| | von Uli Busch

"Ein gezähmter Punk": Christoph Kappes über die neue "Wired"

Eine Online-Rezension in über 7000 Zeichen? Christoph Kappes darf das. Der wortgewaltige Netz-Intellektuelle und frühere Agenturchef hat sich nach Thomas Knüwers vieldiskutierter Startausgabe nun auch die neue "Wired"-Nummer vorgenommen.

Das Haar in der Suppe

von Christoph Kappes

Was liegt näher, als sich der zweiten Nummer eines Technologiemagazins, das für seine zukunftsbejahende Haltung berühmt war, mit den Konzepten der digitalen Technikevolution zu nähern: Was ist gleich geblieben, Selbstkopie, Stillstand - und was ist anders, Mutation, Fortschritt?

Geblieben ist das Äußere, ein gezähmter Punk. Der Mix an Typographie und Bildsprache schafft wieder Abwechslung für das Auge, bleibt aber im Unterschied zur Erstausgabe lesbar.  Während der Verlag für die Erstausgabe wegen der dezenten Kennzeichnung der Werbeflächen noch gescholten wurde, ist die Trennung diesmal besser vollzogen.  Vielleicht ist dieser Umstand aber auch darauf zurückzuführen, dass der Anteil an Werbeseiten geringer geworden ist – man darf spekulieren, warum. Sinnfreie Grafikformate und -beschriftungen stören nicht mehr die Semantik-Synapsen, Texte sind thematisch wertiger und – sieht man von der üblichen Melange aus Techniktermini und Denglisch ab - frei von ornamentalen Wortgetümen, die das Gehirn verkleben. Im Vergleich zur Erstausgabe ganz klar ein Fortschritt: Man kann die neue "Wired" lesen.

 

Wohlwollend hat mich schon das knappe Editorial gestimmt. Der Blick in Richtung Politik ist ein doppelt guter Schachzug. Denn die Digitalisierung stellt nicht nur die Politik vor Herausforderungen, als wäre sie nur ihr Gegenstand, sondern die Politik wird sich als nächstes selbst noch ändern, sie nimmt nun mit der Evolution der Organisationen und Prozesse den Lauf der Wirtschaft. Zweitens gibt Politik mit Technikbezug der "Wired" viele Jahre reizvollen Stoff und den Lesern wichtigen Kontext um isolierte Techniknews. Gefallen hat mir auch der Satz, dass es keine einfachen Antworten gibt. Er ist zwar eine Plattitüde, aber allemal klüger als die Antworten mancher nachrichtengehetzten Publikationen, deren Aufmacher-Loks zunehmend auf der Empörungsschiene rollen und dabei mitunter mit 5.000 Zeichen sinnfrei gegen den Poller fahren. Einzig die Wortwahl macht stutzig: "Wir brauchen einen Konsens darüber", "es führt kein Weg daran vorbei", "Wired ist ein außergewöhnliches Magazin". Man möchte ständig wie ein Kind "Warum?" fragen oder "Und wenn doch ein Weg daran vorbei führt?"“ rufen, aber es ist kein Platz da vorn für Antworten, weil oben eine tolle Grafik ist.

 Gut haben mir der einfühlsame Bericht über den Tumblr-Gründer (S.  88), die Geschichte über Versuch und Kausalität in der Pharma-Industrie (S. 78) und auch "Zeig mir Deine Gene" (S. 102 f.) über die Plattform openSNP zur Veröffentlichung von Erbgut gefallen. Auch die Doppelseite mit der Aufrißzeichnung des Berliner Flughafens ist ein schönes Thema, aus dem man aber viel mehr hätte machen können – eines der vielen Opfer an die Männerspielzeug-Optik voller Noppen, Drehscheiben, Oszillographen und Mikroskope, die das Heft "P.M."-mässig dominiert. Die Titelgeschichte "Warum das Netz am Abgrund steht" ist richtig gut: sie ist ausführlich, reißt zu recht viele Fragen auf (die Szenarios sind eine große Hilfe) und sie ist fehlerfrei, was heute selten ist. Sie zeugt von einem professionellen Er-Zeugnis, dessen Schwarz-Weiß-Malerei zwar ein bisschen übertrieben ist, für die Leserschaft aber wohl ein notwendiges binäres Durchgangsstadium bis zum Zustand der fünfwertigen Erleuchtung darstellt (Ja, Nein, Weiß nicht, Meh, Mu).

