Freispruch für Christian Wulff | | von Petra Schwegler

Groenewold-Berater: "Die Jagd war beispiellos"

Das Landgericht Hannover hat am Donnerstagvormittag Ex-Bundespräsident Christian Wulff in seinem Korruptionsprozess freigesprochen. Zwei Jahre nach dem Rücktritt als Staatsoberhaupt ist der 54-Jährige damit vom Vorwurf der Vorteilsannahme entlastet. Der frühere Bundespräsident stand zusammen mit Filmproduzent David Groenewold vor Gericht. W&V-Redakteurin Petra Schwegler hat mit Groenewolds Anwalt Christian-Oliver Moser (Kanzlei Irle Moser) und seinem PR-Berater Christoph Caesar (Siccma Media) über ein bisher kaum dagewesenes Kesseltreiben gesprochen.

Herr Moser, Herr Caesar, Sie haben in der gesamten Affäre gegen den Ex-Präsidenten Christian Wulff an der Seite von David Groenewold als Anwalt beziehungsweise Kommunikationsberater mitgewirkt. Konnten Sie noch etwas lernen?

Christian-Oliver Moser: Ja, sehr viel. Vor allem wurde mir unmittelbar vor Augen geführt, dass die Medien nicht nur – was mir aus meiner bisherigen Tätigkeit gut bekannt war - erheblichen Einfluss auf das wirtschaftliche und persönliche Schicksal der Betroffenen haben, sondern in diesem Fall politische Entscheidungen aktiv mitbestimmen. Das war für mich eine neue Dimension, der ich mit den üblichen juristischen Mitteln nur bedingt entgegnen konnte.

 

Christoph Caesar: Jeder von uns hat bereits einige Krisen mit Kunden oder Mandanten begleitet und durchgestanden. Jede ist einzigartig, aber eine Krise rund um den ersten Mann im Staat entwickelt eine andere Aufmerksamkeit und Dynamik. Das Tempo und der Wettbewerb der Medien untereinander nach der nächsten Exklusivnachricht hatte besondere Qualität. Anders als bei vergangenen Krisen war Online der zentrale Medienkanal, über den sich binnen Minuten Nachrichten, die teils nur auf Gerüchten oder Spekulationen basierten, über alle wichtigen Nachrichtenmedien verbreitet haben. Print konnte aufgrund des hohen Tempos zeitweise nur noch Kommentare und Hintergrundberichterstattung leisten. Die Nachrichtenverbreitung lag fast ausschließlich online.

Sie sind beide mit Medien sehr vertraut. Hat Sie die Arbeit der Reporter-Meute in der Causa Wulff überhaupt noch überrascht?

Caesar: Diese Geschwindigkeit und Jagd nach Enthüllung und damit verbundener Exklusivität war bis dahin beispiellos. Es ist eine besondere Herausforderung, weil man einerseits juristisch stark eingeschränkt war und nicht proaktiv kommunizieren durfte agieren durfte – gleichzeitig aber teilweise hunderte Fragen pro Tag beantwortet werden mussten. Ich glaube, die Journalistenkollegen wussten zu schätzen, dass wir von Anfang an versucht haben, maximale Transparenz zu schaffen und wirklich jede Frage ins kleinste Detail versucht haben zu beantworten – auch wenn komplexe Fragenkataloge mit bis zu 25 Fragen binnen weniger Stunden geliefert werden mussten.

Moser: Da ich häufig Unternehmen in Krisensituationen berate, bin ich durchaus damit vertraut, dass meine Mandanten von der Presse geradezu "gehetzt" werden und innerhalb kürzester Zeit erwartet wird, komplexe und umfassende Fragenkataloge zu beantworten. In diesem Fall reden wir allerdings sowohl hinsichtlich der Intensität und des Umfangs als auch der Dauer der "Recherchen" von einem Vorgang, den es meines Wissens nach so in Deutschland noch nie gegeben hat.

Die Medien haben die Causa Wulff ins Rollen gebracht, die Medien haben den Prozess umfassend begleitet. Wie denken Sie heute über "Bild" und Konsorten?

