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"Der Fokus auf Nachrichten ist eher hinderlich"
Im Gegensatz zu Großbritannien dominiert in Deutschland weiterhin die Diskussion über Qualitäts-Journalismus und Blogs.
Richtig. In Großbritannien legt man ja viel Wert auf investigativen Journalismus, da muss der sogenannte Scoop einige Male im Jahr gelandet werden, und man nutzt jedes Medium, um an Informationen zu gelangen. Die britischen Journalisten haben deshalb hier weniger Berührungsängste, sie recherchieren die Blogs der anderen und stellen auf ihren eigenen Blogs Fragen als Teil ihrer Arbeit. Sie nutzen beispielsweise auch immer Twitter. Da sind viele deutsche Journalisten einfach noch zu vorsichtig.
Welche Vorteile bringt Twitter für Journalisten?
Wer journalistisch investigativ unterwegs ist, kann über Twitter mitteilen, dass er nach bestimmten Informationen sucht. Wir leben in einer „publishing society“, bei jeder Veranstaltung, bei jeder Demonstration haben Leute ihr Handy dabei. Man kann also Ereignisse ganz anders nachvollziehen, weil man beispielsweise auf mehrere Videos zurückgreifen und aus verschiedenen Blickwinkeln sehen kann, was tatsächlich geschehen ist.
Wie könnte das konkret aussehen?
Ein Beispiel ist der Tod von Ian Tomlinson beim G20-Treffen in London Anfang vergangenen Jahres. Die Umstände dieses Todes wurden nur dadurch aufgeklärt, weil der Guardian-Reporter Paul Lewis über seine Recherche getwittert hat, und dem Guardian daraufhin von einem Banker Mobiltelefon-Aufnahmen zur Verfügung gestellt wurden. Auf ihnen konnte man sehen, dass Gewalt im Spiel war. Der "Guardian" hatte daraufhin über Twitter gefragt, ob es weitere Aufnahmen von diesem Ereignis gibt - und hat sie dann auch bekommen.
Dagegen werden Blogger von Journalisten oft als lästige Konkurrenz wahrgenommen.
Das ist eine verquere Diskussion. Journalisten müssen verdauen, dass die traditionellen Medien nicht mehr der einzige Ort der Öffentlichkeit sind. In Großbritannien gibt es inzwischen ein sehr gutes Ineinandergreifen von Experten-Bloggern und Journalisten. Professionelle Reporter werden immer wieder mit neuen Themen konfrontiert, und können nicht alle Entwicklungen in allen Bereichen ständig intensiv verfolgen. Es gibt aber Leute, die spezielle Bereiche zu ihrem „Hobby“ gemacht haben, da sammelt sich sehr viel Wissen an. Hier sollte es einen guten Austausch geben.
Um auf Ihre Erfahrungen in Deutschland zurückzukommen. Gibt es Fehler, die hier immer wieder gemacht werden?
Ich weiß nicht, ob man von Fehlern sprechen sollte. Die Veränderungen, die wir durch die Digitalisierung erleben, sind durchaus mit jenen der Industrialisierung zu vergleichen. Und natürlich ist bei einer solch massiven Neuausrichtung der Geschichte die Öffentlichkeit nicht mehr das, was wir in den vergangenen 50 Jahren kennengelernt haben. Da ist es verständlich, dass sich viele Verlage bei der Neuorientierung schwertun. Ein Manko ist hier allerdings, dass in vielen Printhäusern keine Vision entwickelt wird. Natürlich gibt es auch in Deutschland Journalisten, die die Möglichkeiten des Internets begriffen haben. Immer mehr Chefredakteure und Herausgeber wissen, dass man dieses Medium annehmen und aus ihm etwas machen muss – von Lorenz Maroldt beim „Tagesspiegel“ zu Frank Schirrmacher oder Christan Lindner von der „Rhein-Zeitung“. Aber es müssten von den Verlagen zügiger Visionen entwickelt werden, was Journalismus in der Zukunft heißt, die dann von der mittleren Ebene auch umgesetzt werden.
Was würde das in der Praxis heißen?
Der Chefredakteur des „Guardian“, Alan Rusbridger, hat sich immer wieder vor die Redaktion gestellt, um die Online-Ziele zu erklären, zu erklären, wie man anders mit dem Leser spricht, schreibt und den Leser an sich bindet. Es gibt beim „Guardian“ eine ständige Debatte über die neuen Möglichkeiten.
Und jenseits des „Guardian“?
Die Redaktion, die am besten verstanden hat, wo die Herausforderungen liegen, ist die „New York Times“. Die Umstrukturierungen innerhalb des Verlags sind dort unglaublich, sowohl auf der Ebene des Verlages als auch bei der Redaktion. Auf Verlagsebene hat die „New York Times“ erkannt, dass sie nicht mehr nur im Verlags-Business ist, sondern dass sie sich zur Technologie-Firma gewandelt hat. Die „New York Times“ begreift sich als „Multi-Platform-Publisher“, und besetzt gezielt die neuen Möglichkeiten. Konsequenterweise haben sie deshalb auch eine Research und Development-Abteilung aufgebaut, die aus zwölf Leuten besteht. Man erforscht die Zukunft der Informationsmöglichkeiten - und des Lesens.
Und die Redaktion zieht mit. So wird täglich um ein Uhr mittags eine geschnittene Version der Redaktionskonferenz als Videocast ins Netz gestellt, und einzelne Redakteure erklären dem Leser, warum man bestimmte Nachrichten für wichtig hält und auf welche Information man sich in der Berichterstattung konzentrieren wird. Das ist eben nicht die Haltung wie in vielen anderen Verlagen, in denen die kleinen Lokalredakteure mal mit ihrer Kamera zu einem Termin geschickt werden. Hier stellt sich auch die Chefredaktion der Kamera.
Ist die „New York Times“ ein Technologie-Unternehmen?
Genau. Prinzipiell ist das ja nichts Neues. Ein Chefredakteur, der früher nicht mit dem Geschäftsführer seiner Druckerei reden konnte, war ja auch kein richtiger Chefredakteur. Der heutige Chefredakteur und der heutige Verlagsleiter muss entsprechend ein Wissen darüber haben, wie digitale Daten verbreitet werden können. Das gehört zum Handwerk. Um überleben zu können, müssen die Verlage ihre Daten über so viele Orte wie möglich ausspielen. Die Verlage müssen die technischen Chancen nur wirklich begreifen.
Sie schreiben derzeit an einem Buch. Wovon handelt es?
Es geht darin um den Zusammenhang von Journalismus und Gesellschaft. Wir erleben derzeit, dass Algorithmen immer wichtiger werden. Etwa wenn wir das Navigationssystem im Auto programmieren, wenn wir online nach einem Partner suchen, und wenn wir googeln sowieso. Die Frage ist, wie verändert sich die Gesellschaft durch Algorithmen. Das wird derzeit noch zu wenig diskutiert.
Müssen wir Grund zur Sorge haben?
Ich sehe es nicht mit Schrecken, ich sehe darin eine Veränderung mit sehr viel Potenzial. Aber es ist eben eine Veränderung, die man aktiv begleiten muss. Die Veränderung ist fundamentaler als viele glauben. Das zeitgenössische Wissen, das traditionell von akademischen Institutionen produziert, gehortet und betreut wurde, wird zunehmend von Business-Corporations produziert, gehortet und betreut. Diese Veränderung muss debattiert werden.
Das Interview mit Mercedes Bunz führte Franz Scheele.
Zimmer Redakteur









