| | von Judith Pfannenmüller

Ende des Autowahns: "Wir müssen Verkehrsmittel teilen, um effizient mobil zu sein"

Unser Umgang mit Mobilität muss sich massiv ändern, sagt Stephan Rammler. Er will im Institut für Transportation Design eine "postfossile Mobilitätskultur" entwickeln. Der Professor der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig prognostiziert Arbeitsplatzverluste in der Autoindustrie. In den urbanen Zentren müssten in Zukunft viele verschiedene elektrobetriebene Verkehrsmittel effizient vernetzt und vor allem geteilt werden, so seine These. Das Privatauto könne dabei nur eine untergeordnete Rolle spielen.

 

Herr Rammler, noch ist das Auto für viele das Sinnbild individueller Freiheit, außer vielleicht für ein paar avantgardistische urbane Städter. Bleibt Ihre Vision einer entindividualisierten Mobilität ein frommer Wunsch?

Eigentlich würde ja nicht die Mobilität entindividualisiert, sondern nur der Besitz. Das heißt, es würde weiterhin Gefährte geben mit zwei, drei oder vier Rädern, andere, die auf Schienen fahren oder auch eine neue maritime Mobilität. Vielleicht würden neue Verkehrsmittel wie das Luftschiff dazukommen. Im Gesamtensemble dieses Angebots an Verkehrsträgern würden wir uns automobil bewegen, im Sinne von Selbstbeweglichkeit. Wir müssten dabei allerdings teilen, um Effizienz in das System zu bekommen.

Noch freut sich die Autoindustrie über Wachstumsraten der riesigen SUVs (Sport Utility Vehicles), die sich zum Beispiel durch die engen Straßen im Prenzlauer Berg zwängen.  Mit der Einsicht in modernen städtische Mobilität scheint es noch nicht allzu weit her zu sein.

Es gibt natürlich Elitenphänomene und private Automobilität in Berlin. Der überwiegende Anteil der Bewohner des Prenzlauer Bergs dürfte allerdings schon jetzt mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs sein. Gerade in Berlin ist der Automobilbesitz deutschlandweit am geringsten. Das urbane Verkehrssystem ist gut strukturiert. Viele, die in Berlin groß geworden sind, haben nie einen Führerschein gemacht, weil sie mit dem vorhandenen Angebot hervorragend klargekommen sind. 

Die Mehrheit in Deutschland ist noch nicht bereit, auf die Freiheit eines persönlichen Auto zu verzichten.

Die bekannten Argumente - Automobil sei Freiheit, Leidenschaft und Demokratie – sind ja nicht falsch. Man muss aber zur Kenntnis nehmen, dass es nicht einfach so weitergehen kann, denn die fossilen Ressourcen sind erwiesenermaßen endlich. Mobilität so zu organisieren, wie man es im 20. Jahrhundert gewohnt war, wäre unintelligent. Man leistet sich den Luxus, ein Auto 23 Stunden am Tag nicht als Ressource zu nutzen. Kein Industrieunternehmen würde seine Produktionsanlagen auch nur drei Stunden am Tag stillstehen lassen.

Diese Erkenntnis führt nicht automatisch zu einer Veränderung. 

Die fossilen Ressourcen werden sich in Zukunft weiter verknappen, das heißt, die Preise steigen ohnehin. Das kann man entweder abwarten und hoffen, dass das alles irgendwie gut gehen wird. Damit gerät man immer weiter in die Sackgasse, auch mit der Option einer plötzlichen Verknappung. Das könnte heute schon passieren, etwa wenn im Nahen oder Mittleren Osten ein Krieg entsteht oder die saudiarabische Diktatur gestürzt wird. Dann gäbe es statt einer graduellen Kostensteigerung einen plötzlichen Bruch mit entsprechenden Auswirkungen auf  die Volkswirtschaft.  

Die Politik müsste also mehr tun?

