Couchfunk-Chef Frank Barth | | von Petra Schwegler

Social TV: Was geht und was noch besser werden muss

Vor der Glotze mit anderen hitzig über das TV-Programm diskutieren - das macht Couchfunk seit gut einem Jahr möglich. Der Social-TV-Service tritt unabhängig von den Senderfamilien auf. Das Ganze basiert auf der Couchfunk-App für das iPad, entwickelt vom Dresdner Startup Couchfunk. Sie zeigt Titel beliebiger Sendungen an und bündelt darunter Zuschauer-Diskussionen, an denen sich Nutzer beteiligen können. Hinter dem Betreiber Couchfunk GmbH stehen Geschäftsführer Uz Kretzschmar und Frank Barth, der für das Marketing zuständig ist. Im Interview mit W&V zieht Barth ein Resümée nach einem Jahr Social TV.

Herr Barth, seit einem Jahr sammeln Sie mit Couchfunk als unabhängiger Social-TV-Service Informationen darüber, was deutsches TV bei Facebook, Twitter und Konsorten so treibt. Können die Sender überzeugen?

Wenn man sich die Daten vom Social-TV-Monitor anschaut, hat vor allem RTL II – und mit Abstrichen ProSieben - seine Hausaufgaben gemacht. Das ist nur das, was wir in den Top Ten sehen können; viele kleinere Formate sind hier noch deutlich innovativer und weiter, haben aber noch nicht das große Publikum. ProSieben ist unter den Sendern mit seiner Plattform "ProSieben Connect" schon am weitesten, aber auch die Öffentlich-Rechtlichen sammeln gleich mit mehreren Formaten Erfahrungen und haben diese teilweise auch schon erfolgreich etabliert. Zusätzlich kann man RTL II, die mit mehreren Formaten gut performen, als Social-TV-Gewinner auf Facebook bezeichnen.
Auch wenn man über das vergangene Jahr eine zunehmende Professionalisierung und Zunahme der Angebote spürt, sind wir noch lange nicht am Ende der Möglichkeiten angekommen. Vor allem die für die Privaten so wichtigen Geschäftsmodelle stecken noch in den Kinderschuhen. Hier werden wir von Couchfunk in naher Zukunft noch eine spannende Aktion erleben, die erahnen lässt, warum Social TV so interessant ist.
Im Gesamtbild möchte ich dennoch Kritik üben: Wer keine (nutzerfreundlichen) Angebote schafft, darf sich im Umkehrschluss auch nicht beschweren, dass es keine Nutzer gibt. Wir werden im TV-Bereich die gleichen Veränderungen erleben, die die Musik- und Printbranche schon hinter sich haben. Es ist fast schon unterhaltsam, dass man sich das nicht eingestehen will.


Können Sie einige Beispiele nennen, die positiv beziehungsweise negativ hervorstechen?

Positiv sticht für mich "ZDFlogin" hervor, genauso wie es natürlich auch die "Rundshow“ getan hat. Sehr spannend fand ich die Verlängerung des "Tatort" in ein Spiel hinein. Und natürlich ist da der Dauerbrenner "Berlin Tag & Nacht", der mit der Formatverlängerung auf Facebook unglaubliche Erfolge feiert. Das größte "Desaster", wenn man es so bezeichnen möchte, war sicher "Gottschalk live". Gefühlt war hier die selbst geschürte Erwartungshaltung, die nicht erfüllt wurde, der größte Stolperstein.

An der Social-TV-Performance beim Neustart von "Wetten, dass...?" haben auch Sie Kritik geübt. Was würden Sie den Mainzern für die Neuauflage mit Markus Lanz raten?

Zunächst einmal, es ist wichtig, dass etwas gemacht wird. Und die Second-Screen-App zu "Wetten, dass" war zudem gut besucht. Es gab einen Chat und Umfragen, die parallel eingestellt worden sind sowie "Backstage"-Infos und Wetten, die vorgestellt wurden. Man muss aber letztendlich immer sehen, was mit den vorhandenen Mitteln möglich gewesen wäre, und da ist das Angebot des ZDF weit unter seinen Möglichkeiten geblieben. Nicht wirklich gut aufgearbeitete Anzahl und Fülle von Informationen, sowie die eher sporadische Integration von Social-Media-Postings der Teilnehmer sind nur zwei Beispiele. Das ZDF hat dabei in seiner eigenen Chronik ein Paradebeispiel für gutes Social-Media-Covering bei "Wetten, dass...": Die Fanta vier hatten während ihres Auftritts mehrfach Bilder gepostet und sich mit Fans ausgetauscht. Trial & Error im Social-TV-Bereich gehört dazu. Ich fand es nur etwas enttäuschend, hat man doch mit Michael Umlandt den Profi im eigenen Haus und mit Guido Bülow, Richard Gutjahr und Tom Klein auch in den anderen Anstalten genügend Ansprechpartner für Social-TV-Lösungen. Ich bin mir aber sicher, dass man hier schnell dazulernen wird.
Die Latte beim Nutzer hängt hoch: Social Media müssen orchestriert werden, native Funktionen der jeweiligen Plattform müssen integriert sein, und wenn ich schon Votings mache, dann will der Nutzer diese Daten auch genutzt sehen, entweder in der Second-Screen-Diskussion oder am besten direkt in der Sendung. Auf den Nutzer wirkt das sonst schnell wie das Stellen einer Frage, deren Antwort niemand hören will. Was man mit Bordmitteln erreichen kann, konnten Sie bei Couchfunk beobachten: Parallel zum Event wurden immer wieder Informationen zu den Stars über mehrere Soziale Netzwerke gepostet und auch auf Antworten sowie Nachfragen reagiert. Das sollte doch auch für einen großen Sender kein Problem sein.
Übrigens: Die Twitter-Integration in der Second Screen App zu "Wetten, dass...?" hat mir dieses Mal deutlich besser gefallen. Man lernt also, wie angedeutet, schnell dazu.

