"Chip" auf dem iPad: Die W&V-Kritik
Ab sofort ist das Computerheft "Chip" mit einer einer iPad-Ausgabe auf dem Markt. W&V-Autorin Susanne Herrmann hat sich die Tablet-Version angesehen.
Ein PC-Titel auf Apples Brett: "Chip" bringt am 8. Februar eine Ausgabe heraus, die für das iPad entwickelt und gegenüber dem Printtitel erweitert wurde. „Die Idee war, 'Chip' eine neue Dimension zu geben“, sagt Thomas Pyczak, Chefredakteur und Geschäftsführer von Chip Communications. Kernpunkte des digitalen Konzepts sind der Download von Software auf den eigenen PC - aus der App heraus - sowie die Unterteilung in einen Lese- und einen "Show"-Modus. Im Lesemodus stehen die Texte im Vordergrund. Dreht man das iPad, aktiviert man in der Queransicht den Show-Modus mit Infografiken, Fotostrecken.
Zum Start kostet die App mit 1,59 Euro nur etwa halb so viel wie das Magazin - obwohl sie weniger Werbung enthält. Das preist der Chefredakteur als Tugend: "Wir haben auch die Werbung reduziert." Zur Premiere gibt es lediglich einen Werbepartner. Pyczak: "Wir freuen uns, dass wir Beiersdorf mit ‚Nivea for Men‘ gewinnen konnten.“ Mit einem Video stellt der Verlag die App vor. W&V Online hat sich das Heft heruntergeladen und genauer angeschaut.
Dynamisch geht es gleich los, kein statischer Heft-Titel verunstaltet die Glasscheibe des iPad, wenn der Leser die erste Ausgabe von "Chip" öffnet. Und den nächsten Pluspunkt sammelt die iPad-Ausgabe gleich, weil sie prägnant den Unterschied zwischen Lesen und Gucken erklärt - und sofort einlöst. Das ist wirklich schlau gelöst und bietet jedem Leser was. Im Hochformat ist das Layout textlastig und liefert Infos zu den gezeigten Produkten, im Querformat lässt sich (mit Text auf das Notwendigste beschränkt) so lange gucken, bis man vielleicht doch einsteigt und sich durch Drehen zurück ins Hochformat mehr technische Angaben anruft. Auch gut: Bei Vorreitern wie "Wired" Gelerntes, also dass etwa nach unten blättern "in die Tiefe gehen" und nach rechts blättern "neuer Artikel" bzw. "neue Rubrik" bedeutet, setzt "Chip" um. Das klappt hoch und quer gleich gut.
Gesammelte Nachrichten-Schnippsel sind mit Quellenangaben gekennzeichnet und verlinken von hier direkt auf die Webseite, von der die Information stammt. In der App bleibt der Leser trotzdem und kann per "Fertig"-Knopf zurückkehren zur aktuellen Seite. Aus der Seitenübersicht der Rubriken, etwa "News: Netz + Politik" lässt sich direkt zu den angekündigten Texten springen, blättern ist also nicht nötig, wenn der Nutzer sofort weiß, dass er beispielsweise zu Steve Jobs mehr wissen will als über Facebook.
Besser verkauft als umgesetzt sind die "interaktiven Grafiken": Das Interaktivste an ihnen ist, dass sie auf Wunsch eingeblendet werden - oder eben nicht. Dass man dann dabei zuschaut, wie sich die Elemente nacheinander aufbauen, ist weder inter noch aktiv. Ab und zu muss das neue Element selbst zugeschaltet werden. Das reicht nicht überall. Von der Etikettierung abgesehen ist der Gedanke aber gut, im "Gucken statt Lesen"-Modus Grafiken für diejenigen anzubieten, die mehr wissen wollen und auf Zahlen und Zeitleisten stehen. Ähnlich der Einsatz von Videos: Kurze Filme anzubieten ist aller Ehren Wert und ein Muss auf dem iPad. Zeit und Geld für einen professionellen Sprecher sollten aber investiert werden, weil das Anschauen sonst allzu mühsam wird.
Natürlich kommen iPad-Nutzer und ihr liebstes Hobby, das iPad, thematisch auf ihre Kosten. Eine Zeitleiste der Tablet-Entwicklung steuert die Redaktion bei und ruft 2011 zum "Jahr der portablen Rechner" aus. App-Tests stellen Programme vor, die der iPad-Nutzer nicht missen will. Zum Laden allerdings flieg man aus der "Chip"-App - wird davor aber zuvor gewarnt. In der "Tipps & Tricks"-Sektion gibt es außerdem ein iPad-Kapitel. Darüber hinaus fehlen gewohnte "Chip"-Themen für Computertechnik-Freunde nicht, etwa Multi-Core-CPUs oder Angstthemen wie PC-Sicherheit und Schutzmaßnahmen sowie Praxistipps und Tests. Diese strotzen nur so vor Tabellen. Vor der Unübersichtlichkeit bewahrt sie ein Trick, abgeschaut von einer Basisfunktion des Tabellenprogramms Excel: Damit die Übersicht vielen Datenspalten nicht verloren geht, hat die Redaktion die linke Spalte mit den Produktnamen einfach fixiert, in den Detailangaben wird dann vom Leser gescrollt.
Nervig: Bei nur einem Werbekunden landet der Leser leider alle paar Seiten auf derselben Nivea-Anzeige und erfährt ein ums andre Mal, dass "wenigstens die Haarkrise gelöst" sei.
Fazit: Eine prall gefüllte und insgesamt gelungene iPad-Version des Titels, die die Zielgruppe zufrieden stellen dürfte und die Kompetenzen der Redaktion clever spielt.