| | von Frauke Schobelt

Werberat: Deutlich mehr Proteste gegen Kampagnen

Nackte Frauen, die für Fuchsbauten werben, Diskoplakate mit sexistischen Posen, Klosterbier als "flüssiger Seelsorger": Der Werberat hatte im vergangenen Jahr einiges zu tun. Das Gremium, dem 13 Experten aus der Werbewirtschaft angehören, hatte über Proteste gegen 298 Plakate, Spots, Anzeigen oder Onlineschaltungen zu entscheiden. Das waren 43 Kampagnen oder 17 Prozent mehr als im 2009.

Hans-Henning Wiegmann, Vorsitzender des Werberates, sieht deshalb die Selbstdisziplin der Werbebranche nicht in Gefahr. "Wir sehen in diesem Ergebnis vorerst noch keinen wesentlichen Grund zur Besorgnis, Unternehmen würden im harten Wettbewerb häufiger zu Grenzüberschreitungen in ihrer Werbung greifen." Denn der Anstieg der Beschwerden habe auch mit anderen Faktoren zu tun. So führte der Werberat ein neues elektronisches Formular im Internet ein, das Eingaben erleichtert. Durch die steigende Nutzung digitaler Medien werde auch Online-Werbung stärker wahrgenommen. So wurden 2009 nur 19 Werbesujets im Internet kritisiert, 2010 waren es 50.Der Werberat erwartet aus diesem Sektor in Zukunft noch mehr Kritiken an Werbung.

Mit 34 kritisierten Kampagnen stünden statistisch gesehen Hersteller von alkoholischen Getränken im Negativranking ganz oben. 2009 rügte der Werberat nur 13 Alkohol-Kampagnen. Eine Ursache für diesen Anstieg seien auch jedoch die Aktivitäten der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen DHS, die alleine 15 Kampagnen einreichte. Hintergrund sei ein EU-Projekt, "das offensichtlich die Wirkungslosigkeit von Selbstdisziplin nachzuweisen versucht - mit dem Ziel von weiteren Werbeverboten", vermutet der Werberat.

Auch 2010 gab es erneut viele Proteste gegen Frauendiskriminierung in der Werbung. Gegen 116 Kampagnen wurden Beschwerden eingereicht, im Vorjahr waren es 90. Viele stammen aus dem Web. Der Werberat schiebt dies auch auf mangelnde Professionalität kleinerer Unternehmen im Netz, die nur schnell Aufmerksamkeit erreichen wollen und dies dann für eine gelungene Markt-Kommmunikation halten. "Werbung muss zumutbar bleiben", fordert Wiegmann. Der Grundsatz "Die Würde von Menschen ist unantastbar" gelte auch für das Internet, dafür werde sich der Werberat verstärkt einsetzen.

Von den 298 Kampagnen gab in 89 Fällen der Werberat den Kritikern recht. 63 Kampagnen nahmen die Unternehmen daraufhin vom Markt, 18 wurden verändert. Der Werberat sieht damit seine Autorität in der Branche bestätigt. In acht Fällen musste der Werberat in den Massenmedien eine öffentliche Rüge erteilen, weil die Firmen kein Einsehen hatten.

209 Werbemaßnahmen hat das Gremium "freigesprochen", da die Proteste dagegen überzogen oder realitätsfremd waren. So fühlte sich ein Beschwerdeführer durch einen Radiospot belästigt, der die verdauungsfördernde Wirkung von Müsli anpries. Er habe die Werbung während seines Mittagessens gehört, da sei ihm der Appetit vergangen.

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