Weihnachtsmarkt im oberfränkischen Forchheim.
Weihnachtsmarkt im oberfränkischen Forchheim. © Foto:Tourismuszentrale Fränkische Schweiz

Holtappels-Kolumne | | von Benedikt Holtappels

Über den unheimlichen Erfolg von Weihnachtsmärkten

Benedikt Holtappels ereilt jedes Mal eine leichte Depression, wenn er "Last Christmas" hört und ihm der Glühweingeruch in die Nase zieht. Doch mit diesem Gefühl scheint er ziemlich allein zu sein: Weihnachtsmärkte verzeichnen jährliche Zuwachsraten, von denen andere Industrien nur träumen können. Der GGH-Lowe-Chef weiß auch, warum das so ist.

Um es gleich vorweg zu sagen: Ich hasse Weihnachtsmärkte. Wenn mir schon der Geruch von Glühwein in die Nase zieht, schüttelt es mich. Und spätestens bei den ersten Tönen des unvermeidlichen "Last Christmas" von Wham, ereilt mich eine leichte Weihnachtsdepression. Doch mit diesen Gefühlen scheine ich ziemlich allein zu sein in Deutschland. Denn Weihnachtsmärkte sind beliebter denn je und verzeichnen jährliche Zuwachsraten bei Besucherzahlen und Umsatz, von denen andere Industrien nur träumen können.

Laut Bundesverband der Deutschen Schausteller macht die Branche zwischen drei und fünf Milliarden Euro Umsatz im Jahr mit Weihnachtsmärkten. Davon profitieren natürlich auch die Städte. Allein Köln nimmt laut "Kölner Stadtanzeiger" über 265.000 Euro durch die Standmieten ein. Damit sind die Christmas-Märkte ein echter Wirtschaftsfaktor geworden. Die meisten Schausteller verdienen sogar ein Drittel bis die Hälfte ihres Jahresumsatzes bei den Weihnachtsmärkten - und die Gemeinden entsprechend mit. Kein Wunder, dass die Märkte immer früher öffnen und Städte und Regionen sogar ein eigenes Vermarktungsbudget für die schönste Zeit im Jahr zur Verfügung haben. Denn auch der Einzelhandel und die Hotelbranche profitieren von erfolgreichen Weihnachtskonzepten. Christmas-Märkte sind längst ein eigenes Touristenziel geworden.

Besonders erfolgreich sind die Märkte, die nicht nur eine schöne Kulisse und eine weihnachtliche Atmosphäre bieten, sondern auch für Entertainment sorgen. So wartet zum Beispiel Augsburg mit einem lebendigen Adventskalender auf. Beim Mittelaltermarkt in München verkaufen die Schausteller in historischen Kostümen, während Gaukler und Artisten die Menschen mit ihrer Show begeistern. Kassel punktet als Gebrüder-Grimm-Stadt mit einem Märchenmarkt. Und in Hamburg sorgt der Santa-Pauli-Markt auf der Reeperbahn unter anderem wegen der strippenden Engel für Rekordbesuche. Je besser das Gesamtpaket, desto größer die Begeisterung bei den Besuchern.

Selbst im Ausland hat man die Magie von Christmas-Märkten entdeckt. So baut etwa London jedes Jahr im Hyde Park ein riesiges Winter Wonderland auf: eine Mischung aus Zirkus, Kirmes und Weihnachstmarkt inklusive bayerischem Biergarten. Und in Leeds gibt es sogar einen eigenen "German Christkindlmarkt".

Dennoch können mucklige Holzbuden, Glühwein und weihnachtliches Beiprogramm nicht allein den riesigen Erfolg der Märkte erklären. Ich glaube eher, dass die Weihnachtsmärkte eine Ursehnsucht der Menschen bedienen. Nämlich die nach Begegnung, nach Nähe, nach dem ganz analogen und persönlichen Gespräch sowie nach Ritualen, welche Sicherheit in verdammt unsicheren Zeiten vermitteln. Auf dem Christmas-Markt weiß man jedes Jahr, was einen erwartet. Überraschungen beschränken sich auf Glühwein-Varianten oder einen veganen Food-Stand. Aber genau das suchen Menschen hier. Ein professionell durchorchestriertes Erlebnis, das auf Knopfdruck bestimmte Emotionen bei den Besuchern freisetzt, real erlebbar ist und eben nicht wieder aus der sozialen Netzwerk-Retorte kommt.

Das kann ich sogar nachvollziehen. Ich habe nämlich gar nichts gegen Weihnachten an sich. Nur sind meine Rituale eben andere. Meine weihnachtliche Stimmung nährt sich aber am Ende auch aus persönlichen Erlebnissen. So liebe ich die Zeit zwischen den Jahren, wenn man das Gefühl hat, die Zeit stünde still, das Business ruht, alle sind im Urlaub und man kann sich wirklich entspannen. Man hat Zeit für echte Begegnungen, bei denen man eben nicht dauernd auf die Uhr gucken muss, weil der nächste Termin schon drängt. Wo man wunderbar Zeit und Muße für tiefergehende Gespräche mit Familie und Freunden hat. Über das Leben an sich, Ängste, Wünsche und Ziele. Gespräche, die gerne auch mal bis zum Bier dauern können und bei denen mehr Emotionen im Spiel sind als den Rest des Jahres über. - Und ich weiß jetzt schon, was ich bei der Gelegenheit auch dieses Jahr wieder denken werden: Dass es eigentlich klasse wäre, wenn man in genau so einer Atmosphäre mit seinen Kunden reden und arbeiten könnte. Weil Gespräche dann wirklich auf Augenhöhe stattfänden, Intuition bei Entscheidungen erlaubt wäre - ebenso wie Selbstzweifel - und die Arbeit qualitativ eine bessere wäre.

Wenn Weihnachten genau diese Art der Besinnung und Begegnung ins neue Jahr und sogar hinüber ins Business transportieren könnte, dann wäre ich der Erste, der auf dem Weihnachtsmarkt einen Glühwein trinkt.

Über den Autor:

W&V-Kolumnist Benedikt Holtappels ist Mitgründer und CEO der Hamburger Agentur GGH Lowe.

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