Blattkritik "Kochschule": Der Nerd am Herd
Der Computer-Verlag Data Becker hat sein neuestes Projekt, die "Kochschule" angeschoben. Dementsprechend viel Anleihen in der Computerfachpresse hat das Heft genommen. W&V hat einen Geschmackstest gemacht.
Auch ein Nerd muss mal irgendwann was anderes und Gesünderes essen als Cola und Chips - das jedenfalls muss sich die Chefetage des Computer-Verlags Data Becker gedacht haben, als sie ihr neuestes Projekt "Kochschule" angeschoben haben. Ein Achtungserfolg, das Heft ist anregend gemacht. Und gerade die Heimat Computerfachpresse erlaubt der Redaktion eine etwas andere Sichtweise aufs Thema. Verglichen mit den marktüblichen Food-Zeitschriften, die lauter schöne Bilder mit schönen Gerichten, schönen Menschen und schönen Reise-Destinationen abbilden, kommt "Kochschule" ein bisschen hemdsärmeliger, ein bisschen mehr technik-orientiert und ein bisschen realistischer daher.
Allein die porträtierten Experten sind auch mal ein bisschen blasser, dicker, also eben "echter" als die sattsam bekannten adretten und immer wieder durchgenudelten Jamie Oliver, Sarah Wiener oder Claudia Poletto. Auch die Foodfotografie matscht und suppt gerne mal ungeschönt in eher authentisch angerichteten Speisen. Das könnte man bemängeln, aber das macht genau den Charme der "Kochschule" aus. Denn das macht das Heft praktischer und nahbarer. Auch sonst kennt man das redaktionelle Handwerkszeug eher mal aus praxisorientierten PC-Zeitschriften. Ein "How to"-Artikel erklärt, wie man absturzgefährdete Soßen rettet, umfangreiche Technik-Berichte erklären die einzelnen Features von japanischen Messern und Geräte-Tests prüfen High-End-Sous-Vide-Kocher auf ihre Tauglichkeit. Und häufig und gerne wird aus den Kochbüchern von Experten zitiert. Da kann der geneigte, weltoffene Nerd seinen Freunde bei der Abendeinladung schon mal mit neuer Hardware und neuen Rezepten aus der "Kochschule" imponieren.
Ob sich ein Käufer aber für 5,80 Euro Copypreis auf dem Markt nicht doch die genmanipulierte, aber perfekte Tomate statt der natürlichen, unbehandelten kauft - sei trotzdem mal dahin gestellt. Auch der Anzeigenmarkt war wohl leicht zögerlich: 114 Seiten Redaktion sind mit nicht mal neun Seiten Anzeigen gewürzt - viele davon aus der hauseigenen Küche. Die Trennung von Redaktion und Anzeigen könnte zudem noch ein bisschen trennschärfer sein, aber sonst könnte man an diesem praxisnahen Heft durchaus Geschmack finden.