Die Alternative wäre, die Politik agiert im Sinne einer gesamtgesellschaftlichen vorauseilenden Risikominimierung, zum Beispiel über eine Ökosteuer in Verbindung mit einem Verkehrssystem, das mit regionaler regenerativer Energie funktioniert. Über Investitionen in eine bessere Infrastruktur, zum Beispiel für das Fahrrad, das meiner Meinung nach als Verkehrsmittel noch unterschätzt wird. Und über ein moderneres kollektives Verkehrssystem. Die Angebote müssen so attraktiv sein, dass Menschen zu einer anderen Mobilität verführt werden. Ich fürchte nur, dass Politiker Benzin nicht freiwillig verteuern werden, weil sie dann sofort an Legitimität verlieren.

Bräuchte es also eher mehr E-Porsches, um die Leute zu verführen?

Das wäre Unsinn. Es würde ja bedeuten, die gleichen Ansprüche an Sportlichkeit, schnelles Fahren, Ästhetik oder Status-Demonstration einfach auf eine neue Technologie zu übertragen. Die Elektromobilität ist nur sinnvoll, wenn man gleichzeitig die Nutzungsmodelle umstellt, zum Beispiel auf Carsharing.

In den USA sind die Leute von Autos abhängig, bei uns auf dem Land ebenfalls. Wie soll ein Umstieg da organisiert werden?

Man muss als Gesellschaft irgendwann anfangen, mutig und kreativ zu sein. Kreativität entsteht aus Knappheit. Es gibt so viele smarte Unternehmen, die sich etwas ausdenken können, um die Leute auf eine intelligente Weise weiter mobil halten zu können. Da gibt es Konzepte.

 

Nennen Sie mal eines.

Man könnte im ländlichen Raum nachbarschaftliche Fahrgemeinschaften bilden. Viele ältere Menschen könnten ja eigentlich gar nicht mehr selbst Auto fahren, tun es aber über ihr eigenes Limit heraus. Stattdessen könnten andere, rüstigere Rentner Shuttledienste einrichten und vielleicht ein bisschen was dazuverdienen. Es wird im ländlichen Raum in Zukunft nicht ohne nachbarschaftliche Kooperation gehen.

Die Autoindustrie rüstet Autos zu mobilen Kommunikationszentren um und experimentiert ein wenig mit Carsharing. Wird die Industrie freiwillig umdenken, solange noch Märkte da sind, zum Beispiel in China?

Solange der Kunde weiter SUVs oder wahlweise Kampfpanzer nachfragt, kann man der Industrie in einem so verfassten marktwirtschaftlich-kapitalistischen System keinen Vorwurf machen, dass sie solche Produkte anbietet. Ich glaube aber, dass die Autoindustrie irgendwann an einen Punkt kommen wird, wo sie keine Produkte mehr wird verkaufen können. Im Perlflußdelta in China leben zum Beispiel 110 Millionen Menschen auf einem Raum von der geografischen Grundfläche Nordrhein-Westfalens. Geben Sie mir eine Antwort, wo da noch Platz für Autos sein soll. Die Industrie, zum Beispiel Siemens oder Bombardier, wird dorthin vor allem integrierte Gesamtverkehrssysteme exportieren können, wenn sie sich gut aufstellt.

Beschreiben Sie noch einmal Ihre Vision vom Stadt- und Landverkehr der Zukunft. Sind da Dreiradflotte, E-Autopaketdienst und Carsharing in einer riesigen Mitfahrzentrale verbunden?

Es wird eine große Vielfalt von unterschiedlichen Verkehrstechnologien geben, die auf eine sehr kluge und effiziente Art und Weise vernetzt sind und geteilt werden. Das Rückgrat wird der kollektive, öffentliche Verkehr bleiben, Straßenbahnen, S-Bahnen, U-Bahnen, Busse, alle mit regenerativer Energie betrieben. Das wird kombiniert mit Carsharing-Systemen, Individualverkehrsmitteln und Mikromobiität  wie Fahrrädern oder Segways, die die letzte Meile zu den Knotenpunkten des öffentlichen Verkehrs darstellen. 

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