Interne Kämpfe im Abgas-Skandal | | von Deutsche Presse-Agentur

Volkswagen bereitet Mammut-Rückrufaktion vor

Wie schnell sich die Zeiten ändern: Vor einem Jahr zurrten die VW-Aufsichtsräte den jüngsten Fünfjahresplan fest, mit dem der Autobauer auf dem Weg zur Weltspitze 100 Milliarden Euro investieren wollte. Ein Jahr später versammeln sich die Kontrolleure noch vor der üblichen Planungsrunde zur Notsitzung, und statt Milliarden-Etats von Brasilien bis China abzustecken, geht es mit dem Abgas-Skandal um die größte Krise der Firmengeschichte - und eine milliardenschwere Bürde.

Ganz so, als wäre das noch nicht schlimm genug, kamen konkrete Informationen für die betroffenen VW-Kunden am Montag wieder einmal nicht etwa aus dem Konzern in Wolfsburg, sondern wieder vom Verkehrsministerium in Berlin. 540.000 Wagen mit der manipulierten Abgas-Software müssen hierzulande im nächsten Jahr länger in die Werkstatt, weil sie auch neue Bauteile und nicht nur Software-Updates benötigen. Experten vom Kraftfahrt-Bundesamt und VW bereiten aktuell die größte Rückrufaktion eines deutschen Autokonzerns vor. Alleine in Deutschland muss der Konzern 2,4 Millionen Diesel-Fahrzeuge umrüsten, europaweit sind es 8,5 Millionen, weltweit elf Millionen Fahrzeuge. Dazu kommen weitere 800.000 Autos mit manipulierten CO2-Werten. Eine Mammut-Aufgabe für deutsche Werkstätten, weshalb sich Fahrzeugbesitzer auf längere Wartezeiten einstellen sollten, wie eine Karte des Geomarketing-Spezialisten Nexiga zeigt.

Die Atmosphäre beim Aufsichtsrats-Treffen am Stammsitz war entsprechend mies. "Die Stimmung ist scheiße", verlautete eine ungeschönte Beschreibung aus Teilnehmerkreisen. Als "Eiszeit" umschrieb es eine andere Stimme. Vor allem die Vertreter der Katar-Holding - des drittgrößten VW-Aktionärs - hätten "einen richtigen Hals", weil auch die Scheichs nun bemerkt hätten, dass bei VW Rekordprobleme statt Rekorddividenden anstehen.

Zu allem Überfluss stieg Greenpeace VW am Montag auch noch aufs Dach: Über dem Haupteingang der Zentrale verkehrten Aktivisten den Werbeslogan "Das Auto" per Transparent zu "Das Problem".

Drinnen bei den Kontrolleuren berichteten die externen Prüfer der US-Kanzlei Jones Day über Details ihrer Arbeit. Insider beschrieben die Sitzung, die erst mit zweieinhalbstündiger Verspätung begann, als zäh. Immer wieder habe es Unterbrechungen und Beratungen gegeben.

Schon die Vorzeichen des Treffens hatten auf Alarmrot gestanden. Der neue VW-Chef Matthias Müller verschärft wegen der immensen Kosten des Skandals den Sparkurs bei Volkswagen. Und weniger der Fakt an sich als das "Wie" dahinter beschwor vor kurzem den Groll des mächtigen VW-Arbeitnehmerbosses Bernd Osterloh herauf. "Der Vorstand verkündet Sparmaßnahmen einseitig und ohne Grundlage", wetterte der Betriebsratschef am Freitag. "Wer die Axt bei Volkswagen an die demokratischen Mitbestimmungsrechte der Beschäftigten legen will, der gefährdet den sozialen Frieden und die Zukunftsfähigkeit unseres Unternehmens." Es gebe viel zu viele Fragezeichen.

Osterloh schloss auch erstmals einen Wechsel als Personalchef in den Vorstand aus - darüber war lange spekuliert worden. Der Ton seiner massiven Kritik am Top-Management verwunderte die Gegenseite, wie von dort verlautete. Nicht allerdings so sehr der Widerstand an sich.

Bisher sind bei VW noch keine Verkaufseinbußen zu erkennen. Doch der Skandal ist auch noch jung, und die Oktober-Absatzzahlen werden erst für Ende der Woche erwartet. Zumindest beim privaten Autokauf liegen oft Wochen zwischen der Entscheidung und dem eigentlichen Kauf. Die Absatzzahlen für November und Dezember dürften frühestens zeigen, was Sache ist. In Japan brach der Verkauf im ersten Monat nach dem Aufkommen des Skandals um rund die Hälfte ein. Auch Großbritannien zeigt Diesel-Effekte, dort sollen die Verkäufe im Oktober um 6 Prozent zurückgegangen sein. Weshalb Volkswagen dort wieder vorsichtig mit ersten Werbemaßnahmen beginnt. Wichtig sind aus VW-Sicht aber vor allem die großen Märkte Gesamteuropa und China - und China ist fast dieselfrei.

Der VW-Zulieferer Continental konnte am Montag immerhin eine kleine Entwarnung geben. "Weder in den USA noch in Europa sehen wir eine Verschiebung von Diesel hin zu Benziner oder einen stärkeren Rückgang im Dieselmarkt", sagte Finanzvorstand Wolfgang Schäfer der dpa. "Ein kurzfristiger Effekt bei den Kunden ist also nicht zu beobachten." Für Aussagen zu mittelfristigen Folgen sei es indes noch zu früh.

Und ein weiterer Hoffnungsschimmer: Viele Anleger kaufen gerade in der Krise VW-Aktien und hoffen auf hohe Gewinne. Ihr Vertrauen in die Marke scheint also noch vorhanden zu sein.  

Am Abend erklärten Müller und Osterloh dann gemeinsam, dass man sich zusammenraufen wolle. Der Vorstandschef macht die Zusammenarbeit mit der Arbeitnehmervertretung zu Chefsache. Er lege "großen Wert auf die Meinung und Erfahrung unserer Betriebsräte". Man wolle auch künftig "Wirtschaftlichkeit genauso berücksichtigen wie die Beschäftigung", sagte Müller, betonte dabei aber auch: "Die Aufgabe ist angesichts der geänderten Rahmenbedingungen anspruchsvoll."

Osterloh forderte: "Die Herausforderungen sind enorm, aber die Belegschaft steht hinter dem Unternehmen, sofern es uns gelingt, eine ausgewogene Planung zwischen Investitionen, Sparmaßnahmen und Zukunftsprojekten zu verabreden." Bis zur nächsten Aufsichtsratssitzung - nach dpa-Informationen am 20. November - sei "eine Reihe von Gesprächen" mit dem Vorstand anberaumt. Beim kommenden Treffen der Kontrolleure soll der Schwerpunkt auf den Investitionsplänen bis ins Jahr 2020 liegen. Die Vorzeichen dafür sind ganz andere als noch vor einem Jahr.

In der Krisen-PR müsse sich Volkswagen möglichst von der "Salamitaktik" verabschieden, rät derweil in einem aktuellen Blogbeitrag Klaus Weise, Geschäftsführer von Serviceplan Public Relations. Sonst bleibe die "einst stolze Automarke weiter Spielball der öffentlichen Debatte". Noch überstrahle die Stärke der Marke den Skandal. "Die Frage ist aber, wie lange dies noch so ist. Irgendwann ist auch das Wohlwollen der Autokäufer am Ende".

Lesen Sie dazu auch den Kommentar: "Sorgenkonzern" Volkswagen: Aufklärung muss weh tun.(fs mit Material von dpa)

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