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Bodo Hombach: "Diversifizieren ist die einzige Chance"

veröffentlicht am 29.10.2009 um 13:56 Uhr · Medientage München 2009 · Artikel

Wer nach allen Seiten offen ist, ist nicht ganz dicht“, sagt der Volksmund, und so ist die vollzogene Diversifizität der individuellen Lebensgestaltung durch Medienkonsum möglicherweise nicht das Ziel einer sinnvollen Entwicklung, sondern eher ein Krankheitsbild. Ein Mensch, der sich in seinem eigenen Verhalten dem Zustand der totalen Vielfalt nähert, ist nicht nur im Taumelflug seiner rasch wechselnden Interessen (Faust: „So taum’l ich von Begierde zu Genuss, und im Genuss verschmacht’ ich nach Begierde.“), er leidet unter sozialpsychischer Demenz. Da er sie nicht mehr erwerben muss, besitzt er am Ende keinerlei Kriterien oder Kategorien, um noch selbstbestimmte Urteile und Entscheidungen zu treffen.

Auch das schöne neue Medienzeitalter bedarf also einer Medienethik. Auf dass der Nutzen den möglichen Schaden überwiege: Aufklärung, Emanzipation, demokratische Kontrolle der Macht, Kompetenz und Mitwirkung.

Jeder wirkliche Fortschritt der menschlichen Zivilisation war ein Akt der Diversifizierung. So z. B. die Erfindung der Gewaltenteilung durch die Alten Griechen. Erst die Zerlegung der Macht in diverse Kräfte, die einander benötigten, aber zugleich auch kontrollierten, machte aus einer dauernden Gefahr (Diktatur und Bürgerkrieg) ein intelligentes und gedeihliches Spiel. Auch die Demokratie diversifiziert die Macht- und Interessenblöcke zum Wohle der Bürger. Und ist nicht die gegenwärtige Finanzkatastrophe auch das Ergebnis mangelnder Diversifizierung, z. B. durch das Vermengen von Geschäfts- und Investitionsbanken? Ein lebendiger Markt ist gelebte Diversifizierung. Interessanterweise ist er besonders den Wirtschaftsvertretern zuwider, die ihn in jeder Talkshow vehement fordern. Sonst würden sie nicht ständig versuchen, durch Preisabsprachen und Fusionen die Diversifizierung des Marktes und seiner Kräfte auszuhebeln.

Diversifizierung bedeutet nicht nur den Umbau des Geschäftsmodells und der Organisationsstrukturen. In den USA bedeutet Diversifizieren z. B. auch, in den Massenmedien die ethnische Vielfalt des Landes zu spiegeln. Während die Weißen in vielen Staaten inzwischen in der Minderheit sind, dominieren sie noch immer die allermeisten Schlüsselstellen in den großen Networks. Die Gruppe der Amerikaner ohne europäische Abstammung wird immer größer, und nachdem nun erwiesen ist, dass man diese Eigenschaft gar nicht mehr braucht, um Präsident zu werden, könnten farbige Journalisten mit ihren Sozialerfahrungen das Selbstbildnis Amerikas in den Medien wohltuend erweitern. Kleine Kinder greifen hinter den Spiegel, wenn sie sich darin sehen. Wir sollten nie verlernen, hinter die Spiegel zu greifen.

Auch eine egozentrierte Wahrnehmung der übrigen Welt ist im globalen Zeitalter kontraproduktiv. Sie war es im Grunde schon immer, wie wir aus der eurozentrierten Katastrophe des Kolonialismus wissen. Wenn z. B. heute noch amerikanische GIs von der Existenz mancher Länder erst im Augenblick ihres Marschbefehls zu Militäreinsätzen erfahren, ist ihr nachhaltiger Erfolg schon aus diesem Grunde fraglich. Noch dramatischer wirkt sich die mediale „Monokultur“ in Konfliktherden aus wie Palästina / Israel, Indien / Pakistan oder – fast flächendeckend – in Afrika. Hier ist die Diversifizierung des Tunnelblicks auf den propagierten Gegner die elementare Voraussetzung für jede Art von Fortschritt, und es ist klar, dass die Medien dabei eine Schlüsselrolle haben.

Wer sich Diversifizierung auf die Fahne schreibt, und damit nicht nur den vordergründigen Wandel einer Organisationsstruktur meinen will, kann seine Haltung sogar philosophisch begründen. Seit Beginn der Neuzeit dämmert uns: Wer nichts weiß, muss hinsehen. Wir und unsere Welt sind aus Stücken zusammengesetzt, von denen jedes jederzeit sein eigenes Spiel treibt. Daraus ergibt sich ein produktiver „Wille zur Ohnmacht“ (Michel de Montaigne), eine weitgespannte und sensible Offenheit für das Fremde und Unvorhersehbare. Wie ein guter Prediger hat sie gelernt, mit den Problemen nicht fertig zu werden. Sie versucht, die Signale der Wirklichkeit zu entziffern, und drückt ihr nicht ihre Herrschaft auf. Das gelingt aber nur durch einen sozialen „Scanner“ mit hoher Auflösung, und genau das sind diversifizierte Medien.

Autor: Bodo Hombach

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