| | von Petra Schwegler

Shitstorm und Programmbeschwerden: Gaming-Szene fällt über RTL her

Dem Social Web bleibt nichts verborgen, der Game-Szene schon gleich gar nicht. So geschehen bei einem RTL-Beitrag im Magazin "RTL Explosiv" über die Gamescom 2011 und ihre Besucher vom 19. August. Darin werden die Spielbegeisterten als verschrobene Einsiedler dargestellt – ohne soziale Kontakte, ungewaschen, schlecht gekleidet und mit einem Hang zum Rumballern in der realen Welt.

Der Unmut der Gamer-Szene über den durchaus einseitigen Beitrag ist offensichtlich: Bis zum darauf folgenden Donnerstagvormittag sind bei der zentralen Stelle der Medienanstalten, der Seite Programmbeschwerde.de, über 7000 Beschwerden gegen den Beitrag eingegangen; das ergibt eine Anfrage von W&V Online. Die Gamer sehen sich in ihrer Menschenwürde verletzt. Programmbeschwerde.de, angesiedelt bei der saarländischen Medienanstalt LMS, hat nach eigenen Angaben die für RTL zuständige Hannoveraner Medienbehörde NLM eingeschaltet. Auch dort haben Gamer ihre Unwillen gegen den RTL-Beitrag kundgetan, heißt es auf Anfrage von W&V Online. Der Vorgang werde nun geprüft, so die NLM.Inzwischen steht fest: Der Beitrag ist zumindest nicht rechtswidrig. Der Sturm hat sich aber noch hingezogen - mehr als 100.000 Personen haben auf die Beschwerdeseite zugegriffen, mehr als 11.500 Beanstandungen sind im Saarland eingegangen.

Geschürt hat den Groll auf RTL unter anderem Videopunk. Der bekannte Blogger Markus Hündgen stellt im Gegenzug die These auf, dass das deutsche Fernsehen ein Problem habe: "Das sind die Macher selbst. Wenn jemand einen Beweis dafür gesucht hat, dass TV ein überholtes Medium ist, möge er bitte folgenden RTL-Beitrag anschauen. Mal vom üblichen RTL-Duktus und den handwerklichen Unzulänglichkeiten abgesehen, strotzt der Beitrag nur so vor Selbstherrlichkeit und Arroganz - und ignoriert eine ganze Generation an Menschen und das, was ihnen wichtig ist", so Videopunk und fordert auf, den Beitrag einfach anzugucken.

Seit Tagen kocht die Spiel-Gemeinde im Netz über – und Giga.de hat einen Gegen-Beitrag produziert. Die Gamer-Szene gibt sich vor allem auch über eine Reaktion eines RTL-Redakteurs entsetzt, der die Spielbegeisterten als humorlos darstellt.

Und was sagt RTL zu dem ganzen Trubel? Die Kölner zeigen Reue und drücken Bedauern aus. "Die Verallgemeinerung und Überzeichnung des Beitrags zur Gamescom in der Sendung 'Explosiv' vom Freitag, 19.08.2011, war ein Fehler. Wenn wir Gefühle verletzt haben sollten, entschuldigen wir uns ausdrücklich dafür", heißt es bei RTL aufrichtig. Ob sich ein angekündigter Hackerangriff auf RTL durch diesen Rückzieher verhindern lässt? Jedenfalls sind Teile der RTL-Seite vorübergehend nicht zu erreichen gewesen. Zuvor hat der Sender versucht, den Beitrag auf YouTube unter Hinweis auf die Urheberrechtsverletzung zu löschen. Was den Sturm der Entrüstung nur noch mehr anfachte. Doch andernorts ist der Beitrag immer noch bei YouTube zu finden, gerne auch verfremdet.

Die Medienwächter sind in Sachen RTL bereits alarmiert: Die NLM prüft immer noch das umstrittene TV-Format "Mietprellern auf der Spur", in der sich Moderatorin Vera Int-Veen in einer Folge Zutritt zu der Wohnung einer Frau verschafft haben soll, während diese abwesend war. Doch nach dem "Explosiv"-Beitrag über die weltgrößte Messe für Videospiele ist der Shitstorm online und offline ungleich größer - wie es bei Programmbeschwerde.de heißt, kommt so ein Massenansturm an Beschwerden sonst nur bei "Big Brother" vor. Mittlerweile steht fest: Das ist Rekord! Klar: Die Gamer-Szene gilt als sehr gut organisiert und vernetzt - was sich hier deutlich zeigt. Da lässt sich - auch mit Blick auf das für RTL so wichtige Geschäftsfeld Spiele - nur festhalten: Die Moral von der Geschicht‘ – verärgere die Gamer nicht!

