| | von Petra Schwegler

W&V-Blattkritik "Viva": Ein "Stern" für Lesebrillen-Lohas

Es ist da, das jüngste Beiboot des Gruner-Magazins "Stern". Wobei – das Adjektiv "jüngste" gehört nicht zur Selbstbeschreibung von "Viva". Der Print-Neuzugang aus Hamburg liegt ab sofort in einer Auflage von 250.000 Exemplaren zum Copypreis für 3,90 Euro am Büdchen und will definitiv die Best-ager ansprechen, die Männer und Frauen über 50 Jahren – von denen Deutschland immer mehr vorzuweisen hat.

"Viva" liegt ab sofort in hoher Auflage am Kiosk (Cover: G+J).

"Viva" liegt ab sofort in hoher Auflage am Kiosk (Cover: G+J).

Die Idee dazu hat offenbar "Stern"-Chefredakteur Thomas Osterkorn geliefert, selbst Endfünfziger. Ihm soll das Projekt "Viva", das er ebenfalls an der Spitze eines kleinen Teams unter dem Dach der "Stern"-Redaktion verantwortet, sehr am Herzen liegen – heißt es. Auf 164 Seiten pirscht sich "Viva" zum Auftakt heran an "Frauen und Männer ab 50, die nach intensiven Jahren in Beruf und Familie vor einer neuen Freiheit und möglichen anderen Lebensperspektiven stehen", wie es Gruner + Jahr formuliert.
Schon das Cover ist Programm: Das Ehepaar Milberg grinst dem Leser entgegen – entspannt, mit sympathischen Lachfältchen und Zufriedenheit verströmend.

Die große Stärke von "Viva" springt dem Leser bereits auf dem Titel ins Auge: die Qualität der Bilder, die man aus dem Hause Gruner und von "Stern"-Ablegern wie "View" kennt. Authentisch sind die porträtierten Gesichter, die das Leben geprägt hat - und nicht die Nadel- und Spritzenkunst der Schönheitschirurgen. Es wirkt, als wolle das Magazin sagen: Erfolgreiche und zufriedene Menschen pfeifen auf Botox! Favorit von W&V Online: "Tatort"-Kommissar Axel Milberg mit heruntergelassenen Hosen (!). Das dennoch sittsame Foto des 56-Jährigen rundet die Titelstory "Mein größter Luxus: Nein zu sagen" wunderbar ab.

Das Themenspektrum ist groß – Osterkorns Team schreibt genauso über die "Liebe auf den ersten Klick" wie über "Auf einem Dreimaster durch die Karibik" und über den "Neustart: Wie elf Frauen und Männer ihr Leben umgekrempelt haben". Um dieses Thema kommt die erste "Viva" nicht umhin, porträtiert die Story doch den Start in ein neues Leben ab 50 - wie es das neue Gruner-Blatt propagiert. Elf Rubriken hat das Heft: "Pläne & Träume", "Partnerschaft & Familie", "Kultur & Unterhaltung", "Arbeit & Geld", "Medizin & Psychologie", "Gesellschaft & Politik", "Fitness & Sport", "Reise & Genuss", "Technik & Auto" sowie "Haus & Garten". Letzteres dürfte dem Umstand geschuldet sein, dass der Hype um die "LandLust" die Sehnsucht der Deutschen nach dem grünen Rückzugsort offenbart. "Viva" glänzt auch hier mit einer wunderschönen Bilderstrecke und tollen Gartenbeispielen. Ein Porträt über Starkoch Eckart Witzigmann lebt auch von Bildern, die einen sehr spitzbübischen Haubenträger zeigen. Lediglich die Mode fehlt. Aber dieses Segment ist vom Printmarkt ohnehin bestens abgedeckt.

Das Layout ist sehr schlicht gehalten, übersichtlich, das Richtige für Lohas, die lieber in den zurückhaltenden Hallen von Manufactum shoppen als im überfüllten Kaufhaus. Auffallend ist die große Schrift, die bereits Menschen um die 40 schätzen. Für prominente Akzente sorgen Mitstreiter wie der Philosoph Richard David Precht, Star-Fotografin Gabo oder die Autorin und Bloggerin Meike Winnemuth. Es gibt neben den Bildakzenten auch viele textlastige Strecken - aber diese überzeugen durch die Themenwahl und die versierte Schreibe. Dass der potenzielle Leser von "Viva" ein reifer Mensch ist, der über berufliche Erfahrung ebenso wie über soziale Kompetenz verfügt und bereit ist, diese einzusetzen, wird mit einer neuen Forsa-Studie belegt. "Stern" hat sie in Kooperation mit der Körber-Stiftung durchgeführt und stellt sie in "Viva" vor. Das Thema Alter wird nicht verschwiegen (im Gegenteil) – die Frage nach dem biologischen Alter klärt der Zehn-Seiter "Wie alt wir wirklich sind". Sehenswert hier: die Retusche des 55-jährigen Autors Michael Stoessinger.

Fazit: Aus Sicht einer 40-Jährigen deckt "Viva" alles ab, was den Leser ein Jahrzehnt später interessieren dürfte. Mit Sorgfalt und sichtbar großem Aufwand, einer hochwertigen Anmutung und Haptik geht Osterkorn mit dem Blatt in den Handel. Auf dem Thema "Alter" sollte allerdings weniger herumgeritten werden (was durchaus mit der Premiere des Hefts und der Vorstellung des Konzepts zu tun haben könnte...); man hört, dass Bürger ab 50 nicht so gern ständig mit den hinter sich liegenden Lebensjahren und mit der eigenen Endlichkeit konfrontiert werden. Frust macht sich dann aber doch noch breit: Weil die vorgestellten Reisen teuer sind, die Gärten größer, die Küchengeräte chromglänzender, die Weine exquisiter, die Abgebildeten schlicht entspannter. Gruner selbst dürfte entspannter werden, wenn genügend Leser für ein regelmäßiges Erscheinen zusammenkommen - und wenn noch mehr Anzeigenkunden schalten.

Erste Eindrücke von "Viva" können Sie der Bildergalerie entnehmen.

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