Moser: Ich halte die Rolle insbesondere der "Bild" für sehr problematisch. Letztlich hat eine eindeutig rechtswidrige Verdachtsberichterstattung der "Bild" dazu geführt, dass sich die Staatsanwaltschaft Hannover nach eigener Aussage gezwungen sah, die Aufhebung der Immunität des Bundespräsidenten zu beantragen. Das wirft aber auch kein gutes Licht auf die Staatsanwaltschaft, die hier nach meiner Einschätzung deutlich intensiver mit bestimmten Medien zusammengearbeitet hat und sich von diesen mehr leiten ließ, als ihr nach den rechtsstaatlichen Grundsätzen zusteht.

Caesar: Auch wenn dies natürlich eine wirklich heftige Zeit war und ich sicher nicht immer glücklich mit den Enthüllungen, Anfragen und dem damit verbundenen Druck sein konnte: Den deutlich überwiegenden Teil der Journalisten kann ich nur als absolut fair bezeichnen – vertrauliche Informationen wurden auch als solche behandelt, Hintergrundgespräche blieben im Hintergrund. Zudem ließen sich alle Redaktionen nicht auf die ständigen Attacken eines Trittbrettfahrers ein, der David Groenewold aus privaten Gründen massiv schaden wollte und der bei allen Lead-Medien mit angeblichen Breaking News aufgeschlagen ist. Allerhöchsten Respekt habe ich vor der Arbeit des "Welt"-Investigativteams sowie des "Spiegels".

 

Haben die Medien aus der Causa Wulff im Umgang mit Verdächtigen und Prominenten gelernt?

Moser: Ich befürchte nein. Die "Bild" feiert sich trotz ihrer zum Teil rechtswidrigen Berichte noch heute als DER Aufklärer in der Causa Wulff. Medienkritik wird als typischer Reflex von Betroffenen abgetan und wenn erst einmal der Schuldige ausgemacht ist, beginnt die öffentliche Jagd. Bestes aktuelles Beispiel ist der ADAC. Sicherlich ist es wichtig, Missstände aufzudecken und auch öffentlich zu kritisieren. Dieser Wächterrolle sollen und müssen die Medien in einem demokratischen Land nachkommen. Dass allerdings auch die Betroffenen eigene Rechte haben, scheinen viele Medien im Interesse der Auflage weiterhin bewusst auszublenden.

Caesar: Durch die digitale Nachrichtenverbreitung werden das Tempo und der Hunger nach einer Exklusivmeldung sicher nicht nachlassen. Aber gleichzeitig sind die Kritikfähigkeit und Reflexion der Medien an sich selbst durchaus gestiegen. In der öffentlichen Diskussion ist immer deutlicher eine Analyse der eigenen Arbeit möglich geworden. Dies passiert in einigen Fällen aber leider erst nach Abflauen von Krisensituationen.

Gehen Sie jetzt anders mit der Presse um?

Caesar: Nein, denn häufig ist es eindeutig mehr ein Mit- als ein Gegeneinander. Aber zusammenfassend betrachtet sind die unterschiedlichen Möglichkeiten der Berichterstattung und Analyse von Online und Print viel deutlicher geworden.

Moser: Ich auch nicht. Ich war schon immer sehr vorsichtig im Umgang mit der Presse. Allerdings hat sich meine Einstellung zu bestimmten Medienhäusern aufgrund der gesammelten Erfahrungen verschlechtert.

Natürlich lässt es sich die "Bild"-Familie um Oberhaupt Kai Diekmann nicht nehmen, den Prozess samt Freispruch möglichst breit und live zu begleiten. Bereits seit Dienstag, als die Sat.1-Verfilmung der Causa Wulff unter dem Titel "Der Rücktritt" lief, ist das Springer-Team mit vielen Artikeln rund um den Politiker präsent - sehr zum Missfallen der Netzgemeinde. Dann lieber Satire - wie von Wulffs Hannoveraner Haus -und Hofsender Radio ffn, der den Ausgang des Verfahrens mit "Supergeil!" kommentiert. Hier der Youtube-Clip des Privatradios:

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