Buy Local | | von Frauke Schobelt

Haidhausen: Die Horror-Vision der Händler

Das Schaufenster ist für kleine Läden ein wichtiges Marketinginstrument. Gefällt die Auslage, animiert dies Passanten zum Eintreten und Einkaufen. Und im Idealfall auch zum Wiederkehren. Umso bemerkenswerter ist eine Aktion von kleinen Händlern im schönen Münchner Stadtviertel Haidhausen, die ihre liebevoll dekorierten Schaufenster am Wochenende mit Paketpapier zuklebten.

Wer beim Schaufensterbummel hineinschaute, wurde enttäuscht. Statt Produkte sahen Passanten als einzige Deko einen Aufkleber mit dem Hinweis auf eine gemeinsame Aktion der Händler-Initiative Buy local. Darauf der Spruch: "Erst wenn der letzte Laden verschwunden ist ... werdet ihr feststellen, dass online shoppen doch gar nicht so toll war."

40 Händler haben sich vor eineinhalb Jahren in der Initiative Buy local Haidhausen zusammengeschlossen, um mit gemeinsamen Aktionen mehr Kunden in die Läden zu locken. Nun wollten sie gemeinsam ein Zeichen setzen: 22 Händler machten mit und verhüllten nach Ladenschluss ihre Schaufenster, um auf die Übermacht der Online-Händler und Shopping-Malls hinzuweisen. Und auf die Folgen für die Stadtviertel, wenn Kunden lieber anonym im Internet einkaufen, als im Laden vor der eigenen Haustür.

Mitinitiatorin Sabine Doppler bekräftigt gegenüber der "Süddeutschen Zeitung", dass die Händler mit der Kampagne nicht jammern und Kunden anbetteln wollten, lieber bei ihnen zu kaufen. "Die Entscheidung, wer wo kauft, können wir nicht beeinflussen - aber wir können auf die Konsequenz hinweisen", sagt sie. Die Kampagne soll lokalen Kunden bewusst machen, dass sie durch ihr Einkaufsverhalten ihre direkte Umgebung beeinflussen. Die Reaktionen auf der Facebook-Seite der Initiative, die rund 700 Follower hat, sind durchweg positiv.

Die Sorgen der stationären Händler sind begründet. Denn die Deutschen shoppen besonders gerne online, wie eine internationale Studie von Deals.com in Zusammenarbeit mit dem Centre for Retail Research (CRR) zeigt. Demnach hat bereits jeder zweite Bundesbürger 2014 online eingekauft (50,5 Prozent). Mit Pro-Kopf-Ausgaben von 1.054 Euro gehören die deutschen Online-Käufer zu den eifrigsten Shoppern in Europa. 2014 wurden mit E-Commerce in Deutschland 42,9 Milliarden Euro umgesetzt, 8,6 Milliarden Euro mehr als 2013 (34,3 Milliarden). Damit stieg der Online-Anteil im vergangenen Jahr auf zehn Prozent des deutschen Gesamthandelsvolumens. Für 2015 erwarten die Experten einen Umsatz von 52,8 Milliarden Euro und gleichzeitig einen leichten Rückgang im stationären Handel. Die Einzelhändler werden 2015 voraussichtlich etwa 1,8 Prozent weniger erwirtschaften, so die Prognose. Allein der Internetriese Amazon hat laut Geschäftsbericht 2014 in Deutschland einen Umsatz von 11,9 Milliarden Dollar (10,4 Milliarden Euro) erwirtschaftet, fast 1,5 Milliarden Dollar (1,3 Milliarden Euro) mehr als im Vorjahr.

Mit Zusammenschlüssen, Online-Kaufhäusern und gemeinsamen Portalen versuchen die Einzelhändler, sich gegen diese Übermacht zu stemmen. Die Händler-Initiative in Haidhausen wirbt mit Aktionen wie "After-Work-Drinks" und einem Kinospot um mehr "Liebe" für das eigene Stadtviertel. 

mal kurz vom popcorn hochschauen / buy local goes kino / rio filmpalast

Posted by Buy Local Haidhausen on Donnerstag, 1. Oktober 2015
Haidhausen: Die Horror-Vision der Händler

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Warum ich kleine Läden liebe und trotzdem online einkaufe

von Frauke Schobelt

Ich gebe zu: Ich bin eine faule Sau. Deshalb setze ich mich samstags nur sehr selten in die S-Bahn, um eine dreiviertel Stunde lang  – wie sonst zur Arbeit - zum Shoppen in die Innenstadt zu zuckeln. Die übervolle Einkaufszone in München schreckt mich ab. Das Flanieren durch die schönen Stadtviertel mit den vielen kleinen Läden mittlerweile ebenso – denn es kostet einfach zu viel Zeit. Außerdem ist nie sicher, ob ich das Gesuchte auch wirklich finde.

