"Die Focus-Chefredaktion muss selber wissen, wie sie ihren Laden organisiert"
Die Grünen schäumen nach dem Eklat um ein nicht gedrucktes "Focus"-Interview mit Renate Künast immer noch. Dabei hat W&V-Redakteurin Petra Schwegler von Grünen-Sprecher Michael Schroeren eigentlich nur wissen wollen, ob Online-Journalismus wirklich nur "Zweitverwertung" ist. Das Interview.
Es hat heftig geknallt zwischen Burdas Nachrichtenmagazin "Focus" und der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen. Grund: "Focus" hat spontan ein Interview mit Grünen-Chefin Renate Künast aus dem letzten Heft gekippt. Daraufhin hat Grünen-Pressesprecher Michael Schroeren das Ganze auf der Partei-Website gesalzen kommentiert und das Interview dort veröffentlicht. Eigentlich wollte W&V Online von Schroeren wissen, warum die Partei mit der Absage an eine "Zweitverwertung" des Gesprächs bei Focus Online so einen abwertenden Eindruck gegenüber dem Internet hinterlassen hat. Doch im Interview zeigt sich: Die Grünen sind eifrige Web-Nutzer - aber immer noch sauer auf den "Focus" und Chefredakteur Uli Baur.
Herr Schroeren, Sie als Pressesprecher der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen haben im Gezerre um ein Interview ihrer Chefin Renate Künast mit dem "Focus" auf ihrer Website den Eindruck hinterlassen, dass Sie mit einer "Zweitverwertung" bei "Focus Online" nicht einverstanden seien. Das Internet als Resterampe – meinen Sie das ernst?
Dem "Focus" war das Interview mit Renate Künast nicht gut genug, um es zu drucken. Ersatzweise bot man uns an, den Text auf Focus Online zu veröffentlichen. Das haben wir abgelehnt, denn dahinter steht die merkwürdige Vorstellung vom Internet als Abfalleimer von Print. Da ist die von mir gewählte Umschreibung als "Zweitverwertung" ja noch vornehm. Das ist jedenfalls nicht das Verständnis, das die Grünen von Internet und Online-Journalismus haben. Nicht gut genug für Print, aber gut genug für Online – davon halten wir nichts.
Sie wehren sich also gegen diesen Eindruck. Aber "Focus Online" sollte dennoch nicht Gefäß für das Interview werden....
Wir hätten selbstverständlich keinerlei Einwände gegen eine zusätzliche Veröffentlichung auf Focus Online gehabt, wenn Focus mit dem Interview so umgegangen wäre, wie es verabredet war. Unter diesen Umständen schied dies aus den genannten Gründen aus. Wir haben uns dann stattdessen entschlossen, das Interview selbst online zu stellen.
Welches Verständnis vom Internet haben die Grünen denn generell?
Kaum eine Erfindung hat unser Leben in den letzten Jahrzehnten so grundlegend verändert wie das Internet. Es hat die Möglichkeiten des Einzelnen, zentrale Grundrechte wahrzunehmen, etwa den unbeschränkten Zugang zu Informationen und die Chance, Informationen frei verbreiten zu können, geradezu revolutioniert. Das Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung muss selbstverständlich auch im Netz gelten. Allerdings zeigen die Skandale bei diversen sozialen Netzwerken auch, dass die Rechte von Bürgerinnen und Bürgern nicht immer so geachtet werden, wie sie sollten. Hier treten wir Grüne für eine konsequente Netzpolitik ein. Uns geht es um einen fairen Interessenausgleich für alle am Netz Beteiligten, als auch um den Schutz der Freiheitsrechte unserer Verfassung.
Gerade Grünen-Chefin Künast ist sehr aktiv in Social-Media-Dingen. Normal für die Partei?
So ist es. Allensbach hat herausgefunden, dass die Grünen die Volkspartei des Internets sind. Sowohl die Vorsitzenden der Fraktion als auch die Mitglieder des Parteivorstands sind in sozialen Netzwerken aktiv. Zwei Drittel der Fraktionsmitglieder sind bei Twitter und Facebook. Es dürfte kaum einen grünen Kreisverband geben, der nicht twittert.
Wie halten Sie es persönlich mit Twitter, Facebook und Co?
Ich twittere mit meinen Kollegen in der Fraktionspressestelle als #GruenSprecher und habe einen privaten Account bei Facebook und Stayfriends – als zusätzliche Möglichkeit, mit weitläufig Verwandten, Freunden und früheren Schulkameraden in Kontakt zu bleiben.
Welchen Stellenwert hat das Internet aus Grünen-Sicht gegenüber den klassischen Medien Print, TV und Radio?
Wir nutzen soziale Netzwerke, um zu informieren und Debatten zu führen. Dadurch hat sich der Meinungsaustausch im Vergleich zu früheren Jahren nicht nur gesteigert, sondern auch beschleunigt. Wir laden zu unseren Konferenzen nicht nur Journalisten, sondern regelmäßig auch Blogger ein, weil wir denken, dass das Internet einen sehr großen Beitrag zur Meinungsbildung leistet.
Nochmals kurz zurück zum eigentlich Streit mit "Focus". Chefredakteur Uli Baur sagt, er habe das Interview mit Künast kurzfristig aus dem Heft gekippt, da es von Grünen-Seite aus Änderungen ohne Absprachen gegeben habe. Was haben Sie an diesem braven Interview zur Energiepolitik ändern müssen?
Fakt ist: Es hat bei der Autorisierung des Interviews keine strittigen Punkte zwischen mir und dem zuständigen "Focus"-Redakteur in Berlin gegeben. Er hat unsere Änderungswünsche akzeptiert und wir alle seine Kürzungsvorschläge. Am Ende stand eine bis auf Punkt und Komma abgestimmte Schlussfassung, die ich als verbindlich betrachte. Die "Focus"-Chefredaktion muss selber wissen, wie sie ihren Laden organisiert. Aber ich muss mich natürlich auf das Wort ihrer Leute vor Ort verlassen können.