Thomas Koch: Damals und heute
Thomas Koch: Damals und heute © Foto:Privat / W&V

| | von Uli Busch

Mad Men in Düsseldorf: Wie Thomas Koch die wilden Werber-Jahre erlebte

Vor genau 40 Jahren trat Thomas Koch seinen ersten Job in der Werbebranche an. Zum Jubiläum blickt das "Media-Urgestein" (siehe auch Kasten "30 Jahre Presse über Thomas Koch") in einem Essay für W&V auf die Anfänge seiner Karriere zurück. Die Bildergalerie gewährt Einblicke in sein privates Fotoalbum.

Mad Men: Gefeiert als die wahrscheinlich beste TV-Serie der Unterhaltungsgeschichte. Don Draper und seine Werber rauchen ohne Unterlass. Und es gibt nicht eine Einstellung, in der nicht jeder der Protagonisten das omnipräsente Glas Bourbon zum Mund führt…
Um diese "goldene Zeit der Werbebranche erlebt zu haben, muss man in der Zeit 40 Jahre zurück. Wir schreiben also das Jahr 1972. Ich hatte, nachdem man mich wegen Aufsässigkeit vom Gymnasium schmiss und ich überraschend brav eine Ausbildung bei Xerox absolvierte, mein Ziel erreicht: Ein Job in der Werbung. Das mit den GRPs hatte ich im Bewerbungsgespräch zwar nicht ganz verstanden (mir das natürlich nicht anmerken lassen), aber Junior-Planer bei Gramm & Grey, also der heutigen Mediacom, das sollte es sein.

Es war großartig. Täglich punkt zehn Uhr versammelte sich die komplette Planungscrew zum „Zehn-Uhr-Schluck“. Jeder von uns hatte einen Whisky im Schreibtisch und war reihum dran, einen auszugeben. Erst dann könnte der Arbeitstag beginnen. Er wurde jedoch schon bald jäh unterbrochen. Dann rief schon die verlängerte Mittagspause („Mahlzeit!“) in einem der umliegenden Restaurants. Nach dem Essen zwei, drei Fernet Branca - und der Alkoholspiegel hatte wieder Niveau.

„Ick gloob, ick spinne!“ Dieser Ausspruch unseres legendären Chefs Peter Schmidt hallt mir noch immer in den Ohren. „Ick gloob, det riescht hier nach Alkohol…“ Er hatte sein Leid mit uns. Aber fleißig und lernwillig waren wir dennoch. Unser 8-stündiger Arbeitstag begann halt um drei und dauerte meist bis elf. Wir waren jung - und brauchten das Geld…

Der Job war praktisch stressfrei. Zählungen kamen mit der Post von den Verlagsbüros und dauerten locker zwei bis drei Tage. Rief ein Kunde an und fragte, wie weit wir denn seien, konnte man ihn immer damit vertrösten, dass sein Briefing noch nicht angekommen sei. Kein Internet, keine Emails. Kein: „Mach‘ mal schnell“. Man nahm sich Zeit.

Unsere Rechner waren riesige Addiermaschinen, die auch dann addierten, wenn wir eine Multiplikation brauchten. Das konnte schon einige Minuten dauern - und führte zu willkommenen Zigarettenpausen im Nachbarzimmer. Ich kann mich nicht erinnern, dass einer von uns nicht geraucht hätte…
Ich hatte Glück. Ich war zwar der einzige in der ganzen Planung, der kein Hochschulstudium besaß. Dafür aber der einzige, der fließend Englisch sprach. Dieser Sonderstatus war es, der mir meine kleinen Freiheiten einbrachte - und die alleinige Betreuung so phantastischer Kunden wie Block Drug (Corega Tabs) und Playtex. Ob das jedoch alles richtig war? Die Frage stellte sich mir, als ich eines Nachts im Albtraum von einer Armee von Büstenhaltern überfallen wurde… Also zog ich weiter.

Bei meiner Stippvisite zu R.W. Eggert, die immerhin den Titel des stellvertretenden Mediachefs einbrachte, ging die Nachricht um, die GGK suche einen neuen Planungschef. Unter Kollegen aller Agenturen war jedoch klar: Da geht man nicht hin. Da sind ja nur Kreative - und Media befindet sich dort im Zustand der Nicht-Existenz. Ich bewarb mich doch - und bekam den Job. Und erfuhr dann, wer sich alles beworben hatte: Alle, ausnahmslos alle, die das zuvor weit von sich gewiesen hatten. Die lieben Kollegen bedauerten fortan das vermeintliche Ende einer schönen Karriere…

Es kam, wie wir wissen, etwas anders. Mit 27 wurde ich jüngster Mediachef Deutschlands und Geschäftsführer der neu gegründeten GGK Media. Ja, wir haben die Media ausgelagert, als noch niemand auch nur einen Gedanken darauf verschwendete. Als anerkanntem Begründer der „kreativen“ Mediaplanung verliebte sich die Fachpresse unsterblich in mich.

Der Rest ist Geschichte. Mit der Gründung der tkm wurde ich zum „Robin Hood im Media-Wood“, zum „Kreuzritter“, „Rufer in der Media-Wüste“, aber auch zum Entfant Terrible, Branchen-Revoluzzer, Provokateur und gar zum „Effenberg der Werbeszene“. Es gab kaum einen Superlativ, mit dem die Presse mich nicht bedachte. Die endgültige Krönung fand 2008 statt: zur Mediapersönlichkeit des Jahres.

Heute - als Guru, Urgestein, Doyen und „Media-Reptil“ - erinnert wenig an den schüchternen, jungen Mann, der 1972 schon nervös wurde, wenn er nur in den Kontakt geschickt wurde. Und auch die Lust, mit Steinen zu werfen, ist mir nie vergangen. Wohl wissend, dass man immer im Glashaus sitzt…

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