Dabei mag ich es, durch Läden mit individueller Note zu schlendern, die Waren zu berühren, sie an- und auszuprobieren. Im Urlaub. In der Woche bleibt nach der Arbeit für entspanntes Einkaufen zu wenig Zeit, denn in Bayern schließen alle Geschäfte spätestens um 20 Uhr. Die kleinen oft auch früher. Da schafft man dann höchstens noch einen Einkaufsspurt in zentrale Läden entlang der S-Bahn-Strecke.

Deshalb shoppe ich – wie mittlerweile wohl jeder zweite Deutsche - gerne im Internet. Aus reiner Bequemlichkeit und Stressvermeidung. In den Shops wartet eine riesige Auswahl, ich kann gezielt suchen. Und dann warte ich nur noch auf den Paketboten, der die Sendung praktischerweise auch vor unserer Haustür abstellt, wenn keiner da ist.

Dabei geht es mir gar nicht so sehr um den Preis. Wenn der günstig ist – fein. Wichtiger ist mir: Ich möchte vergleichen. Und dann einfach und unkompliziert bestellen. 

Früher war das anders. Da bevorzugte ich kleine Läden, um Giganten wie etwa Amazon nicht noch mehr Geld in den Rachen zu schmeißen. Auch in meiner Heimatstadt, einem 25.000-Einwohner-Städtchen. Man kennt sich dort. Den Versuch, für das Weihnachtsfest im dortigen Spielzeugladen Geschenke zu bestellen, musste ich jedoch irgendwann aufgeben. Weder telefonisch noch per E-Mail war jemand zu erreichen. Trotz mehrmaliger Versuche. Den Spielzeugladen gibt es mittlerweile nicht mehr.

Will ich heute Beratung, durchforste ich Foren oder Testberichte. Oder ich gehe eben in ein Geschäft. Überzeugt mich das Produkt, kaufe ich es dann dort auch. Denn gute Beratung ist eine Leistung und gehört honoriert. Bei bestimmten Produkten ist das für mich ein Muss - bei Wanderschuhen zum Beispiel. Spülmaschinen. Musikinstrumenten. Büchern. Und unserem neuen Zelt. Stimmen Beratung, Auswahl und Atmosphäre, werde ich in diesen Geschäften zum Stammkunden. Und fahre dafür gerne in die Stadt. 

Ich bin mir meiner Verantwortung als Konsument durchaus bewusst. Deshalb berührt mich die Aktion der Händler in Haidhausen, die ihre Schaufensterscheiben als Warnung vor einer Verödung der Städte zuklebten. Ich habe früher in Haidhausen gelebt. Es gibt sehr schöne Läden dort, sie prägen das Viertel. Ich bin gerne dort unterwegs. Aber eben nicht zum Einkaufen, denn nach einem langen Arbeitstag haben die Läden meist schon geschlossen. Deshalb bleibt mir nur der Sonnabend. Und der ist mir mittlerweile zu heilig. Denn es gibt auch sonst viel zu tun.

Würde es helfen, wenn die lokalen Händler gemeinsam einen Online-Shop hätten oder sich einem anschließen würden? Vermutlich schon.

Natürlich habe ich beim Internet-Shopping auch schon viele Reinfälle erlebt, die ebenfalls Zeit kosten. Die Retouren sind lästig. Und in unserem Keller stapeln sich die Kartons der Online-Shops. Wir müssen dringend mal wieder zum Wertstoffhof. Vielleicht nächsten Samstag.   

von Frauke Schobelt - Kommentare Kommentar schreiben

Wie lokale Läden das Internet besser nutzen

von Frauke Schobelt

Eine Protestaktion kleiner Läden im Münchner Stadtviertel Haidhausen sorgte Mitte Oktober für Aufsehen. Die Geschäftsinhaber klebten die Schaufenster ihrer Läden zu. Sie wollten damit auf die Übermacht des Online-Handels hinweisen und eine Mahnung an Kunden senden, wie das Konsumverhalten das eigene Viertel verändern kann - wenn man dort nicht mehr einkauft. Die auch auf W&V Online und Facebook geführte Debatte offenbarte viel Sympathie für die lokalen Läden - aber auch ein grundsätzliches Dilemma. Arbeitnehmerunfreundliche Öffnungszeiten, weniger Auswahl und natürlich auch günstigere Preise treiben viele Kunden in die Arme von bequemen Online-Shops.