Shitstorm und Programmbeschwerden: Gaming-Szene fällt über RTL her

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Immer mehr beschweren sich über TV-Schund im Web

von Petra Schwegler

TV findet immer mehr Wege zum Zuschauer, und auch der Second Screen oder die Multiscreens machen den "Mediendschungel immer unübersichtlicher", wie Werner Röhrig berichtet. Er ist Leiter der Internet-Plattform programmbeschwerde.de bei der saarländischen Medienanstalt LMS. Seit nunmehr zehn Jahren bieten die Medienwächter den Bürgern diese Seite an, um den Ärger über die Angebote privater Medien zu kanalisieren. Zunehmend mehr Beschwerden beziehen sich aufs Internet, wie Röhrig im Gespräch mit der Nachrichtenagentur "dpa" durchblicken lässt. Das liege eben daran, dass TV-Inhalte zunehmend über das Netz verbreitet würden. Jährlich gehen bei der LMS seit 2004 um die 800 bis 1000 Beschwerden ein.

Die Fülle der Beschwerden habe sich in den vergangenen Jahren nicht verändert, wohl aber deren Qualität, sagt Röhrig. Zu Beginn habe es "mehr Unmuts-orientierte allgemeine Empörung über Grenzverletzungen und vermeintliche Tabu-Brüche" gegeben. Als Beispiel nennt Röhrig die RTL-Castingshow "Deutschland sucht den Superstar" (DSDS). Die Kritik sei nach dem Motto verfasst gewesen: "Welche Kraftausdrücke packt Herr Bohlen noch aus?" Inzwischen würden die Beschwerden oft differenzierter begründet und erstreckten sich auf recht konkrete Sachverhalte, etwa auf die Art der Darstellung bestimmter Bevölkerungsgruppen wie Übergewichtige.

Mit dem Zuwachs an TV-Inhalten übers Web und immer mehr begleitenden Angeboten für mobile Endgeräte (Second Screen) sieht Röhrig die Bürger mit dem "Mediendschungel" konfrontiert. Da sei eine zentrale Beschwerdestelle unabdingbar, die "dem Gefühl abhilft, man stünde schutzlos einer unkontrollierten Medienmacht gegenüber". Gut begründete Empörung habe es etwa zur Berichterstattung im privaten Fernsehen über den Freitod von Nationaltorwart Robert Enke 2009 gegeben. Damals hatte ein Fernsehteam dessen Witwe bei einem Besuch des Ortes interviewt, an dem sich Enke vor den Zug geworfen hatte. "Das war das Ernsteste, was ich in den zehn Jahren an Publikumsreaktionen mitbekommen habe", so Röhrig.

Einen wahren Shitstorm hat programmbeschwerde.de erlebt, als RTL im Sommer vor drei Jahren die Gamingszene einseitig porträtiert hat. Innerhalb weniger Tage nach einem Beitrag über die Gamescom registrierte programmbeschwerde.de zig Tausend Beschwerden, die Website des Senders war vermutlich von Hackern lahm gelegt.

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Könnten Hacker auch RTL oder das ZDF ausknipsen?

von Petra Schwegler

Nach dem Hackerangriff auf die französische Sendergruppe TV5 Monde will die EU-Kommission für mehr Cyber-Sicherheit sorgen. Das kündigt Vize-Kommissionschef Frans Timmermans an. Wie Nachrichtenmedien berichten, verlaute nun aus EU-Kreisen, dass die Kommission Ende des Monats eine entsprechende Sicherheitsagenda verabschieden will.