Wenn sich die Aktivitäten im deutschen TV vor allem auf einzelne Formate konzentrieren – worin unterscheiden sich Social-TV-Könner von den -Anfängern?

Es gibt eigentlich keinen Social-TV-Profi, es gibt eigentlich nur Social-Media-Profis, die auch beim Fernsehen aktiv sind. Und die sind sehr schnell schlecht gestimmt, wenn ihre Lieblingsplattform nicht so integriert ist, wie sie es vom täglichen Gebrauch her kennen. Es gibt auch keinen typischen Social-TV-Nutzer; das konnten wir in unseren Apps sehr gut zur EM beobachten. Menschen sind immer auf der Suche nach Informationen und Unterhaltung. Wenn ich ihnen mit meiner Plattform auf dieser Basis einen Mehrwert bieten kann, dann sind sie dabei. Fernsehen ist der Standard für Unterhaltung und ein gutes Social-TV-Angebot die Garnitur, die es zu einem Erlebnis macht.

Wenn Social-Web-affine Protagonisten über Wohl und Wehe eines Senders entscheiden - dann müssten doch die diversen YouTube-Kanäle mit all ihren twitternden, chattenden Moderatoren für das klassische Fernsehen vor allem bei jungen Zielgruppen eine gefährliche Konkurrenz darstellen?

Den meisten Protagonisten dürfte der Sender weniger wichtiger sein als das Format, in dem sie auftreten. Stars und Sternchen mit Social-Media-Accounts sind nah an den Fans dran und werden natürlich oft auch mit der Figur, die sie spielen, in Verbindung gebracht. Sie können ihre Popularität zum Wohle eines Formats und damit auch zum Wohle eines Senders einsetzen. Wenn das ein Sender für sich nicht zu nutzen weiß, ist das liegengelassenes Potenzial. Bei YouTube ist es auch nicht anders: Stars werden direkt mit ihren Formaten in Verbindung gebracht und kommunizieren mit ihren Fans. Anders als TV-Darsteller haben sie aber direkten Einfluss auf ihre Formate und können sich voll ausleben. Natürlich klappt die Kommunikation am besten, wenn man authentisch eine Zielgruppe vertreten kann, weil man ihr selbst angehört. Und so haben YouTube-Stars vor allem Einfluss auf die Nutzergruppe U25 und TV-Stars in der Regel auf die Gruppen Ü25 -  Ausnahmen bestätigen natürlich auch hier die Regel. YouTube-Stars müssen dabei keine Gefahr für das TV sein -  im Gegenteil: Sie können eine Chance sein. Y-Titty beweisen dies eindrucksvoll mit diversen TV-Auftritten in jüngster Vergangenheit.


Können ARD, RTL und Konsorten da überhaupt noch gegensteuern?

Ich würde hier gerne eine Trennlinie einziehen. Eine ARD oder ein ZDF werden bei Social-TV-Angeboten immer anders agieren (können) als private Sender. Die Öffentlich-Rechtlichen sind befreit vom Spagat aus Nutzerfreundlichkeit und Gewinnerzielung und können deshalb wesentlich freier agieren als es ein RTL oder ProSieben je könnte. ProSieben sucht sein Heil in einer eigenen Plattform und erzielt damit auch erste Erfolge. Private könnten aber auch noch andere Modelle fahren. Sie könnten Inhalte eingebettet an Dritte herausgeben, ihre Reichweite damit erhöhen und gleichzeitig die Inhalte mit ihren dadurch erzeugten größeren Reichweiten vermarkten. Es gibt eigentlich keinen Grund, Mauern um die eigenen Angebote zu ziehen. Übrigens: Von den vielen Fanseiten der TV-Sender profitiert nicht der Sender oder der Zuschauer am meisten, sondern Facebook mit den geschalteten Anzeigen rund um die Angebote der TV-Anstalten.

Sie sind selbst Teil der jungen Zielgruppe. Welchen "Screen" bevorzugen Sie persönlich – den "First" oder den "Second Screen" beziehungsweise das klassische TV oder dessen mehr oder weniger gelungenes Spiegelbild auf Web-Plattformen und sozialen Netzwerken?

Generell ist es ein bunter Blumenstrauß aus den verschiedensten Angeboten. YouTube-Clips schaue ich vor allem zur kurzweiligen Unterhaltung zwischendurch. Der Fernseher mit linearem Programm läuft eigentlich nur noch bei TV-Shows und Sportübertragungen. Dann in aller Regel aber auch mit allen Begleitmedien, die man sich vorstellen kann. Das reine Fernsehschauen zum Abschalten kommt eigentlich nicht mehr vor. Hier nutze ich lieber Mediatheken, und Video-on-Demand-Angebote und ärgere mich regelmäßig noch über das mittelmäßige Zusammenspiel von First- und Second-Screen, ein Problem, das noch nutzerfreundlicher und massentauglicher gelöst werden muss. Mein Zeitbudget für Fernsehen ist aber generell eher eingeschränkt, wodurch man versucht, die verwendete Zeit bewusst und zielgerichtet zu nutzen.

Social TV: Was geht und was noch besser werden muss

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