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Lass doch mal den Landesvater vor: Mit einer stark auf den beliebten Kretschmann zugeschnittenen Wahlkampagne wollen die Grünen in Baden-Württemberg auch konservative Wählerschichten ansprechen..
Lass doch mal den Landesvater vor: Mit einer stark auf den beliebten Kretschmann zugeschnittenen Wahlkampagne wollen die Grünen in Baden-Württemberg auch konservative Wählerschichten ansprechen.. © Foto: Wigwam

Wahlkampf Baden-Württemberg | | von Judith Pfannenmüller

Grüne Wahlkampagne: Alles auf Kretschmann

"Es scheint die historische Aufgabe der Grünen zu sein, das Wort konservativ neu zu erfinden", hatte die taz 2011 nach dem Wahlsieg der Grünen in Baden-Württemberg geschrieben. Im Ländle war das Wunder geschehen, dass 58 Jahre CDU-Herrschaft ausgerechnet von den Grünen beendet wurden, die mit Winfried Kretschmann erstmals einen Ministerpräsidenten stellten.

In einem der spannendsten Landtagswahlkämpfe seit langem müssen Bündnis 90/Die Grünen nun bei der Wahl am 13. März die Regierungsrolle und den Ministerpräsidenten verteidigen. An diesem Montag haben sie die Wahl-Kampagne vorgestellt, mit der es gelingen soll, den grünen Führungsanspruch in Wählerstimmen umzumünzen. Der parteienübergreifend beliebte Kretschmann (69 Prozent Zustimmung) spielt darin eine Doppelrolle - als konservativer Bewahrer dessen, was gut ist im Land und gleichzeitig als Erneuerer.

Die Berliner Agentur Wigwam inszeniert den Landesvater in einem stark personalisierenden Wahlkampf als idealen Politiker im Max Weberschen Sinne - einen Mann mit Ethik, Haltung, Verantwortungsgefühl, aber auch Leidenschaft (Fotograf: Dennis Williamson).   "Regieren ist eine Stilfrage", "Verantwortung und Augenmaß", "Leidenschaft für die Sache", "Dem Land verpflichtet", "Menschlich und mutig handeln" heißen die Botschaften rund um den Spitzenkandidaten. 

Als flankierende Maßnahme gibt es recht generisch gehaltene Themenplakate, die Claims spielen teilweise mit Doppeldeutigkeiten: "Unser Erfolg ist erneuerbar" (Energie),  Innovation ist unsere Natur" (Digitale Wirtschaft), "Erhalten was uns erhält" (Natur/Generationen) "Lasst uns zusammen wachsen (Flüchtlinge), "Wir bewegen das Land" (Verkehr), "Wissen ist unser Kapital" (Bildung), "Wir bauen auf Familien". Das Wahlkampfbudget liegt bei einer Million Euro.

Um möglichst breite Wählerschichten anzusprechen und den Führungsanspruch zu unterstreichen, kommt die Kampagne außergewöhnlich staatstragend und konservativ daher - verglichen jedenfalls mit den plakativen, mitunter grellen Oppositionswahlkämpfen, die man eigentlich von den Grünen gewohnt ist.

Das Ziel: möglichst viele Kretschmann-Fans auch in den anderen Parteien daran zu erinnern, dass, wenn sie Kretschmann wollen,  ihr Kreuz auch bei den 69 anderen Wahlkreiskanditaten der Grünen machen müssen. Es ist vor allem die Hoffnung, potenzielle Wechselwähler aus den Reihen der CDU in die progressiver positionierte  konservative Partei hinüberzuziehen: Laut Umfragen der Forschungsgruppe Wahlen für das Politbarometer ist Kretschmann mit immerhin 43 Prozent Zustimmung unter CDU-Anhängern beliebter als deren eigener Spitzenkandidat Guido Wolf (41 Prozent).

Alle Plakate sind deswegen verknüpft mit dem Aufruf: Grün wählen - für Kretschmann.  Besonderer Gag mit gewollter Signalwirkung: Der Appell ist hinterlegt mit dem eierschalfarbenen Weiß der Landesmarketing-Kampagne (Wir können alles. Außer Hochdeutsch) und verziert mit einem baden-württembergischen Löwen.  

