Martin Römermann ist Fachanwalt für Arbeitsrecht und Partner der Kanzlei SKW Schwarz Rechtsanwälte in Berlin.
Martin Römermann ist Fachanwalt für Arbeitsrecht und Partner der Kanzlei SKW Schwarz Rechtsanwälte in Berlin. © Foto: SKW Schwarz Rechtsanwälte

Interview mit Fachanwalt Martin Römermann | | von Frauke Schobelt

Arbeitsrecht: Nicht jede Chef-Beleidigung führt zur Kündigung

Die "Arschloch-Affäre" im Hause Springer um den "Welt"-Autoren Matthias Matussek ist Anlass genug, sich mal wieder mit dem Thema Arbeitsrecht zu beschäftigen. Denn jeder kennt wohl im Arbeitsleben Situationen, in denen die Emotionen hochkochen. Wer seinen Gefühlen freien Lauf lässt und die Kontrolle verliert, riskiert seinen Arbeitsplatz oder seinen Vertrag. Doch führt jede Beleidigung automatisch zur Kündigung?
Nicht unbedingt, erklärt Martin Römermann, Fachanwalt für Arbeitsrecht und Partner der Kanzlei SKW Schwarz Rechtsanwälte in Berlin.

Wann ist eine Beleidigung ein Kündigungsgrund?

Zunächst muss man wissen: Es gibt keinen absoluten Kündigungsgrund. Soll ein Arbeitsverhältnis fristlos gekündigt werden, müssen die konkreten Umstände des Einzelfalls betrachtet und die Interessen von Arbeitnehmer und Arbeitgeber abgewogen werden. Es kommt also immer auf die konkrete Situation an, an der man messen wird, ob eine Kündigung tatsächlich angemessen ist. Nach der ständigen Rechtsprechung des Bundesarbeitsgerichts kann eine Beleidigung durch den Arbeitnehmer eine außerordentliche Kündigung dann rechtfertigen, wenn sie den Arbeitgeber erheblich in seiner Ehre verletzt. Dass nicht jedes gefallene Schimpfwort gleich ein Kündigungsgrund ist, haben die Arbeitsgerichte zigfach entschieden.

Macht es einen Unterschied, ob dies vor Zeugen oder ohne Zeugen geschieht?

Natürlich. Wer seinen Chef vor den Kollegen beleidigt, stellt ihn vor anderen bloß und trifft ihn damit in der Regel noch härter. Das ist sicher bei der Interessenabwägung zu berücksichtigen. Das bedeutet aber nicht automatisch, dass man gekündigt werden kann, bloß weil die Beleidigung unter Zeugen erfolgt ist. Auch hier kommt es auf den Inhalt und die Form der Beleidigung an und ob die Äußerung des Mitarbeiters in diesem Kreis wirklich völlig unangebracht und überzogen gewesen ist.

Darf man seinen Chef anbrüllen?

Anbrüllen ist im Arbeitsleben sicher kein ratsamer Umgangston. Gilt aber ein Mitarbeiter als emotional und ist bekannt, dass ihm oder ihr ab und an die Hutschnur reißt, wird der Arbeitgeber das tadeln, gegebenenfalls abmahnen, aber nicht gleich mit einer Kündigung sanktionieren dürfen. Man wird das aber in einer eher förmlichen Branche wie bei einer Bank oder Versicherung anders beurteilen als etwa auf dem Bau. Zu berücksichtigen ist immer der übliche Umgangston, der Bildungsgrad und der seelische Zustand des Mitarbeiters sowie die konkrete Situation, in der die Beleidigung gefallen ist. Wo generell viel gebrüllt wird, wird ein Gericht also wohl großzügigere Maßstäbe anlegen.

Darf der Chef beleidigen, man selber aber nicht?

Grundsätzlich muss sich natürlich niemand beleidigen lassen, weder Chef noch Mitarbeiter. Die Gerichte prüfen bei Beleidigungen im Rahmen der Interessenabwägung immer auch, ob der Arbeitgeber die Auseinandersetzung mitverursacht hat. In einer eskalierenden Situation, in der beispielsweise der Chef seinen Mitarbeiter als "Idiot" bezeichnet und der dann entgegnet "der größte Idiot sind doch wohl Sie!", wird ein Gericht sicher nicht per se zulasten des Arbeitnehmers entscheiden.

Der betroffene Autor hat sich einen Anwalt genommen, weil er die Beleidigungen dementiert. Könnte er sich auch als freier Mitarbeiter auf das Arbeitsrecht beziehen? Welcher Ansatz wäre für ihn möglich?

Freie Mitarbeiter können ordentlich immer gekündigt werden, dazu braucht es keinen spezifischen Grund oder gar eine Verfehlung. Etwas anderes gilt nur, wenn sie einen befristeten Vertrag haben.

Für eine fristlose Kündigung gelten die gleichen gesetzlichen Regelungen wie für angestellte Mitarbeiter. Die fristlose Kündigung ist nur aus wichtigem Grund möglich. Hier kommt es dann also zu der schon geschilderten Interessenabwägung. Möglicherweise würde das Arbeitsgericht in Anwendung dieser Vorschrift den Arbeitnehmer eher schützen, als das ordentliche Gericht den freien Mitarbeiter.  

Arbeitsrecht: Nicht jede Chef-Beleidigung führt zur Kündigung

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