Abgasskandal | | von Frauke Schobelt

Volkswagen: "Wir brauchen keine Jasager und ein Stück mehr Silicon Valley"

Bei der Aufklärung des Manipulationsskandals macht Volkswagen Fortschritte. Bei einer Pressekonferenz in Wolfsburg informierten Hans Dieter Pötsch, Vorsitzender des Aufsichtsrats der Volkswagen AG, und Matthias Müller, Vorstandsvorsitzender des Vorstands der Volkswagen AG, über den aktuellen Stand der internen und externen Revision sowie über die Neuausrichtung des Konzerns. 

"Wir stehen mitten in einer der größten Bewährungsproben in der Geschichte dieses Konzerns", sagte Pötsch. "Die vergangenen zwei Monate waren für uns alle im Volkswagen-Konzern beispiellos. Die Vorkommnisse haben uns zutiefst bestürzt und den Konzern in eine äußerst schwierige Lage gebracht." Umso wichtiger sei die konsequente Aufklärung. "VW lebt vom Vertrauen seiner Kunden", so Pötsch. Größte Herausforderung sei es deshalb, dieses Vertrauen zurückzugewinnen. Es müsse sichergestellt werden, dass so ein Skandal nicht mehr passiert. "Wir wollen verstehen, wie und warum es passieren konnte, damit sich das nicht wiederholt." Die Aufklärungsarbeit wird von einem Sonderausschuss des Aufsichtsrates koordiniert. Insgesamt 450 interne und externe Experten wirken daran mit.

Für die interne Revision arbeiten Manager aus verschiedenen Konzernunternehmen in einer Task Force zusammen. Ihre Aufgabe ist es, die internen Prozesse, Berichts- und Kontrollsysteme zu prüfen, sowie die Infrastruktur. Ihre Arbeit ist nahezu abgeschlossen und offenbart eklatante Mängel - sowohl in den Prozessen als auch in der Unternehmenskultur. Ihr Fazit: Schwachstellen etwa in Test- und Freigabeprozessen, fehlende Zuständigkeiten und die "Haltung in einigen Teilbereichen des Unternehmens, Regelverstöße zu tolerieren" hätten das "Fehlverhalten einzelner Mitarbeiter" begünstigt, so Pötsch.

Was will der Konzern tun, damit dies nicht mehr passiert?

Intern sollen die Prozesse nun klarer strukturiert und systematisiert werden. So gebe es künftig ein "4-Augen-Prinzip" bei der Software-Entwicklung, um eventuelle Manipulationen auszuschließen.  Außerdem werde es klare Verantwortlichkeiten geben, um Schwachstellen im Berichts- und Kontrollsystem zu beheben. Zuvor habe es an klaren Zuständigkeiten gemangelt. "Hier werden und müssen wir nachschärfen", so Pötsch. Auch die IT-Infrastruktur habe Mängel offenbart. Neue Systeme sollen nun für mehr Effizienz und Transparenz sorgen und die "Abhängigkeit von einzelnen Personen" aufheben. Um verloren gegangenes Vertrauen zurückzugewinnen, wird Volkswagen Prüfungen außerdem nicht mehr intern vornehmen. Emissionstests sollen künftig extern und unabhängig überprüft werden, außerdem führt der Konzern Stichproben mit "Real-Life-Tests" auf der Straße ein. 

"Gigantische Datenmenge"

Die interne Revision werde in Kürze beendet, die Untersuchung der externen Experten von der Anwaltssozietät Jones Day dauert dagegen deutlich länger und soll erst im nächsten Jahr abgeschlossen sein. Sie werden dabei von der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Deloitte unterstützt. Ihre Aufgabe ist es, aufzuklären, was genau passiert ist und wer dafür verantwortlich ist. Es geht dabei auch um eine juristische Aufarbeitung. "Die Erkenntnisse müssen nicht nur plausibel und stimmig, sondern auch gerichtsfest sein", so Pötsch. Dafür müssten zunächst "gigantische Datenmengen" gesichtet werden. Bislang wurden laut Pötsch 102 Terabyte gesichert, was einer Datenmenge von 50 Millionen Büchern entspreche. Mehr als 1.500 elektronische Datenträger von rund 380 Mitarbeitern wurden eingesammelt. Volkswagen plant, bei der Hauptversammlung am 21. April 2016 über den Stand der externen Untersuchungen zu berichten.    

