| | von Judith Pfannenmüller

Ernährungsindustrie reagiert auf Druck der Foodaktivisten

Die Nahrungsmittelkonzerne sind erfindungsreich, wenn es um die Eroberungen von Kinderherzen geht. Sie befüllen Fruchtzwergebecher, Schokobons oder Miniburger und kreieren immer neue Varianten von Frühstücksflocken und anderem Süßzeugs. Sie heißen Frootloops, Zauberfleks, Crispy Pops oder Honigkugeln und werben mit Comicfiguren, Spielzeugbeigaben und Internet-Gewinnspielen bei ihren Zielgruppen, den Kindern. Spezialagenturen wie Cobra Youth in Berlin erforschen mit Kindern für die Konzerne, wie man Kinder am besten anspricht.

1.500 dieser Produkte, die Nahrungsmittelkonzerne für den Kindermarkt produzieren, haben die Aktivisten von Foodwatch auf Basis der empfohlenen Ernährunsgpyramide untersucht und die Ergebnisse in einer Studie veröffentlicht www.foodwatch.de/kinderreport. Fazit: "Drei Viertel der Produkte haben zuviel Zucker und zuviel Fett," kritisiert Foodwatch-Aktivistin Anne Markwardt.

Foodwatch wirft der Industrie vor, sie verweigere die Mit-Verantwortung für die zunehmende Fettleibigkeit unter Kindern schiebe die Verantworterung Eltern und Staat zu und untergrabe mit aggressiven Marketingmaßnahmen an Kinder gleichzeitig die Ernährungserziehung.

Die von der Bundesregierung initiierte Plattform für Ernährung und Bewegung (peb), an der die Industrie sich beteilige, sei eine von vielen „Alibimaßnahmen“, kritisiert Markwardt. Tatsächlich lobbyiere die Industrie massiv gegen sinnvolle Lebensmittelkennzeichnungen wie die Ampel.

Aus Gewinnmaximierungssicht jedenfalls macht das Sinn: Die Nahrungsmittelkonzerne fahren mit Frühstücksflocken und anderen süßen Snacks fette Umsatzrenditen von über 18 Prozent ein, wie eine JP Morgan Studie belegt. Mit Obst und Gemüse ist nur eine Rendite von 4,6 Prozent zu holen.

Der Wettbewerb im renditeträchtigen Segment tobt. Deswegen gaben die Konzerne im vergangenen Jahr 697 Millionen Euro aus, um Schokolade und Süßwaren zu bewerben, dazu noch 41 Millionen für Brotaufstriche und über 26 Millionen für Eiscreme. ´

Foodwatch fordert nun, Produkte, die gar nicht ausgewogen sein können wie Süßwaren, sollen nicht mehr direkt als Kinderprodukte vermarktet werden. Die Industrie solle etwa bei Frühstücksflocken, zudem ausgewogenere Produkte mit geringerem Zuckergehalt herstellen und auf Sponsoringpartnerschaften, etwa mit Sportvereinen verzichten.

Die Luft wird politisch dünner. Und so verstärkt die Industrie ihre freiwilligen Maßnahmen, um möglichen Verboten gegenzusteuern. So veröffentlichte EU- Pledge - eine freiwillige Initiative der Lebensmittel- und Getränkeindustrie, keine Werbung an Kinder unter 12 Jahren zu richten - heute eine Ausweitung ihrer Selbstverpflichtung.

Rückwirkend zum 1. Januar 2012 sollen die Unternehmen keine Werbespots mehr in Umfeldern schalten, deren Zuschauer zu 35 Prozent oder mehr aus Kindern unter zwölf Jahren bestehen (bisher 50 Prozent). Online soll dies ebenso gelten, auch für die Webseiten der Unternehmen.

Zudem sollen die Untrenehmen auf Produkt-Kommunikation an Grundschulen verzichten, es sei denn die Schulverwaltung habe dies ausdrücklich aus pädagogischen Gründen beantragt. Dr.Oetker müsste demnach wohl seinen Stundenplan mit der Vanillepudding-Kuh Paula streichen.

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