Bilder
 Unter den zehn größten Lebensmittel-Einzelhändlern der Welt sind mit dem Lidl-Mutterkonzern Schwarz, Aldi und Metro gleich drei deutsche.
Unter den zehn größten Lebensmittel-Einzelhändlern der Welt sind mit dem Lidl-Mutterkonzern Schwarz, Aldi und Metro gleich drei deutsche. © Foto:Grafik: Creative Commons (CC-BY 4.0) - Atlasmanufaktur/Heinrich-Böll-Stiftung

Lebensmittelherstellung und Handel | | von W&V Online

Konzernatlas 2017: Die Macht der Lebensmittel-Giganten

Sieben Sorten Erdbeermarmelade stehen im Supermarktregal. Auf den Gläsern saftige Früchte, alte Bauernhäuser. Sie zeichnen ein romantisches Bild von Landwirtschaft, das wohl längst kein Verbraucher mehr glaubt. Doch sie gaukeln auch eine Vielfalt vor, die die meisten noch immer für bare Münze nehmen. Zu unrecht. Denn hinter unseren Lebensmitteln stehen weltweit immer weniger große Konzerne. Umwelt- und Entwicklungsorganisationen warnen jetzt: Die Auswahl im Supermarktregal täuscht.

Die Datensammlung wird herausgegeben von der Heinrich-Böll-Stiftung, der Rosa-Luxemburg-Stiftung, dem Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND), Oxfam Deutschland, Germanwatch und Le Monde Diplomatique. Der "Konzernatlas 2017" dokumentiert die enorme Marktmacht von Konzernen wie Unilever, Nestlé, Lidl und Wal-Mart bei der Herstellung und dem Handel mit Lebensmitteln. Ein Fazit: "Inzwischen kontrollieren lediglich vier Großkonzerne rund 70 Prozent des Welthandels mit Agrarrohstoffen, drei Konzerne dominieren 50 Prozent des Weltmarkts für Landtechnik und in Deutschland decken vier Supermarktketten 85 Prozent des Lebensmitteleinzelhandels ab". 

Die Organisationen beschreiben eine Fusionswelle: Fünf der zwölf kapitalintensivsten Übernahmen börsennotierter Unternehmen spielten in den vergangenen zwei Jahren im Bereich Nahrungsmittel, Getränke und Agrar. In Deutschland übernahm Anfang des Jahres Edeka den Konkurrenten Tengelmann und baute damit seine Marktführerschaft aus. Die Konzentration zeige sich auf allen Ebenen, vom Acker bis zum Supermarkt:

Land: Weltweit entstehen riesige Plantagen. Vor allem südlich des Äquators kaufen Konzerne Ländereien für Palmöl, Mais, Zucker und Soja, die nicht nur Nahrungsmittel, sondern Futter, Kraft- und Rohstoff sind. Ein einziger malayischer Konzern kontrolliert nahezu eine Million Hektar Ölpalmen, ein argentinischer produziert auf 700.000 Hektar Soja. Forciert wird Großgrundbesitz durch die Digitalisierung, die sich auf diesen Flächen schneller rechnet.

Saatgut: Den weltweiten Markt für Saatgut und Pestizide dominieren sieben große Unternehmen. Wenn Kartellbehörden grünes Licht geben, könnten es zu Jahresende nur noch drei sein. Der Gigant wäre ein Deutscher: der Pharmakonzern Bayer will für rund 66 Milliarden Dollar den amerikanischen Saatgutriesen Monsanto übernehmen.

Spekulanten gewinnen immer mehr Einfluss auf das Ernährungssystem. In den USA investieren Versicherungen, Pensions- und Hedgefonds in Weizen, Mais, Sojabohnen und Kaffee. Dadurch schwanken die Preise für Nahrungsmittel, was Bauern Probleme bringt.

Hersteller:  50 Lebensmittel-Hersteller machen die Hälfte des Branchenumsatzes. Und sie werden größer: 2015 übernahm der Ketchuphersteller Heinz den Lebensmittelhersteller Kraft - es entstand der weltweit sechstgrößte Lebensmittelkonzern. Den Teehandel kontrollieren zu 80 Prozent drei Konzerne: Unilever ("Lipton"), Tata ("Tetley") und Associated British Foods ("Twinnings"). Drei Viertel der Babynahrung in Westeuropa stammen von nur vier Herstellern.

Grafik: Creative Commons (CC-BY 4.0) - Atlasmanufaktur/Heinrich-Böll-Stiftung

Grafik: Creative Commons (CC-BY 4.0) - Atlasmanufaktur/Heinrich-Böll-Stiftung

Konzernatlas2

Supermärkte: Vertrieben werden die Waren von immer größeren Ketten. Der US-Riese Wal-Mart macht allein 6,1 Prozent des globalen Einzelhandelsumsatzes. Das umsatzstärkste Unternehmen der Welt übertrumpft Ölkonzerne und Autohersteller. Unter den zehn größten Lebensmittel-Einzelhändlern der Welt sind mit dem Lidl-Mutterkonzern Schwarz, Aldi und Metro gleich drei deutsche. Der Einfluss der Discounter zeigte sich zuletzt beim Milchpreis: Kaum hob Aldi ihn an, zog die Konkurrenz nach.

Die Folgen: "Die Verbraucher haben keine Freiheit mehr, qualitativ Lebensmittel auszuwählen", warnt Barbara Unmüßig von der Heinrich-Böll-Stiftung. Im Supermarkt gebe es bald nur noch Einheitsprodukte mit unterschiedlichen Labels. Die Ernährungsindustrie weist das zurück: In Deutschland habe die Branche eine beispielhafte mittelständische Unternehmensstruktur. Die zehn größten Unternehmen hätten nur einen Umsatzanteil von 16 Prozent. Ohne industrielle Lebensmittelproduktion gebe es hierzulande keinen solchen Ernährungswohlstand.

Die Verbände meinen zudem, kleine Bauernbetriebe müssten fürchten, zwischen Saatgut-, und Landmaschinenherstellern auf der einen und großen Handelsketten auf der anderen Seite zerrieben zu werden. "Es wird immer weniger in der Landwirtschaft verdient und immer mehr an der Landwirtschaft", sagt BUND-Chef Hubert Weiger. Der Deutsche Bauernverband sieht die Gefahr von Preisdiktaten beispielsweise auf dem Milchmarkt. Die Verbände fordern ein schärferes Kartellrecht vor allem bei den Handelsketten. "Denn noch gibt es Wettbewerb auf unserem Markt", sagt Bauernverbands-Sprecher Michael Lohse. (dpa/fs)

Konzernatlas 2017: Die Macht der Lebensmittel-Giganten

Artikel bewerten

Vielen Dank, Ihre Bewertung wurde registriert!

Sie können leider nur einmal pro Seite bewerten.

Ihre Bewertung wurde geändert, vielen Dank!

Leserkommentar

Wir freuen uns über Ihre Kommentare.

* Pflichtfeld
** Pflichtfeld, wird nicht veröffentlicht