Thinking on design:
Warum sich Briten und Deutsche bei Fußball-Logos nicht verstehen, aber Helm-Peter Recht hat

Das hässlichste Fußball-Logo kommt aus Hamburg? Diese Behauptung der "Daily Mail" konnte HSV-Fan und W&V-Designkritiker Norbert Möller nicht auf seinem Verein sitzen lassen. Eine Kolumne über Rauten, Hähne, Flammen und den Unterschied zwischen britischem und deutschen Design.

Text: Norbert Möller

Norbert Möller ist Design-Kolumnist von W&V Online.
Norbert Möller ist Design-Kolumnist von W&V Online.

Vor gut zehn Tagen herrschte große Aufregung im Fußballnorden: Die britische "Daily Mail" veröffentliche eine Liste der hässlichsten Vereinswappen der Welt – darunter das des VfL Wolfsburg, am schlechtesten aber schnitt in der Bewertung das Logo des Hamburger SV ab.

"Keine Worte oder Zahlen", schrieb der Autor, "nur eine schwarze und weiße Raute vor blauem Hintergrund. Das ist alles was man über Hamburgs unspektakuläres Logo sagen kann. Es (…) braucht dringend eine Auffrischung." So etwas versteht natürlich erst einmal kein Fan. Für den ist nämlich – wie Helm-Peter es ausdrückt – die HSV-Raute nicht nur ein Logo, sondern "mit dem Herzen verbunden".

Durch etwas Recherche bin ich auf einen älteren Eintrag im Designtagebuch gelandet. Hier landet das Signet des HSV im Vergleich aller Bundesliga-Vereine auf dem ersten Platz. Die Begründung: "Eine Kombination aus Rechteck und Rauten bildet ein tolles Zeichen. Einfach, klar und mit starker Wiedererkennung. So sehen jedenfalls keine Absteiger aus." Mir war gar nicht bewusst, dass der HSV schon 2006 mit dem Abstieg in Verbindung gebracht wurde.

Das 1919 bei der Vereinsgründung entstandene berühmte Rauten-Logo soll in seiner Gestaltung übrigens an Schifffahrtsflaggen erinnern. Bei einer Hafenstadt wie Hamburg ist dies keine ganz so abwegige Herleitung, im Ansatz vielleicht sogar eine – zugegeben verhaltene – Form des Storytellings. Wobei, das räume ich als Deutscher gerne ein, die Briten diese Disziplin in der Regel klar besser beherrschen als wir. Das zeigen nicht zuletzt auch die Vereinslogos ihrer Fußballmannschaften.

Nehmen wir zum Beispiel das Emblem der Tottenham Hotspurs: Dieses bildet seit seiner Einführung einen Hahn ab, wie ihn der vermutliche Namensgeber des Clubs – ein gewisser Sir Henry Percy, besser bekannt als Harry Hotspur – in vielfacher Ausführung besaß. Mit Sporen ("Spurs“) versehene Kampfhähne waren schließlich die Passion des Mannes.

Oder das Brit-Fußball-Logo schlechthin – Dortmund-Fans lesen hier jetzt besser nicht weiter: FC Liverpool. Der Klub von der Anfield Road vereint in diesem sein Gründungsjahr (1892) mit dem "Liver Bird" (Symbol der Stadt), mit der Hymne der Reds ("You’ll never walk alone"), dem Stadion (die Eisenschnörkel der "Shankly Gates") sowie dem größten Unglück der Vereinsgeschichte (zwei Flammen repräsentieren die 96 beim Hillsborough-Unglück ums Leben gekommenen Liverpool-Fans) – und es sieht klasse aus! Es erzählt förmlich Geschichten.

Jetzt könnte man also meinen, die britischen Vereine bevorzugen grundsätzlich das überladene, assoziationsreiche, traditionsschwangere, mit lateinischen Motto-Sprüchen verzierte Wappen – auch wegen der universitären Herkunft des Sports. Wir deutschen "Ingenieure" hingegen haben es – wie unsere Autos – halt lieber sachlich, schnörkellos, schlicht und geradeheraus.

Die Logos der Bundesligavereine sind reduziert, haben zumeist eine eindeutige Umform, wie einen Kreis oder eine Raute. Das Bildhafte tritt zurück, im Vordergrund stehen typografische Zeichen. Hier gibt es aber auch einige sonderbare und schräge Modifikationen. Die meisten Logos sehen eher nach antiquierten Unternehmenszeichen aus. Dagegen haben die Logos von Wolfsburg und HSV etwas von einer zeitgemäßen Modernität. Eben das, was von der Daily Mail kritisiert wird.

Ich denke, es gibt insgesamt einen großen kulturellen Unterschied im Designverständnis von Briten und Deutschen: Wenn Sie vor dreißig Jahren in einen britischen Supermarkt gegangen sind, dann waren schon damals die Eigenmarken toll und aufwändig gestaltet und in allen Designbüchern zu finden. Dagegen gibt es in Deutschland die sogenannten weißen Produkte als Eigenmarken, die bewusst auch in der Gestaltung billig aussehen sollen.

Mein Fazit: Die Briten verstehen uns hinsichtlich des Designs nicht. Aber genau das ist eine Bereicherung. Es wäre doch traurig, wenn die landesspezifischen Eigenheiten in den Vereinslogos nicht sichtbar wären, und Identifikation ist bei Vereinen schließlich das höchste Gut. Und solange Helm-Peter die Raute im Herzen trägt, sollte sie so bleiben wie sie ist.

Der Autor: Norbert Möller ist seit 2003 Executive Creative Director der Peter Schmidt Group und leitet deren Corporate Design Team am Standort Hamburg. Zu den von ihm betreuten Marken und Unternehmen zählen unter anderem Linde, Henkel, Kühne+Nagel, die Postbank, REWE, die Stadt Hamburg und das Goethe Institut. Möller studierte Visuelle Kommunikation an der HfBK Braunschweig und arbeitet seit 1992 bei der Peter Schmidt Group, darunter von 1999 bis 2003 als Geschäftsführer.


Autor:

Norbert Möller

Unser Design-Kolumnist Norbert Möller ist seit 2003 Executive Creative Director der Peter Schmidt Group und leitet deren Corporate Design Team am Standort Hamburg. Er studierte Visuelle Kommunikation an der HfBK Braunschweig und arbeitet seit 1992 bei der Peter Schmidt Group, darunter von 1999 bis 2003 als Geschäftsführer. 


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