Die Chronik eines Skandals

Sicher ist: Der Skandal wurde nicht durch einen "einzelnen Fehler", sondern eine ganze "Fehlerkette" ausgelöst. Ausgangspunkt war die geplante Dieseloffensive in den USA im Jahr 2005. Die Ingenieure und Entwickler fanden zunächst keine technische Lösung, um die strengeren Abgas-Normen im "vorgegeben Kosten- und Zeitrahmen" zu erfüllen und wichen auf die Software aus, die den Ausstoß von Stickoxiden manipulierte. Auch später setzten sie auf die Manipulation, auch als sie mittlerweile ein effektiveres technisches Verfahren zur Schadstoff-Reduktion hätten nutzen können. "Es kann vorkommen, dass nicht sofort eine technische Lösung zur Verfügung steht", so Pötsch. "Dann muss man weiterarbeiten, neu denken, Probleme offen adressieren." Dies war in den früheren Strukturen offenbar nicht möglich.

Was geschieht nun? 

Das Kraftfahrtbundesamt hat mittlerweile die Technik abgenommen, mit der nun in Europa in insgesamt drei Rückruf-Aktionen 2016 die betroffenen Diesel-Modellen nachgerüstet werden. Bei zwei Motoren-Modellen gibt es ein Software-Update, beim 1,6 Liter TDI ist ein Einbau erforderlich. Der Rückruf für den 2 Liter TDI beginnt im Januar 2016. Kunden mit betroffenen Modellen werden informiert, wann ihr Auto in die Werkstatt kann. VW übernimmt die Kosten, verzichtet auf Verjährung und stellt bei Bedarf Ersatzwagen zur Verfügung. Für die USA und Kanada wird noch an technischen Lösungen gearbeitet, dort läuft noch die Abstimmung mit den zuständigen Behörden. Weltweit wurden 11 Millionen Dieselfahrzeuge mit der Manipulationssoftware ausgestattet. "Unsere Kunden sollen so wenig wie möglich darunter leiden", erklärt Volkswagen-Chef Matthias Müller. "VW wird nicht ruhen, bis wir dieses Thema zufriedenstellen gelöst haben."

Dazu gehöre es auch, dass verantwortliche Personen zur Rechenschaft gezogen werden. "Kein Geschäft rechtfertigt es, gesetzliche und ethische Grenzen zu überschreiten", so Pötsch. Im ersten Schritt wurden deshalb neun möglicherweise an den Manipulationen beteiligte Manager freigestellt. "Ich garantiere Ihnen hier und heute, dass wir diese rückhaltlose Aufklärung zum Abschluss führen werden. Dafür stehe ich, dafür steht der gesamte Aufsichtsrat der Volkswagen AG."

Gleichzeitig müsse das operative Geschäft geschützt und die Zukunftsfähigkeit des Konzerns gesichert werden. "Das ist nicht immer leicht. Finanziell werden die Krisenfolgen beträchtlich sein. Aber wir sind zuversichtlich, dass wir das schaffen." Die Erleichterung darüber, dass die Manipulationen bei CO2-Emissionen deutlich geringer ausfallen, als zunächst befürchtet, ist Pötsch und Mülller in der Pressekonferenz deshalb auch deutlich anzumerken. Volkswagen selber hatte nach einem internen Hinweis darüber informiert, dass 800.000 Fahrzeuge betroffen sein könnten. Dieser Verdacht wurde nicht bestätigt. Bei 36.000 Fahrzeugen habe es "leichte Abweichungen" gegeben. Die befürchtete "Ergebnisbelastung" in Höhe von zwei Milliarden Euro falle deshalb deutlich geringer aus. "Der Aufwand für die Lösungen ist überschaubar, auch finanziell. Wir danken den Ingenieuren, die Tag und Nacht daran gearbeitet haben", so Müller.

Wieviel der Skandal Volkswagen kosten wird, sei noch nicht absehbar. Dafür müssten erst alle Untersuchungen und auch Überprüfungen der Behörden abgeschlossen sein. Der Konzern rüstet sich und baut dabei auf die eigene wirtschaftliche Stärke. Die Aktie steigt wieder, Kredite wurden gesichert und auch Investoren signalisierten Vertrauen, wie VW-Chef Müller erklärt. "Wir wollen und werden den exzellenten Ruf von VW wieder herstellen. Wir lassen nicht zu, dass uns diese Krise lähmt". Stattdessen wolle sie der Konzern als "Katalysator für Neuerungen" nutzen. Denn eine Neuausrichtung wäre ohnehin notwendig gewesen. "Das Umfeld für die Branche ändert sich rapide". Dieser Erneuerungsprozess werde jetzt beschleunigt. "Die Krise ist auch eine Chance für Volkswagen."

Und so soll der Konzern künftig ausgerichtet werden

Organisation:

Volkswagen baut die Strukturen um. Der Konzern soll schlanker werden und künftig dezentral geführt werden. Marken und Regionen erhalten mehr Eigenständigkeit. Der Konzernvorstand konzentriert sich auf übergreifende Zukunftsthemen, allen voran die Digitalisierung, die "zur Chefsache" wird. Außerdem kümmert er sich um Synergien, Steuerung und Strategie. Bei technologischen Entwicklungen wolle Volkswagen "nicht hinterherlaufen", sondern diese selber vorantreiben, etwa im Elektromarkt oder beim autonomen Fahren. Im Vorstand und Management gab es zahlreiche Neubesetzungen. "Unser Team steht", so Müller. Die neue Struktur soll bis Anfang 2017 ausgearbeitet und umgesetzt werden.

