn-Station Berg am Laim in München ist nicht gerade der gemütlichste Ort auf Erden. Zwar hat man einen schönen Blick auf den Turm des Süddeutschen Verlages, aber ansonsten ist es ziemlich trist und zugig und beim Warten kann sich das Auge nur noch an abgestellten Güterzügen festsaugen. Und so hübsch sind die nicht. Da bieten die Plakatwände neben den Gleisen durchaus mehr Zerstreuung, wenn sich die S-Bahnen wegen irgendwelcher "Stellwerksprobleme" mal wieder Zeit lassen.

Sofern man seinen Blick vom Smartphone-Display lösen kann, fällt diese Woche eine Plakatschöpfung ganz besonders ins Auge. "Glück ist was für Pilze" prangt da in großen Lettern auf blauem Grund. Weit und breit kein Pilz zu sehen, nur diese Worte, garniert mit dem Zusatz #Assyouare. Daneben müht sich Seat ab, sein Sondermodell anzupreisen. Aber gegen diese optisch so auffällige Lebensweisheit hat der Autohersteller schlechte Karten. Ein Stückchen weiter nölt eine knallgelbe Plakatwand: "Heul doch". Als wüsste sie von ihrem tristen Umfeld. Ebenfalls ohne Absender. 

Eigentlich will man nicht heulen und fühlt auch als Nicht-Pilz ein gewisses Anrecht auf ein Quentchen Glück. Was soll das also? 

#Assyouare liefert zunächst auch keine erlösende Antwort, sondern nur jede Menge weiterer Nonsense-Sprüche. Was verbirgt sich also hinter "Achtung! Einhornpups", "Knuddel-Bastard", "Du Diplom-Horst" und "Schau mir in die Eier, Kleines"?

Die provokanten Motive, die derzeit Deutschland zupflastern, stammen von der Kölner Außenwerbe-Special-Agentur ASS Werbe GmbH. Die ist seit 20 Jahren im Business, mit einer großen Hingabe zum Plakat. Und lädt deshalb auch jedes Jahr zum Plakatwettbewerb Best 18/1 ein. Für die Kreation arbeitete sie mit den Preisträgern aus dem Jahr 2014 zusammen, der Hamburger Agentur Rocket & Wink.

Die Sprücheklopfer sind auf Rettungsmission für das "gute, alte Plakat". Wie die Agentur im Blog "Dressed like Machines" erklärt, will sie nichts weniger als die "Plakatkultur im 21. Jahrhundert zurück zum alten Glanz führen". Ihre Argumente: In der digitalisierten Gesellschaft sind sie das perfekte Medium für "Rückbesinnung und Entschleunigung". Die Aktion #Assyouare soll an die "anziehende Wirkung einer kreativen Plakatkampagne" erinnern. Denn schon früher seien die Poster und Anschläge "Basis der Meinungsbildung" gewesen und oft Stadtgespräch. Das ist auch das Ziel der Gattungsmarketingkampagne #Assyouare. Wobei sie dabei nicht nur dem gedruckten Wort vertraut, sondern auch der viralen Kraft der digitalen Medien: Die Motive werden auf Facebook, Instagram und Twitter verbreitet und laden zur Diskussion ein. 

"Anziehend" stimmt schon mal. In der freien Wildbahn machen die Motive auf jeden Fall neugierig. Und fallen groß und leuchtend mehr auf als vieles, was in den digitalen, überfüllten Kanälen um Aufmerksamkeit kämpft. Aber Stadtgespräch? Warum sollte man sich über Einhornpupse unterhalten? Eher schon über die geballte Ladung Nonsense auf Plakatwänden. Und Peng. Schon haben sie einen.  

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