Nienhaus: "Wir bohren nach Öl"
Beim Printgipfel der Medientage München debattierten unter anderem "Focus"-Chef Wolfram Weimer, WAZ-Mann Christian Nienhaus und Xing-Gründer Lars Hinrichs über neue Geschäftsmodelle - mit knackigen Sprüchen. W&V-Autorin Lisa Priller-Gebhardt war dabei.
Wer bis heute nicht wusste, was das Küssen mit dem Print-Geschäft zu tun hat, wurde auf dem Printgipfel der Medientage in München aufgeklärt. Zur Frage, wie sich Printinhalte monetarisieren lassen und der Diskussion über die vielen Möglichkeiten, die I-Phone und I-Pad bieten, erklärte "Focus"-Chefredakteur Wolfram Weimer: "Es kommt mir so vor, als würden Technik-Freaks darüber diskutieren, ob blonde oder brünette Mädchen hübscher seien und dabei haben sie in ihrem Leben noch keine einzige geküsst." Bei den Diskussionen um die Digitalisierung der Printinhalte vergesse man vor allem eines: Nur mit gutem Journalismus sei gutes Geld zu verdienen ("Wir sind fürs Küssen zuständig").
Gute Erfahrungen mit Paid Content hat Panel-Teilnehmer Hans Gasser, Präsident des Verbandes Österreichischer Zeitung und zugleich Vorstand des Wirtschaftsblatt Verlag in Wien gesammelt. "Wir haben vor 30 Prozent unserer Inhalte eine Bezahlschranke gesetzt". Der Verlag verzeichne "überraschenderweise steigende Visits", so Gasser. Schließlich sei man an einem Punkt angekommen, wo man sich überlegen musste, ob das System von Free Content oder White Label Content zukunftsfähig sein könne. Daher habe man sich entschlossen, den Bezahlvorhang herunterzulassen.
Marc Walder, Chef von Ringer Schweiz und Deutschland sieht das Heil der Verlage in der Diversifikation. Sein Unternehmen ist unter anderem im E-Commerce sehr aktiv. Daher hat Ringier nicht nur das Magazin "Cicero", sondern auch einen Krustenentferner sowie eine Bratpfanne im Angebot. "Meiner Meinung nach müssen Medienhäuser ihr Geschäft diversifizieren, um guten Journalismus finanzieren zu können", so Walder und zeigt sich angesichts der Bezahl-App-Euphorie der Verlage skeptisch. Einer Erhebung zufolge seien nur 70 Prozent der fünf Milliarden getätigten Downloads kostenpflichtig.
Ebenfalls in diversen Unternehmensfeldern tätig ist die WAZ-Mediengruppe. Geschäftsführer Christian Nienhaus, der beispielsweise die Telefonmarke "Wirmobil" eingeführt hat, sagt: "Was wir machen, ist wie nach Öl zu bohren; irgendwann werden wir die richtige Quelle finden." Ernüchternde Worte sprach Lars Hinrichs, Xing-Gründer und heute Executive Peak (was so viel heißt wie "Oberstreber", erklärte Moderator und stern.de-Chef Frank Thomsen) seiner Venture Capital Firma Hack Forward. Der millionenschwere Unternehmer würde sein Geld "keinesfalls in journalistische Projekte stecken".
Níenhaus warnte davor, das gedruckte Produkt als "Oldfashioned Medium" zu degradieren. Printprodukte hätten nach wie vor Charme. Auch Wolfram Weimer warnte: Es könne doch nicht sein, dass Print-Journalisten als "die letzten Rocker des Medienbetriebs" gesehen würden und plädierte dafür, dass Qualitätsjournalismus auch in der digitalen Medienwelt der Zukunft unverzichtbar bleibe. "Am Ende eines Lebens steht der Tod. Doch bis dahin zählt nur, was wir aus unserem Leben machen. Genauso sollten wir das mit Print halten", so Weimer. "Guten Journalismus abliefern und das Küssen nicht vergessen."