Lokale Händler sollten jedoch das Internet nicht nur als Fluch, sondern auch als Segen begreifen - und es klüger nutzen. Das ist der Rat von Yatego Local. Das Münchner Unternehmen ließ vom Online-Marktforschungsinstitut Fittkau & Maaß Consulting 1200 Konsumenten zu ihren Kauf- und Informationsgewohnheiten befragen. Demnach sagen fast ein Drittel, dass sie mehr in regionalen Geschäften einkaufen würden, wenn deren Angebote auch im Netz sichtbar wären.

Nun ist Yatego Local ein Dienstleister, der zusammen mit Medien in Städten wie Regensburg und Landshut lokale Digital-Marktplätze für ansässige Unternehmen aufbaut. Und deshalb ein natürliches Interesse daran hat, dass lokale Händler sich anschließen. Doch die Ergebnisse der Umfrage untermauern eine Strategie, die tatsächlich immer mehr regionale Firmen in Erwägung ziehen: Gemeinsame Präsenzen statt einzelner Insellösungen im Internet, um gestärkt mehr Sichtbarkeit zu schaffen und Kunden anzulocken.

Dieser Weg ist laut der Umfrage mehr als sinnvoll: Denn deutsche Internet-Nutzer zeichnen sich durch eine hohe Loyalität zum lokalen Einzelhandel aus. Immerhin 44 Prozent der Befragten kaufen demnach so viel wie möglich in Geschäften in ihrem Wohnort, Frauen noch mehr als Männer. 33 Prozent suchen vorher im Web nach Geschäften in der Region. 22 Prozent nutzen ihr Smartphone unterwegs, um nach Geschäften zu fahnden. Das unterstreicht auch der im Frühjahr erschienene  "Local Listing Report" von 1&1.

Die Suche nach stationären Geschäften im Internet ist für viele Kunden allerdings oftmals frustrierend: 72 Prozent der Nutzer sind mit den Suchergebnissen unzufrieden. Je kleiner der Ort, desto schwerer sind Geschäfte im Internet auffindbar. Insbesondere die Befragten in Mittel- und Kleinstädten gaben an, im Internet nichts Passendes zu finden. Dabei will genau diese Zielgruppe in Zukunft häufiger im Netz recherchieren, bevor sie einen Einkauf vor Ort tätigen. Auch 34 Prozent der Großstädter gaben an, mehr in regionalen Geschäften einkaufen zu wollen, wenn die Angebote im Internet sichtbar wären.

"Viele Einzelhändler in Deutschland schöpfen noch lange nicht alle Möglichkeiten der zunehmenden Digitalisierung aus", sagt Ben Rodrian , CEO von Yatego Local und Auftraggeber der Studie. Eine Online-Plattform, die den lokalen Handel von der digitalen Präsenz bis zum Abverkauf erschließt, sei derzeit noch die Ausnahme.

Wir stellen einige Projekte vor:

Online-Marktplätze

In Wiesbaden startete im April das Projekt "Das Kiezkaufhaus", zunächst als Test. Seit Juli ist der Shop öffentlich. Der Online-Shop wurde von der ansässigen Internetagentur Scholz & Volkmer (S&V) entwickelt. Im Kiezkaufhaus bieten lokale Händler und Hersteller ihre Produkte unter einem Dach an. Die Waren werden von einem Zweier-Team im Laden arrangiert und fotografiert. Und noch am selben Tag, sofern sie vor 14 Uhr bestellt wurden, mit Cargo-Bikes zum Kunden geliefert. Die insgesamt zehn Fahrer geben die Taschen auch bei Nachbarn oder an Abholstationen wie Cafés ab. "Das Kiezkaufhaus" ist als Genossenschaftsmodell konzipiert. Ziel ist es, auch andere Städte für das Projekt zu gewinnen. Ein erstes Fazit des Teams: Durchschnittlich 10 bis 20 Bestellungen gibt es pro Tag. Dabei werden auch oft Produkte bestellt, von denen der Preis vorher nicht feststeht, weil sie nicht abgebildet sind. Ziel sind 30 bis 40 Bestellungen pro Tag, damit sich der Shop trägt. Bei Marketing und PR unterstützt S&V.

