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Ralph-Bernhard Pfister veröffentlicht am 01.02.2011 11:00 Uhr in Blog
Von: Ralph-Bernhard Pfister

Irrwitz 2.0: Google enteignen?!?

Enteignung als Dank für gesellschaftsverändernde Marktführerschaft – das ist auch mal ein Ansatz, wenn auch ein aberwitziger. Und doch ist das die direkte Forderung eines Essays auf FTD.de: Google müsse enteignet werden und in den Besitz der Nutzer gelangen, schreibt Peter Ehrlich.

Der große Bösewicht, dessen gierigen Klauen Ehrlich Google entwinden will, ist natürlich der Kommerz, besonders verkörpert von der Werbewirtschaft. Aus der Suchmaschine solle stattdessen ein unabhängiger Verein werden. Die genauere Auseinandersetzung mit seinem Text empfiehlt sich – nicht der Unterhaltung wegen, sondern weil sie einige gefährliche Missverständnisse aufzeigt.

1. Ich brauche Google nicht, um Leute auszuspionieren

Zunächst wird – Street View sei Dank – das Bild des undurchsichtigen Molochs bemüht, der ja „Informationen, die wir freiwillig geben, mit Informationen kombiniert, auf die wir keinen Einfluss haben“. Und dann kommt es wieder, das Argument, dass mich aufgrund seiner völligen Absurdidät schon letztes Jahr auf die Palme gebracht hat: Bei Bewerbern oder ähnlichem könne man ja nun anhand der Postadresse via Street View die Lebensumstände erkunden und via Analytics das Kaufverhalten in der Gegend für die Erkenntnis des sozialen Hintergrunds heranziehen.

Klar, ist ja auch viel simpler und sinniger als existierende soziodemografische Daten zu Wohnbezirken heranzuziehen, wie sie jeder Versandhändler nutzen kann. Ist ja allgemein bekannt, dass bei Personalgesprächen die Farbe des Wohnhauses oder die Einkaufsliste der Nachbarn entscheidende Kriterien sind.

2. Ein Daten-Endlager ohne vernünftigen Algorithmus ist nichts wert

Nächster Punkt, warum Ehrlich die Suchmaschine in die Obhut der Allgemeinheit geben will: Suchergebnisse würden von der „Macht der großen Zahl“ bestimmt. Dies und der kommerzielle Druck der SEO-Maßnahmen verzerre die Trefferlisten. So würden Minderheitsmeinungen an den Rand gedrängt und der Trend zur immer einförmigeren Welt verstärkt.

Nur: Google ist kein Daten-Endlager. Es geht nicht einfach darum, Information zu sammeln. Es geht darum, sie zu verarbeiten, zu sortieren und auszugeben. Und das geschieht nicht im luftleeren Raum. Das Netz bildet die Realität ab, in der wir leben. Das hat nichts mit Google zu tun, es übertragen sich schlicht gängige Prozesse der Meinungsbildung und ähnlicher Dinge. Das würde sich nicht ändern, nur weil die Suchmaschine nicht mehr kommerziell wäre.

Und: Ein Archiv ohne vernünftiges Register ist nichts wert – da hat sich der böse kommerzielle Algorithmus im Spiel der Kräfte doch ganz gut durchgesetzt. Nur deshalb wurde Google ja so groß, wie es heute ist.

Bei aller Umwälzung - das Internet ist keine gesellschaftliche Revolution, die sämtliche Regeln außer Kraft setzt. Wikipedia ist die Ausnahme, nicht die Regel.

3. Google kann man nicht getrennt betrachten

Der "FTD"-Autor ist ja kein Unmensch, er will ja nur das Suchmaschinengeschäft an sich enteignen. Der großzügige Vorschlag: „Die Google-Eigner können Youtube, Android, die chauffeurlosen Autos und andere Geschäftsbereiche gern behalten und reiche Leute bleiben. Sie sollen nur den Teil, an dem es ein weltöffentliches Interesse gibt, abgeben.“

Man kann die Suchmaschine aber nicht aus Googles Geschäft trennen. Die Erfassung, Verwaltung und Aussteuerung von Information ist Kern von allem, was Google tut. Die Zahnräder greifen ineinander – und die Suchmaschinenwerbung ist auch der große Geldbringer, was für die Investitionen in andere Zweige nötig ist. Vereine sind ja ach so gut darin, Produkte weiterzuentwickeln. Doch ohne weitere Entwicklung ließe sich Googles Algorithmus erst recht aushebeln – oder die Suchmaschine würde von anderen, neuen kommerziellen Anbietern in der Nutzergunst abgelöst. Womit wir zum Schluss kommen:

4. Wir sind selbst schuld

Der Essay endet mit dem Aufruf zur Revolution: Die Nutzer sollen via Internetpetition die Enteignung verlangen und Google boykottieren. Schwarmintelligenz und so. Vor dem inneren Auge formt sich das Bild einer Armee bislang unterdrückter Rebellen, die im Jimmy-Wales-Shirt vor dem Rechner sitzen und ihre Google-Bookmarks mit heiserem Kampfschrei löschen.

Hier kommt der entscheidende Punkt: Niemand zwingt uns, Google zu nutzen. Google ist deshalb Marktführer, weil es für die große Masse der Werbungtreibenden, aber auch Nutzer offenbar das aus ihrer Perspektive beste Angebot ist.

Sind die Fragen, wie sich die Durchdringung des Alltags von Suchmaschinen, Karten und Videoportalen auf unsere Gesellschaft auswirkt, irrelevant? Auf keinen Fall. Aber die Verantwortung dafür liegt mehr bei uns Nutzern als bei dem Anbieter.

Schlagworte: Enteignung Irrwitz FTD Google

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