| | von Judith Stephan

Personalmarketing, Social Media und die Authentizitätsanmaßung

Jetzt muss ja alles authentisch sein oder zumindest wirken. Und glaubwürdig. Dieses Adjektiv-Pärchen bildet das (Personal)Marketing-Dogma dieser Zeit.

Die Grundlogik ist klar: Scheinbar haben die allermeisten Marketing-Inszenierungen eine solche Perfektion erreicht, dass sie zwar bedenkenlos für Film-, Funk-, Fernseh- oder Fachpreise kandidieren können, sich aber vom schnöden Informationstransport verabschiedet haben. Folglich ist nun der direkte, ungekünstelte Einblick gefragt.

Bewerber wollen die potenziellen Kollegen sehen. Am Besten bei der Arbeit oder – noch besser – bei tollen Freizeitaktivitäten: „Unsere Controllerin ist Kite-Meisterin!“

Sogleich lässt sich ergänzen, dass das Ganze am Besten per Video vermittelt wird: Beim Kiten wackelt die Kamera sowieso, aber auch beim Controllen gibt dies einen authentischeren Eindruck. – Haben gute Kameras nicht eigentlich einen Bildstabilisator? ... 1.0

Aber hinterfragen wir doch diese „Welle“ ruhig einmal, bevor noch die ganze klassische Werbewelt der Authentizität wegen verwackelt. Durch das Social Web treffen wir plötzlich mit noch mehr Gleichgesinnten zusammen und erweitern somit unseren Empfehlungsbestand. Also war und ist anscheinend die Konsequenz, dass auch Personalmarketing auf Augenhöhe passieren muss.

Und so kam es zum „Authentisch“-Mißverständnis: Plötzlich präsentieren sich die Arbeitgebervertreter in einem Modus, der sie sympathisch, lässig, medienaffin, cool, nett, ansprechbar und jederzeit dialogbereit zeigt. „Authentisch“ wird mit „nett & co.“ übersetzt.

Zum einen ist natürlich fast überall richtig, dass die Mitarbeiter auch wirklich nett sind, zum anderen ist dies aber nur solange eine interessante Botschaft, solange noch nicht jeder in das gleiche Horn stößt.

Wer jetzt immer noch authentisch verwackelt, hat schon deutlich weniger Neugier auf seiner Seite.

Versuchen wir gegenzusteuern: Authentisch meint „echt“ im Sinne von „als Original befunden“. Mit einem netten Einerlei verschwindet aber jede Originalität. Der von Personalmarketing forcierte authentische Einblick braucht nicht zu zeigen, dass (erstaunlicherweise auch) hier nette Menschen arbeiten. Entsprechende Aktionen sind überflüssig und hinderlich (genau genommen sogar eine Authentizitätsanmaßung).

Denn genau dies - alles andere wäre bedenklich – sollte der Eindruck sein, den die Kollegen sowieso im Social Web hinterlassen. Denn natürlich schauen sich immer mehr Kandidaten an, wer denn die künftigen Kollegen wären. Das Employer Branding wird durch die gelebte Identität getragen oder fällt durch.

Es ist aber nicht nur soziale Kompatibilität, die die Karrierewahl beeinflusst. Das Personalmarketing muss darüber hinaus die Besonderheit eines Arbeitgebers transportieren: Was macht ihn unterscheidbar? Dies darf nicht zu kurz kommen. Nur so kann eine bewusste Selektion erfolgen.

Zudem sollten wir nicht versäumen, dass zu den Besonderheiten auch Ziele und Visionen gehören. Diese unterscheidbar zu prägen, ist sicherlich deutlich anstrengender als verwackelte Interview-Reihen zu posten, aber durchaus auch ein Punkt, um die Attraktivität eines Arbeitgebers zu steigern.

Personalmarketing-Experte Professor Dr. Martin Grothe ist Geschäftsführer der Complexium GmbH in Berlin. Kontakt: grothe@complexium.de, www.complexium.de

Personalmarketing, Social Media und die Authentizitätsanmaßung

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