Hacker hatten im Namen der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) die IT-Systeme von TV5 Monde gekapert, die Ausstrahlung der Fernsehprogramme stundenlang blockiert und Propaganda des IS auf den Social-Media-Konten des Senders gestellt. Die Internetseite von TV5 Monde ist nach dem Cyber-Angriff noch lange gestört gewesen. In der Nacht auf Freitag war die Seite erneut nicht erreichbar. Das Fernsehprogramm wird indes wieder ausgestrahlt. Nach Erkenntnis des französischen Innenministers Bernard Cazeneuve sei nicht auszuschließen, dass ähnliche Angriffe wieder passieren könnten oder bereits geplant seien.

Könnten nun Hacker hierzulande RTL oder das ZDF ausknipsen? Nicht erst seitdem Dschihadisten den französischen Kanal gekapert haben, kennen Sender die Gefahr durch Hacker. Der Sicherheitsaufwand ist groß - ein Restrisiko kann keiner ausschließen, wie die Nachrichtenagentur "dpa" in einer Umfrage ermittelt hat. Fest steht: Deutsche Fernsehsender betreiben einen hohen Aufwand, um sich gegen Hackerangriffe wie in Frankreich zu schützen. Ein Sprecher der Redaktion ARD aktuell, die unter anderem die "Tagesschau" produziert, sagt der "dpa", die Schutzmaßnahmen hätten dort einen hohen Standard. "Auf die Sicherung der Sendesysteme wird dabei besonderes Gewicht gelegt. Die Maßnahmen schließen auch die Schärfung des Bewusstseins für die Gefahr digitaler Angriffe ein."

Auch der private Fernsehkonzern ProSiebenSat.1 mit Stationen wie Sat.1, Kabel eins und ProSieben verweist auf ein umfassendes Sicherheitskonzept und ein eigenes Notfallmanagement. "Unsere IT-Systeme sind mehrfach abgesichert und redundant ausgelegt. Dadurch bieten wir eine höchstmögliche Sicherheit, sowohl für unsere Sender als auch die digitalen Angebote. Für unsere zusätzliche, mehrstufige Security-Software setzen wir nur die neueste Technik ein und überprüfen die Systeme regelmäßig auf Durchlässigkeit", berichtet eine Sprecherin der Sendergruppe in Unterföhring.

Die Deutsche Welle prüft ebenfalls regelmäßig die Sicherheit. Und die Mediengruppe RTL Deutschland mit ihren Sendern RTL, Vox oder auch n-tv versichert: "Wir sind im Bereich Broadcasting und IT gut gesichert. Damit das so bleibt, erläutern wir unsere diversen Schutzmaßnahmen für unsere Sender und Plattformen nicht öffentlich." WDR und ZDF wollen unter Hinweis auf die Sicherheit keine näheren Angaben. Es wird aber auch hier deutlich: Sie beobachten laufend die Bedrohungslage.

Dass Hacker hierzulande durchaus eine Chance haben, TV oder dessen digitale Ableger lahmzulegen, wurde bereits bewiesen. Das Opfer war RTL. Der Sender hatte im Sommer 2011 die Gamer-Szene mit einem unglücklichen Beitrag von der Kölner Messe Gamescom gegen sich aufgebracht. Darin wurden die Spielbegeisterten als verschrobene Einsiedler dargestellt. Der riesige Unmut der Gamer-Szene äußerte sich öffentlich: Tausende Programmbeschwerden gingen bei den Medienwächtern ein, im Netz tobte ein riesiger Shitstorm und ein angedrohter Hackerangriff wurde auf Teilen der RTL-Seite umgesetzt. Sie waren vorübergehend nicht zu erreichen. Gegen die Gamer hatte RTL eine Chance: Der Sender zeigte Reue und entschuldigte sich zeitnah. TV5 Monde hat es da mit der IS schon schwerer.

Allerdings zeigt aktuell ein kurioser Vorfall, wie leicht der französische Sender es den Hackern macht. Wie die "Süddeutsche Zeitung" am Freitagmorgen online berichtet, enthüllte TV5-Monde-Reporter David Delos während eines Interviews in einer Nachrichtensendung unabsichtlich Zugangsdaten – "weil die Passwörter für das Youtube-, Instagram- und das Twitter-Konto des Senders auf großen Notizzetteln hinter Delos an der Wand hingen", wie es heißt. Im Video ist der Patzer etwa ab Minute 3:44 zu sehen.

ps/dpa

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