"FTD" stirbt in Print und Online: Am 7. Dezember ist Schluss
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Gruner + Jahr | | von Gregory Lipinski

"FTD" stirbt in Print und Online: Am 7. Dezember ist Schluss

Schluss für das Wirtschafts-Flaggschiff "Financial Times Deutschland" (FTD): Am 7. Dezember erscheint die letzte Ausgabe der Zeitung. Gruner + Jahr stellt nach mehr als zehn Jahren die Wirtschaftszeitung endgültig ein. Dies teilt die Bertelsmann-Tochter mit. Betroffen von der Einstellung sind auch alle Online-Aktivitäten. 

"Die FTD war eines der ambitioniertesten journalistischen Projekte der vergangenen Dekade. Es geht ein bedeutendes Kapitel deutscher Publizistik zu Ende. Gruner + Jahr und seine Gesellschafter haben sich zwölf Jahre lang mit Leidenschaft und Ausdauer für diesen Titel stark gemacht. Die FTD verkörpert herausragenden, vielfach preisgekrönten Journalismus", erklärt Gruner + Jahr-Vorstandsmitglied Julia Jäkel in einer Mitteilung.

Als Grund nennt die Verlagsmanagerin, dass das Wirtschaftssegment ganz besonders unter Druck stehe. Die "FTD" schreibe seit ihrer Gründung im Jahr 2000 Verluste, heißt es. Vor diesem Hintergrund wolle die Bertelsmann-Tochter den Titel nicht weiterführen. 

Für "Börse Online" und "Impulse" sucht man hingegen nach einem Käufer. Angaben zu potenziellen Erwerbern wurden allerdings nicht gemacht. Zuletzt hieß es, dass die Chefredakteure der beiden betroffenen Magazine ein Management-Buy-Out planen. Eine Bestätigung vom Verlag gab es hierzu aber nicht. "Capital" und "Business Punk" sollen hingegen weitergeführt werden und dies am Standort Berlin. Hier werde es offenbar vorerst zu keinen Kündigungen kommen.

Betroffen von der Maßnahme sind 258 Mitarbeiter in Hamburg, 42 in Frankfurt und 14 in weiteren Außenbüros, heißt es. Für die Beschäftigten werde ein Sozialplan erstellt. Von der Schließung sind auch rund 50 Mitarbeiter in den Verlagsbereichen Media Sales, DPV sowie der Corporate Services betroffen. Hier soll es ebenfalls zu Personalanpassungen kommen. Gruner + Jahr hält offenbar für Abfindungszahlungen ein Topf von 40 Mill. Euro bereit, hieß es in Unternehmenskreisen.

Mit dem Aus der börsentäglich erscheinenden FTD ist auch das Modell der Gesamtredaktion gescheitert. So hatte der Verlag vor einigen Jahren eine Zentralredaktion mit 250 Mitarbeitern gegründet. Sie sollten Berichte und Reportagen für alle Objekte schreiben. Damit wollte die Bertelsmann-Tochter die Kosten deutlich senken. Bewahrt hat das Modell den Verlag nicht vor dem Absturz. Die Einsparungen reichten nicht aus, um rückläufigen Anzeigenumsätze auszugleichen. Ähnliche Probleme haben auch andere Verlagshäuser - beispielsweise bei der Frankfurter Rundschau und der Berliner Zeitung. Mit der Insolvenz der Frankfurter Rundschau liegt hier ebenfalls die gemeinsame Redaktion mit der Hauptstadt-Zeitung in Trümmern. Derzeit will sich die Berliner Zeitung mit einer Turbo-Prämie von Mitarbeitern trennen. 

Bereits am Mittwoch hatte der G+J-Aufsichtsrat hatte den Vorstand ermächtigt, einen Verkauf, eine Teilschließung oder Schließung der Wirtschaftsmedien vorzunehmen. Das Gremium wird von Bertelsmann-Chef Thomas Rabe geführt, darin ist auch die Hamburger Verlegerfamilie Jahr vertreten. G+J-Mehrheitseigener ist mit 74,9 Prozent Bertelsmann, die Jahrs halten eine Sperrminorität von 25,1 Prozent.

Die "FTD" veröffentlichte am Donnerstag eine ganze Seite mit Leserbriefen. Die Leser hoben die hohe Qualität des Blattes, die Sachkenntnis und Professionalität der Mitarbeiter hervor. Die börsentäglich erscheinende Zeitung war erstmals im Jahr 2000 erschienen - im damaligen Internetboom mit einer Vielzahl von Firmengründungen und Börsengängen, die kräftig beworben wurden. Werbegelder sind neben den Vertriebserlösen Haupteinnahmequelle der Branche.

Das lachsfarbene Blatt sorgte mit seinem Erscheinen für Aufsehen und mehr Wettbewerb in der deutschen Medienlandschaft. Bis dahin gab es nur eine tägliche Wirtschaftszeitung, das "Handelsblatt". Dessen Chefredakteur Gabor Steingart sprach den Hamburger Blattmachern am Donnerstag prominent auf der Titelseite seine Anerkennung aus: "Journalismus, der Wirtschaftsjournalismus zumal, muss sich auch rechnen. In einem Meer roter Zahlen geht auch die tapferste Redaktion der Welt baden - und in Hamburg ist man tapfer, ideenreich und fleißig bis zum heutigen Tage". Die Branche war im November bereits durch den Insolvenzantrag der "Frankfurter Rundschau" geschockt worden. Außerdem verschwindet das Stadtmagazin "Prinz" im Dezember aus den Kiosken und präsentiert sich dann nur noch im Internet.

In seiner kritischen Analyse der Medienbranche plädiert Steingart dafür, mit den Gratis-Angboten im Internet Schluss zu machen: "Es wird keine Rettung für die Zeitung geben, wenn wir mit dieser Umsonst-Kultur nicht brechen." Darüber müsse auch mit jüngeren Lesern, "auch wenn die sich selbst User nennen", gesprochen werden. Weil die Digital-Generation weniger Zeitungen und Zeitschriften kauft, gehen bei vielen Titeln die Auflagen zurück.

Auch auf die Stabilität der Werbeerlöse können sich die Verlage nicht verlassen, wie die Vergangenheit gezeigt hat. Nach dem Internetboom brachen die Werbegelder weg und erneut nach der Finanzkrise 2008, ohne dass es jeweils eine eindrucksvolle Erholung gab. In den ersten drei Quartalen 2012 betrug das Brutto-Werbeniveau - ohne Rabatte und Sonderkonditionen - über alle Medien rund 18,2 Milliarden Euro, ein Zuwachs von lediglich 1,0 Prozent verglichen mit dem Vorjahreszeitraum, wie die Nielsen-Marktforscher ermittelten. Die Werbeausgaben für Finanzanlagen schrumpften sogar um 6,2 Prozent.

Gruner + Jahr hatte die "FTD" mit dem britischen Verlag Pearson ("Financial Times") aus der Taufe gehoben und auch dessen 50-Prozent-Anteil Anfang 2008 übernommen. Dabei wurden die weitere Nutzung der Marke sowie eine redaktionelle Kooperation mit dem früheren Mutterblatt "FT" vereinbart. Der Verlag Gruner + Jahr, der auch Magazine wie "Geo", "Gala", "Stern", "Brigitte" und "Neon" herausgibt, gehört mit einem Umsatz von rund 2,3 Milliarden Euro (2011) zu den größten in Europa. (gl/fze)

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