"Dexter" meuchelt in der Reihe des US-Senders Showtime überwiegend Sehenswertes...
"Dexter" meuchelt in der Reihe des US-Senders Showtime überwiegend Sehenswertes... © Foto:Showtime

World Television Day | | von Petra Schwegler

Welttag des TV: Vom sozialen Gewicht und schönen Toten

Der 21. November ist dem Fernsehen gewidmet. Den "World Television Day" hat die UN im Jahr 1996 erstmals ausgerufen. Dieses Jahr nutzen die europäischen TV- beziehungsweise Vermarkterverbände ACT und egta den Tag, um erstmals auf den Wert des Mediums Fernsehen hinzuweisen, auf seine vielfältigen sozialen Einflüsse. Für diese Gelegenheit ist extra eine Website eingerichtet worden - www.worldtelevisionday.tv. Neelie Kroes, Vize-Präsidentin der EU-Kommission, sagt über die Bedeutung des Mediums: "Fernsehen ist immer noch der Weg, um die meisten Bürger zu erreichen und ihnen zu erklären – natürlich auch um mit ihnen darüber zu debattieren -, wie die EU ihr Leben beeinflusst." Den ganzen Tag über sollen Fakten rund ums Fernsehen und bekannte TV-Gesichter weltweit auf der Homepage auftauchen. Auch ins Social Web hält der Tag Einzug – so etwa bei Twitter (#worldtvday).

Pünktlich zum weltweiten Tag des Fernsehens erreicht die Redaktion eine interessante Studie – die sich mit weltweit beliebten Serien auseinandersetzt und dabei das Sterben im TV seziert. "Wer im amerikanischen Fernsehen stirbt, ist schöner tot", behauptet die Soziologin Tina Weber. Sie hat 13 amerikanische Fernsehserien untersucht – von "Six Feet Under" über "CSI Las Vegas" und "Dead like me" bis hin zu "Dexter". Sie sah dort vornehmlich, wie sie sagt, "drop dead gorgeous" – zum Sterben schöne Leichen: jung, athletisch, gut aussehend. Die Ergebnisse hat sie im gleichnamigen Buch festgehalten – "Drop dead gorgeous – Representations of Corpses in American TV Shows", erschienen im Campus Verlag.

Die untersuchten Serien sind nach der Jahrtausendwende produziert worden - sie laufen alle zur besten Sendezeit und stehen für den Trend zu Beginn des 21. Jahrhunderts, in TV-Serien den Umgang mit dem toten Körper in der Gerichtsmedizin oder im Bestattungsinstitut regelrecht zu zelebrieren. Weber, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Soziologie der TU Berlin, analysierte die Serien innerhalb des Forschungsprojektes "Tod und toter Körper", das von der Volkswagen Stiftung gefördert worden war. Gab es in den 1990er-Jahren nur eine Krimi-Serie, in der die Leiche über den Tatort hinaus eine Rolle spielte, Tote aber dennoch niemals gezeigt wurden, wird die Leiche in den neuen US-Serien zu einem zentralen Element im Plot und – sie ist nun auch zu sehen. Doch wie wird sie gezeigt, fragte Tina Weber, und was wird nicht gezeigt und warum.

Bei der Frage nach dem Wie hält Tina Weber unter anderem eine "Tendenz zur Ästhetisierung und der sterilen Darstellung der Toten" fest. "Die Leiche wird auf einer sauberen, glänzenden Bahre, in einer penibel aufgeräumten Pathologie als schöner, junger, gut gebauter toter Körper in blauem Licht friedlich schlafend inszeniert", so Weber. Nicht gezeigt wird die Realität. Tina Weber hat in der Gerichtsmedizin und im Bestattungsinstitut gearbeitet und weiß, dass Alte, Kranke, Gebrechliche auf den Bahren liegen. "Die meisten Toten in einem Bestattungsinstitut sind glücklicherweise nicht jung", sagt die 32-Jährige. Dennoch werden Körper, gezeichnet von Alter und Krankheit – also natürlichen Todesursachen – dem TV-Zuschauer nicht zugemutet. "Dass das Fernsehen immer nur Ausschnitte der Realität inszeniert, ist allerdings mitnichten eine neue Erkenntnis", sagt Weber, "neu aber ist, dass über eine Flut genormter Leichendarstellungen auch derzeitige körperliche Schönheitsideale propagiert werden."

Der US-Trend schwappt zu uns: Ab 2005/2006 registriert Weber im "Tatort" Veränderungen. Die Pathologie von Dr. Börne zum Beispiel im ARD-Krimi aus Münster ist demnach nun auch blau ausgeleuchtet und bekommt zunehmend ein Hightech-Ambiente, und die Leichen wirkten auch nicht mehr so "lebensnah". "Das Genuine des ‚Tatorts‘ mischt sich mit den Darstellungskonventionen aus den amerikanischen Serien. An der Beschreibung dessen arbeiten wir im Moment", sagt Weber.

Warum aber wird in den USA der tote Körper als schöne Leiche dargestellt? Tina Weber: "Sicherlich hat es etwas mit dem Bestattungsritus in den USA zu tun. Jede Leiche wird dort zur Aufbahrung einbalsamiert und schön hergerichtet." Auch spiele der Zwang in der US-amerikanischen Gesellschaft, fit zu sein, jugendlich und makellos zu erscheinen bei der medialen Darstellung der Toten eine Rolle. Das schöne Äußere soll über den Tod hinaus bewahrt werden.

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