Ausreißer nach unten sind hingegen einige Kolumnen. Während "Der gläserne Wähler" (S. 44) über datenbankgestützten Wahlkampf in USA gut informiert und der Gastbeitrag von Mark Rolston (Frog Design, S. 48) immerhin verständlich in die mindestens zehn Jahre alten Ideen des Persuasive Computing einführt, darf man über andere Kolumnen nicht mehr als einen Haarschnitt lang nachdenken. Professor Peter Kruse kreist wieder erregt um seinen Remix aus Semi-Kybernetik, Revolution und Gehirnologie, der immer schon furchtbar einleuchtend klang. Professor Miriam Meckel malt den Filter-Teufel an die Wand (S. 44) und präsentiert eine merkwürdig naiv-idealistische Sicht vom Nutzer, der sich politisch offenbar ausschließlich über Facebook ernährt. Ob vielleicht der Social Graph mehr Diversität ins Gehirn streut als herkömmliche Leitmedien, ob eventuell die Algorithmik vielleicht nur eine von vielen Antworten auf ein Problem ist, von dem sie schweigt, ob wohl Eli Pariser die Quelle der geschilderten Beobachtung ist? Geschenkt.

 

Skurril: Thomas Knüwer verdächtigt das Internet der Nostalgieförderung (S. 47) und wagt die Hypothese, alte Familienfotos, Herr-Rossi-Filmchen und der Retro-Look von Software könnten bei der Jugend zu einer Wiederkehr konservativer Werte und Fortschrittsangst in derart hohem Umfang führen, dass am Ende die digitale Technik die Innovation „brutal ausbremst“. Einen Zusammenhang zwischen Technikinnovation einerseits, welche nach bisher seit Jahrtausenden währenden Gesetzen Werkzeuge schafft und optimiert, Ressourcen spart und Neues ermöglicht, und kulturellen Zitaten der Vergangenheit andererseits, die es immer schon gab, stellt auch der Autor nicht her, so dass man nur sagen kann: Ja, kann sein, aber es spricht nichts dafür. Retro heißt ja nicht, dass ich nur noch zu Fuß gehe. Vielleicht tut man aber auch dem Autor unrecht und es handelt sich gar nicht um einen Diskursbeitrag, sondern einen Linkbait, der sich ins Printmedium verlaufen hat und sich dort selbst brutal ausbremst. Der Gesamtcocktail aus Die-Revolution-Wird-Kommen (Kruse), Wir-Werden-Alle-In-Einer-Endlosschleife-Enden (Meckel) und Das-Internet-Bremst-Alles-Brutal-Aus (Knüwer) ist jedenfalls für Leichtgläubige tödlich.

Amir Kassaei schreibt in seiner Kolumne lesenswerte Erkenntnisse über das veränderte Umfeld der Markenwerbung (Stichwörter: Digital als Infrastruktur, Sinnkrise, Substanz, S. 46), bleibt aber dann am Ende eine Antwort schuldig, warum eigentlich Marken, wenn sie doch "Substanz" "liefern" müssen, eigentlich überhaupt noch "Produktwahrheiten inszenieren" müssen. Ich fürchte, das ist die falsche Sicht. Werbe-, Interaktiv- und Consultingbranche reden gern von Disruption bei anderen, bei sich selbst haben sie aber einen blinden Fleck. Wo langfristig Käufer die Kommunikationsbedürfnisse anderer Käufer befriedigen und wo es um Commodity-Produkte geht, steht Werbung generell auf dem Prüfstand. Denn wo nichts Substantielles zu kommunizieren ist, erzeugt Werbung statt Wert nur Kosten, sie ist ökonomisch sinnlos, gar im Wortsinn kontra-produktiv. Denkt man das ein paar Dekaden weiter, muss man über eine andere Ebene reden: Warum sollen Käufer Inszenierungen glauben in einer Welt, in der Roboter die industrielle Fertigung übernehmen? Wo ist eigentlich der Ansatzpunkt für Werbung, wenn "die Dinge" miteinander kommunizieren, etwa weil der Kühlschrank einen Dauerauftrag laufen hat und die Kassaei-sche, von Social Media geprägte „Beziehung“ sich für Fremdprodukte gar nicht mehr medial durchdringen läßt, es sei denn es gibt eines Tages werbefinanzierte Kühlschränke, was zu befürchten ist?, Man muss mittelfristig die Frage stellen: Welche Wertschöpfung leistet eigentlich Werbung?

