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20 Jahre Mauerfall: Erinnerungen an den Herbst 1989

Bild 4 von 6

Wo waren Sie als die Mauer fiel? In meiner Wohnung in Berlin Schöneberg. Ich saß fassungslos und zu Tränen gerührt vorm Fernseher, roch und hörte unten schon die ersten Trabis, ratternd und hupend. Und Menschen die vor der Tür miteinander anstießen und tanzten. Ich musste einfach raus auf die Strasse, habe wildfremde Menschen umarmt und mit ihnen gefeiert. Am Morgen dann, auf dem Weg zur Arbeit, ein gewöhnliches und dennoch ungewöhnliches Bild. Immer wieder freudig hupende Mitmenschen, Winken, Rufen oder euphorisches Kreischen aus Ladas und Trabbies. Glück, Erstaunen, Ungläubigkeit bei denen, die diese Nacht verschlafenen hatten. Und natürlich auch „Ostler“ zu Fuß, eindeutig zu identifizieren durch das Erkennungszeichen dieser besonderen Tage: Bananen

Annette Paetsch-Kröger 1989

Was haben Sie damals empfunden? Für mich war das Unmögliche wahr geworden. Ich bin aufgewachsen mit dem „Feindbild“ DDR, mit der Endgültigkeit der Trennung, mit dem Mitleid, welches man denen in der „Ostzone“ entgegenbrachte. Mit Weihnachtspäckchen in die „Zone“ voller Rosinen, Sultaninen und Jakobs-Kaffee, mit Besuchen von Familien, die immer getrennt reisen mussten. Damit keiner „rübermacht“ in den Westen. Und dann dieser 9. November, der alles änderte. Der Unmögliches möglich machte.

Wie im Job, damals Schering, in der Müllerstraße, 200 Meter von der Mauer entfernt. In den Tagen nach dem 9. November standen Vorstand und Mitarbeiter gemeinsam vorm Hauptgebäude und haben Kaffee, Suppe und Südfrüchte verteilt, fremde Leute begrüsst, geherzt und geküsst. Alles war besonders, wir waren mittendrin und wir haben es alle gespürt: Geschichte wird gemacht.

Was hat sich damals beruflich und privat für Sie verändert? Ich wollte immer weg aus Berlin. Diese geteilte Stadt, ständig übersah ich auf meinem Stadtplan die Mauer und musste meinen alten Käfer wieder einmal wenden, weil ich mir den Weg über Ostberlin ausgeguckt hatte. Jedes Wochenende bin ich rüber gefahren ins Wessieland, um in die Stadt meiner Wahl, Hamburg, zu kommen. Diese wöchentlichen Grenzkontrollen, die ewige Warterei an der Grenze, immer verbunden mit der Angst, die Grenzsoldaten würden etwas finden. Sich irgendwas einfallen lassen, weil sie finden wollten. Warten, Kontrollen, strenge, unfreundliche Blicke, Misstrauen vor dem Auto, Stäbe hinter dem Auto und in dem Benzintank. Auf dem Transit dann versteckte Vopos, getarnt unter Hecken, hinter Mauern, in Gräben. Immer auf der Jagd nach einer Geschwindigkeitsübertretung oder einem „Parkplatzvergehen“.

Meine Sehnsucht nach Hamburg, Hafen, Weite, gelben Rapsfelder im Umland , Wind an Elbe und Alster, frei von Trabigeruch und Vopos, das war damals Freiheit für mich. In dem geteilten Berlin habe ich diese Sehnsucht nicht erfüllen können, diese Freiheit nicht gefunden. Als die Mauer fiel, hatte ich meinen Job schon gekündigt, durfte aber die Euphorie und den Jubel mit den Berlinern noch teilen. Gegangen bin ich dann mit ein wenig Wehmut, immer wieder zurück gekommen nach Berlin, in diese - trotz alledem oder gerade deswegen - faszinierende und so lebendige Stadt.

 
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