Ein weiteres Beispiel für einen lokalen Online-Marktplatz ist die Online-City Wuppertal. Die Stadt hat zusammen mit dem Internet-Start-up Atalanda bereits Ende 2014 den lokalen Marktplatz ins Leben gerufen. Rund 70 Händler präsentieren dort gemeinsam ihre Produkte. Geliefert werden kann noch am selben Tag mit einem eigenen Kurierservice. Eine Servicestation ist auch nach den üblichen Öffnungszeiten erreichbar. Außerdem können Produkte an zentralen Shopstationen ausprobiert werden.

Der Marktplatz Simply Local bietet lokalen Läden auf einer Plattform eigene Online-Shops, damit ihre Waren im Netz auffindbar und reservierbar sind. Beteiligt an der Plattform ist die Media-Saturn Holding und damit der Handelskonzern Metro. Auf der Händlerliste stehen deshalb auch Saturn und Media-Markt, sowie viele weitere Ketten wie Deichmann oder Karstadt.

Auch Yatego Local baut in Kooperation mit Verlagen und Medienhäuser Online-Marktplätze auf. Pilotprojekte der lokalen Digitalplattform laufen in Regensburg und Landshut in Kooperation mit der Mittelbayerischen Zeitung. Yatego Local ist eine Business Unit der Yatego GmbH mit Sitz in München.

Digitale Schaufenster

Rund 300 Einzelhändler, Manufakturen und Concept-Stores haben sich bereits für ein "digitales Schaufenster" bei Productmate entschieden. Das Startup wurde von den drei Hamburger Unternehmern Benedict Sebesta, Moritz Held und Matthias Rickertsen gegründet. "Wir machen die feinen Dinge im Stadtviertel online sichtbar", sagt Moritz Held. Dafür besucht das Team die Läden und fotografiert tausende Waren. Die Plattform soll Kunden dabei unterstützen, besondere Produkte in ihrer Nähe zu finden. Und es soll Händlern helfen, ihre SEO-Relevanz zu verbessern und ihre Angebote besser sichtbar zu machen. Einen Online-Shop bietet sie allerdings nicht. Derzeit sind Hamburg, Berlin und Düsseldorf angeschlossen. 2016 sollen München und Köln folgen. Und die Gründer haben noch mehr vor: "Wir wollen auch ins Ausland: Riga, Vilnius, Stockholm und Kopenhagen sind Vorreiter im Bereich Design", sagt Matthias Rickertsen.

Einen ähnlichen Ansatz verfolgt die "Anti-Shopping-Mall"-App Findeling, die von den Hamburgern Florian Schneider und Katharina Walter entwickelt wurde. Sie bietet eine Produkt- und Markensuche im Umfeld sowie die Möglichkeit, neue Produkte und Angebot der persönlichen Lieblingsläden zu abonnieren. Online-Shops halten sie für weniger zielführend, da die "Gewinnspannen und Absatzmengen kleiner Geschäfte nicht hoch genug sind, um Retouren verkraften zu können". Stattdessen wollen sie die Kunden für den Besuch im Geschäft begeistern. Schneider und Walter "glauben fest daran, dass hyperlokales Kaufen das Zeug zu einem 'Megatrend' hat." Das Startup Findeling wurde im Frühjahr 2015 gegründet und kooperiert derzeit mit rund 250 Geschäften.

Auch auf der unter anderem von Holtzbrinck Ventures unterstützten Website Locafox können Verbraucher online Produkte suchen und feststellen, wo diese in der Umgebung zu finden ist. Sie können sie auch gleich reservieren. Das Motto: "Online-Shoppen. Im Geschäft kaufen."

In der Mittelstandsinitiative "Buy Local" haben sich bundesweit inhabergeführte Fachgeschäfte zusammengeschlossen und präsentieren sich im Netz. Die Initiative versteht sich als Qualitätssiegel und fördert den lokalen Einzelhandel.

Der Radiosender PSR hat die Kampagne "Klick Sachsen. Hier leb ich. Hier kauf ich" gestartet, um lokale Unternehmen zu unterstützten. Der Sender investiert insgesamt mehr als eine Million Euro an Werbezeit, Programmfläche und begleitende Marketingmaßnahmen. Die teilnehmenden Unternehmen werden in den Radiospots und auf der Seite www.klicksachsen.de vorgestellt.

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