Vielleicht hätte den Texten noch ein intelligenteres Lektorat gutgetan. Wenn eine Überschrift die Alternative "Tod oder Sünde" formuliert (S. 25, Bewertungen von Verhalten durch Religionen), dann ist "Ja", "Nein", "Abgesegnet" in keinem Fall die richtige Antwort. Wenn ein Informatikprofessor gegen das webbasierte Lernen von Programmiersprachen (kognitiv) ausgerechnet mit Fremdsprachen (affektiv) argumentiert, ist etwas schiefgegangen (S. 22). Wenn eine Frau sich eine Eyecam implementieren will, gehört dies vielleicht gar nicht in die "Wired", sondern in eine Freakshow – sie sagt ja selbst, die Technologie fehle noch (S. 30). Der Beitrag "Ne totale Granate" über eine Kunst-Granate mit einem Lauschangriff (S. 70) baut eine Dichotomie Mensch-Technik auf, die vielleicht schon beim Nasebohren, spätestens aber beim Nagelfeilen nicht mehr stimmig ist. Zugegeben: Diese Kritik schießt vielleicht über die Zielgruppe hinaus, aber wer sagt eigentlich, dass Medien den Leser nicht nur da abholen sollen, wo er steht, sondern ihn da auch wieder absetzen müssen?

Nach recht unterhaltsamer Lektüre bleibt zum Ende jedoch ein Störgefühl, und es ist gar nicht leicht zu greifen. Da ist zum einen der Eindruck von Journalismus aus Print-Only-Zeiten, der konzeptionell vollständig von der Publikation statt vom Prozess geprägt ist: kein diskursives Element, keine Fragen, Kolumnen schwer und von oben herab wie ein Dekalog, Zero Cross-Media und so weiter. Das geht noch mit beinahe jeder anderen Monatsschrift, ganz bestimmt aber nicht mit der "Wired", die "Idee" und "Innovation" im Claim des Titelblattes hat. Liebe Verantwortlichen von Condé Nast, dreht die Sache einmal online um: weniger Hülle und Inszenierung, mehr ehrlicher Inhalt. Es wirkt ohnehin vieles etwas zwanghaft gebündelt, als habe man eine Bühne, die man nun bespielen müsse. Ihr könnt diese alte Marke nicht nach so langer Zeit gleichzeitig in einem neuen Markt positionieren, repositionieren und dann noch mit Avantgarde in Verbindung bringen wollen.

 

Da ist zum Zweiten ein sicheres Gefühl, dass ein amerikanisches Technologiemagazin mit zukunftsbejahender Haltung hier in ein Umfeld geboren wird, das denkbar schlecht ist. Warum sollen die digital Natives, die sich direkt aus den Informationsquellen speisen, einen kostenpflichtigen Inhalt in ihr Lesepensum aufnehmen, der gar nicht mehr aktuell sein kann und der zumeist auch schon von den großen deutschen Online-Ressorts gut abgedeckt wird? Und wie will man für alle anderen in einem Land einen technologiefreundlichen Standpunkt vertreten, wenn nahezu alle politischen Strömungen aus diesen oder jenen Gründen technikskeptisch bis -neutral sind? Im Grunde kann keine Zeitschrift leisten, was hierzulande nicht einmal die Eliten geleistet haben. Nämlich zu erklären, dass Technik nichts von uns Getrenntes ist, sondern in unseren Handlungen zum Tragen kommt und diese Handlungen als Artefakt auch in sich trägt. Zu verdeutlichen, dass Wohlstand und Fortschritt und Effizienz nicht verseuchte Wörter aus den 70ern, sondern fundamentale Ziele allen Lebens sind, die keineswegs in den Wachstumswahnsinn, eine ihre Ressourcen gefährdende Gesellschaft oder in den Materialismus führen müssen. Klarzumachen, dass die Digitalisierung nicht mit Twitter und Facebook zu verwechseln ist, sondern seit 40 Jahren der Motor der Entwicklung in vielen Innovationsbereichen von der Logistik über die Automobilbranche bis in die Medizin ist und nun eventuell sogar Muster für gesellschaftliche Prozesse und Strukturen anbietet.

Von keinem Verlagsobjekt kann man erwarten, monatlich das auch nur auszugleichen, was erste Adressen in Medien und Politik andernorts an irrationalem Geraune oder  sinnfreien Mahnungen täglich verbocken. Eine Leitfunktion wie in den USA, die womöglich gar in hiesige Leitmedien strahlt,  wird das Umfeld gar nicht zulassen, solange die Nörgler, Warner und Schwadronierer dominieren und die "Wired" in die Ecke entweder der leichtfüßigen Gadget-Fanboys oder der technolibertären, marktgläubigen Hightech-Fetischisten stellen können. Eine systematische Verankerung in der deutschen Medienlandschaft muss dreierlei schaffen: erstens anschließen an den eigenen deutschen Erzählungen in technologienahen Branchen- Zweitens muss sie soziale und ökologische Aspekte mitschwingen lassen und drittens muss sie anders sein, laut sein, eigenwillig, bockig und offen für die Verrückten, die etwas zu sagen haben. Anpassung an die neue Umwelt ist lebenswichtig. Eine Kopie ohne Innovation ist Stillstand.

"Ein gezähmter Punk": Christoph Kappes über die neue "Wired"

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