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Erinnerungen an den Herbst 1989

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Wo waren Sie als die Mauer fiel? Ich war 15 Jahre alt und zuhause mit meinen Eltern in Halle an der Saale. Es war ein in jeder Hinsicht verrücktes Jahr. Ich hatte gerade die Schule abgeschlossen. Ein langer freier Sommer. Meine Eltern durften im August 1989 erstmals zu unseren Verwandten nach Frankfurt am Main reisen. Unsere Familie wurde 1961 buchstäblich geteilt. Ich blieb als Pfand zuhause. Bestes Teenie-Alter, zwei Wochen sturmfreie Bude, klasse!

Michael Ziesmann 1989

Bereits Wochen vor dem 9.November 1989 überschlugen sich täglich die Ereignisse. Massenflucht nach Österreich. Botschaft Prag. Schulfreunde waren auf einmal weg. Wir hatten im Oktober an Montagsdemos teilgenommen. Es lag etwas in der Luft (Wind of change?). Der 9.November 1989 - ein Donnerstag - war zunächst ein weiterer gewöhnlicher Tag mitten in der Veränderung. Ab 18 Uhr übertrug DDR1 eine endlose und gähnend langweilige Pressekonferenz mit Günther Schabowski. Zum Schluss kündigte er irgendetwas von Reisemöglichkeiten an. Auch die Aktuelle Kamera um 19:30 Uhr und die Tagesschau um 20 Uhr berichteten nur, dass künftig einfacher gereist werden könne. Es war Donnerstag, also war mir „Westradio“ mit der Hitparade auf NDR2 wichtiger. Nachdem das Wetter zu schlecht war, hatten wir keinen ZDF-Empfang um das "Heute Journal" zu schauen.

Erst um 22:30 Uhr schaute ich mit meinem Vater die ARD Tagesthemen. Als Hans-Joachim Friedrichs von einem historischen Tag und offenen Toren in der Mauer sprach, dämmerte mir was hier gerade geschieht. Die Live-Schaltungen nach Berlin (unvergessen Robin Lautenbach im tagelangen Dauereinsatz) zeigten Menschen, die einfach so unter großem Jubel nach West-Berlin gingen. Die Mauer war nicht mehr das Ende der Welt. Gänsehaut pur. Mein Vater, 1943 in Berlin geboren mit dem anderen Teil der Familie in Frankfurt am Main, fing hemmungslos an zu weinen. Spätestens jetzt ahnte ich was hier gerade passiert und was das bedeutet. Denn das war die Realität bis zu diesem Abend im November: www.youtube.com.

Was haben Sie damals empfunden? Die Anspannung und Ungewissheit der Wochen zuvor löste sich in purer Freude auf. Aber auch Skepsis: wie lange bleibt das so? Einige Tage später ging es „nüscht“ wie nach Berlin. Wo wir zuvor Bückware abgeholt hatten, gab es jetzt 100 D-Mark – die ich im W.O.M. (World of Music) am Kurfüstendamm und für die neueste "Bravo" auf den Kopf haute. Ein verrücktes Gefühl: hatte ich unseren Verwandten wenige Wochen zuvor hinter dem Brandenburger Tor nur winken dürfen, stand ich jetzt selbst dort. Einfach so. Berlin war eine einzige Dauerparty, ein riesiges Volksfest mit purer Lebensfreude voll von Freudentränen – und ich ein kleiner Teil davon. Jeder Einzelne kann doch etwas bewirken!

Was hat die Wende für Sie persönlich und beruflich bedeutet und verändert? Es ist bis heute ein zutiefst befriedigendes Gefühl, dabei gewesen zu sein, als eine Diktatur von innen heraus völlig gewaltfrei zu Fall gebracht wurde. Für mich genau zum richtigen Zeitpunkt. Für viele andere – wie meine Eltern - kam dies zu spät. Sie wurden um ihre Chancen betrogen. Ich habe diese Chancen zunächst in Frankfurt am Main genutzt. Meine Informationsgier wuchs. Das Interesse an der Wirkungsweise von Medien ebenso. Beides wurde zum Beruf. 10 Jahre nach dem Mauerfall entschied ich mich zunächst aus beruflichen Gründen nach Wien zu übersiedeln. Heute, 20 Jahre nach dem Mauerfall, trifft eine Überschrift auf mich zu: vom Ossi zum Ösi. Für mich sind auch heute Pressefreiheit und Meinungsfreiheit keine selbstverständlichen Worthülsen. Es ist ein hohes Gut, das jeden Tag erneut verteidigt werden muss.

 
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