Bernd Ziesemer: Mit Schere und Pritt-Stift
Seine ehemaligen Lehrer würden sicher widersprechen. Trotzdem sei hier gesagt: Glücklicherweise hatte der Schüler Bernd Ziesemer kein ausgeprägtes Talent für die Fächer Mathe und Physik. Sonst hätte es leicht sein können, dass sich sein erster Berufswunsch erfüllt und er als Brückenbau-Ingenieur sein Geld verdient hätte. Stattdessen nutzte er seine Stärken Deutsch und Geschichte, studierte Politik und besuchte die Hamburger Journalistenschule. Seit fast 30 Jahren arbeitet er als Journalist, war unter anderem als Korrespondent in Moskau und Tokio und kam schließlich 1999 zum "Handelsblatt", dessen Chefredakteur er seit 2002 ist.
Das hat er jetzt umgekrempelt. Vor rund einem Jahr saß er mit Schere, Pritt-Klebestift und der Finanzzeitung des Handelsblatts am Schreibtisch. Wenig später hielt er das Vorbild für das neue Business-Format in den Händen. Unter anderem auf den Lesekomfort kam es bei dem Relaunch an. Das ist nur logisch: Der Chefredakteur bezeichnet sich selbst als "Schnell- und Vielleser". "Zeitungen, Zeitschriften, Bücher, das Internet – ich brauche alles."
Ein einfacher Zugang zum Heft ist jedoch nicht gleichzusetzen mit leichter Kost. Die Qualität und die Relevanz der Inhalte stehen an erster Stelle, kommunizierte das "Handelsblatt" den Relaunch. Müde lächelt jetzt der Leser und denkt: Wer hätte sich je gerühmt, künftig schlechtere und unwichtigere Hefte zu machen? Darum sei Skeptikern an dieser Stelle mit auf den Weg gegeben, dass ausgerechnet die Redigierkünste des pingeligsten aller Sprachkritiker, Wolf Schneider, den damaligen Journalistenschüler geprägt haben. Und dass er guten Journalismus definiert "als Ergebnis von heftiger Recherche und gottgegebenem Talent".
Das seine hat er vererbt. Seine älteste Tochter, längst erwachsen, schreibe fantastisch, sagt Vater Ziesemer. Journalistin will sie trotzdem nicht werden, ebenso wenig wie die jüngere. Und der kleine Sohn? Der ist erst vier und geht am liebsten in den Zoo.
Ziesemer Senior besucht eigentlich lieber Galerien mit moderner Kunst – wenn neben Beruf und Familie Zeit dafür bleibt. Zu übertriebenem Arbeitswahnsinn tendiert er jedoch nicht. Zwar kommt erst einmal die Arbeit, "dann aber auch Vergnügen". Das hatte der heute 56-Jährige schon nach seinem ersten Ferienjob verinnerlicht. "Denn vom ersten eigenen Geld habe ich mir meinen ersten VW gekauft – weiß mit Stoffschiebedach. Kostete mich 1972 nur 600 Mark und hielt zwei Jahre."
Der Relaunch des "Handelsblatts" kostete eine Menge mehr. Möge er dafür auch erheblich länger halten.
Die Idee: Kompakt, medienübergreifend, mit neuer Optik: So erscheint das "Handelsblatt" seit 2. November 2009. Das "Business"-Format der Wirtschaftszeitung ist etwa halb so groß wie zuvor, der Umfang liegt bei 64 Seiten, geheftet. Die Kernthemen Banken, Firmen, Wirtschafts- und Finanzpolitik nehmen jeweils den Raum ein, den die Relevanz der Artikel erfordert.
Herrmann Redakteur