Unternehmenskultur:

"Wir können die besten Köpfe haben und eine großartige Organisation – doch ohne die richtige Haltung und Mentalität läuft dies alles ins Leere", sagt Müller. Der Konzern brauche eine neue Denkweise, diese zu etablieren, werde länger dauern. Und müsse deshalb vom Management vorgelebt werden. Mehr Offenheit, weniger Hierarchie, engere Zusammenarbeit und einen konstruktiven Umgang mit Fehlern - all dies soll künftig die Unternehmenskultur prägen. "Wir brauchen keine Ja-Sager, sondern Manager und Techniker, die mit guten Argumenten für ihre Überzeugungen und ihre Projekte kämpfen – die unternehmerisch denken und agieren", so Müller. Er wünscht sich "Neugierige, Unangepasste, Pioniere" im Unternehmen. "Den Mutigen gehört die Zukunft bei Volkswagen. Wir brauchen ein Stück mehr Silicon Valley, gepaart mit der Kompetenz aus Wolfsburg, Ingolstadt, Stuttgart und den anderen Konzernstandorten", so der Vorstandsvorsitzende. Gleichzeitig ruft der Konzernchef eine neue Kultur der "Bescheidenheit" aus. So sollen weltweite Reisen reduziert, der konzerneigene Airbus abgeschafft werden. Auch auf Messen will VW künftig bescheidener auftreten.

Strategische Ziele:

Mitte des kommenden Jahres soll die "Strategie 2525" vorgestellt werden. "Wir richten Volkswagen strategisch und technologisch neu aus. Unser Ziel ist es, die Zukunft der Mobilität mutig und entschlossen mitzugestalten“, erklärte Müller. "Wir geben den Führungsanspruch nicht auf, definieren ihn aber anders. Wir müssen uns mächtig strecken, haben dafür aber das Potenzial." So sollen neue Erlösquellen auch außerhalb des jetzigen Kerngeschäfts erschlossen werden. Zudem sind eine Digitalisierungs- und eine Elektrifizierungsoffensive in Vorbereitung. 20 neue Elektromodelle will der Konzern bis 2020 auf den Markt bringen, um auch die "angeschlagene Reputation in Sachen Nachhaltigkeit wieder herzustellen". An Dieselmodellen hält der Konzern fest. "Wir brauchen Dieselmodelle dringend, um die CO2-Werte bis 2020 realisieren zu können."

Die bestehende Produktpalette und die Positionierung der Marken würden jedoch überprüft. An den bestehenden zwölf Unternehmensmarken will der Konzern derzeit festhalten, auch an Luxusmarken wie Bugatti, die zur neuen Bescheidenheit nicht so recht zu passen scheinen. "Wir sehen keine Notwendigkeit für Notverkäufe." Das neue Bugatti-Modell wird in Genf vorgestellt, schon jetzt sei die Nachfrage "überraschend" hoch. "Warum sollten wir das Geschäft nicht mitnehmen?", so Müller. Er räumt jedoch ein: "Man muss schauen, ob künftig solche Marken noch passen." Das hängt wohl auch von den Strafzahlungen ab, die Folgekosten sind für den Konzern noch nicht absehbar. Derzeit reichten "Liquidität und Leistungsfähigkeit". Dennoch wird kräftig gespart: Für 2016 werden die Sachinvestitionen auf maximal 12 Milliarden Euro begrenzt, eine Milliarde weniger als ursprünglich geplant. "Wir streichen und verschieben alles, was nicht notwendig ist. Wir wollen uns jedoch nicht auf Kosten der Zukunft kaputtsparen", so Müller.

Zuversicht mache die Zahl der Bestellungen für VW-Modelle, die 2015 insgesamt zulegten. In den ersten 11 Monaten stiegen sie um 3,5 Prozent über Vorjahr. "'Wir sind recht zufrieden", so Müller. Dennoch spüre der Konzern die Auswirkungen des Skandals, wenn auch nicht so stark wie zunächst befürchtet. "Unser operatives Geschäft läuft im Rahmen der Erwartungen. Es gibt keine Veranlassung, die Jahresprognose noch mal zu ändern.", so Müller. Er setzt auf das Vertrauen der Kunden: "Auslieferungen erholen sich oft nach schweren Krisen, wenn ein der Sitation angemessenes Kundenbeziehungsmanagement gelebt wird". Die Lage sei angespannt, aber nicht dramatisch. "Wir kämpfen um jeden Kunden und um jedes Auto."

Volkswagen: "Wir brauchen keine Jasager und ein Stück mehr Silicon Valley"

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