Die Kampagne wird flankiert von einem - noch in der Produktion befindlichen -TV-Spot, einem Kinospot (beide mit Kretschmann in der Hauptrolle/ Regie: Simon Ostermann), einer Bannerkampagne und Live-Interviews mit Kretschmann auf Facebook. Als Social Media-Aktion gibt es eine Art Kretschmann-Fanshop auf  www.winfried-kretschmann.de. Dort können sich Unterstützer Geschichten, Argumente und  und Zitate pro Kretschmann zusammenklicken und mit Freunden teilen. Wigwam produziert auch eine Zeitung, die im Nahverkehr und an den Wahlkampfständen verteilt wird.

Der grüne Wahlkampf im Ländle ist in einer weiteren Hinsicht eine Premiere: Die junge Berliner Agentur Wigwam, die bislang vor allem Kampagnen für Öko- und Sozialunternehmen realisierte, bestreitet damit ihre erste Wahlkampagne. Für einen ihrer Geschäftsführer zumindest ist der Grünen-Wahlkampf dennoch kein Neuland:  Matthias Riegel hat bei der ehemaligen Haus- und Hofagentur der Grünen Zum Goldenen Hirschen bereits mehrere wichtige Wahlkämpfe entwickelt und ist auch jetzt für die Strategie der Kampagne verantwortlich.

Ginge es nach dem Politbarometer des ZDF vom vergangenen Donnerstag, käme die rot-grüne Regierung derzeit nicht auf eine Mehrheit: Die SPD sackt auf magere 15 Prozent ab, die Grünen kämen auf 28 Prozent. Geschwächte, aber immer noch stärkste Kraft wäre die CDU (34 Prozent). Die AfD käme auf elf Prozent, die FDP läge bei sechs Prozent, die Linken bei drei Prozent.

Grüne Wahlkampagne: Alles auf Kretschmann

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So ungewöhnlich wirbt ein Grünen-Kandidat in Mannheim

von Sebastian Blum

In vier Wochen sind in Baden-Württemberg Landtagswahlen. Den etablierten Parteien drohen dabei aktuellen Prognosen zufolge große Verluste: Die SPD käme demnach nur noch auf magere 14 Prozent (2011: 23 Prozent), während die CDU mit 31 Prozent ein ebenfalls schlechtes Ergebnis einfahren würde. Profiteur des Stimmungswandels ist die AfD, die Rechtspopulisten würden mit 12 Prozent der Wählerstimmen zum ersten Mal in den Landtag ziehen. Allein die Grünen legen ein bisschen zu - Winfried Kretschmann sei Dank. Es ist also nicht verwunderlich, dass die Partei im Wahlkampf alles auf den Ministerpräsidenten setzt.

Gerhard Fontagnier ringt ebenfalls um Stimmen. Das Grünen-Mitglied aus Mannheim tritt zum dritten Mal für den Landtag an. Fontagnier setzt jedoch nicht nur auf konventionellen Wahlkampf: Zusammen mit dem befreundeten Musiker Markus Sprengler hat der Politiker das Musikvideo "The Cost of Freedom" gedreht. Der Spot zu Sprenglers gleichnamigen Single ist sowohl eine Aufforderung zum Wählen als auch ein Plädoyer für die Integration von Flüchtlingen - Sprengler und Fontagnier sitzen beide im Vorstand von "Mannheim sagt ja e.V.", der die lokale Flüchtlingsarbeit koordiniert.

Im aktuellen Wahlkampf nimmt sich Fontagniers Spot ziemlich ungewöhnlich aus - nicht zuletzt weil er ohne Budget auskommt, wie Sprengler W&V Online berichtet: Für die Idee und das Konzept zeichnet der Kandidat selbst verantwortlich, die Produktion ging auf das Konto seines Sohnes.

Das Video ist allerdings nicht die letzte Wahlkampfaktion für den Kandidaten, die Bekanntheit der Marke Fontaigner soll laut Sprengler noch deutlich gesteigert werden: "Wir organisieren derzeit zusammen mit anderen einen Unterstützer-Konzertabend unter der von mir erfundenen Brand 'Fonti rockt BaWü' zu dem auch Claudia Roth kommen wird."     

von Sebastian Blum - Kommentare Kommentar schreiben