Alles nur Zufall? - Oder hat es vielleicht mit den gravierenden Veränderungen und dem Wandel zu tun, dem die Agenturen heute unterworfen sind? Bernhard Lukas, Kreativchef von Lukas Lindemann Rosinski, glaubt eher letzteres: "Ich denke, die Geschwindigkeit, in denen Chefposten auch in unserer Branche wechseln, ist einfach ein Spiegel unserer schnelllebigen Zeit. Timings werden knapper, längerfristige Verträge seltener, das Projektgeschäft nimmt zu." Diese Kurzatmigkeit zeige sich heute in ganz vielen Lebensbereichen.

"Mut zur Veränderung ist ja grundsätzlich etwas Positives. Nur: Wenn man alles ständig 'Neu' macht, bleibt kaum Zeit, es wirklich 'Gut' zu machen", gibt Lukas zu bedenken. Das gilt im Übrigen gerade dann, wenn es um solch herausfordernde Mammut-Aufgaben geht wie: aus Grey ein kreativ tickendes Network machen oder bei Deutschlands Top-Agentur schlechthin die Kreativ-Ikone Jean-Remy von Matt ersetzen. Dass zu viel Sprunghaftigkeit schädlich ist, hat sich auch bei DDB Tribal gezeigt. Noch nie musste die Agentur so sehr um ihren Ur-Kunden VW kämpfen wie derzeit.

Natürlich gehört es auch zum Berufsrisiko eines Agenturchefs, manchmal auf das falsche Pferd zu setzen. Zumal es unglaublich schwer ist, für große Aufgaben die wirklich passenden Leute zu finden. "Wenn man jemanden nicht schon jahrelang sehr gut kennt und ihn vielleicht nur drei- oder viermal zu einem zweistündigen Gespräch getroffen hat, wird immer ein großes Risiko bleiben, dass man am Ende vielleicht doch nicht zusammenpasst", sagt Stefan Kolle, der Gründer und Kreativchef von Kolle Rebbe in Hamburg.

Da müsste man sich schon eher zwei Dutzend Mal treffen. Oder so wie Kolle seinen Partner Stephan Rebbe eben kennen, seit man - damals - gemeinsam in die Studenten-WG gezogen ist, zusammen mit den Frauen an ihrer Seite. Erfolgsversprechend sind Personal-Konstellationen in Agenturen dann, wenn die Verantwortlichen zusammen durch dick und dünn gehen - eben fast so wie in einer guten Ehe. Headhunter und Partnervermittler versprechen aber - hier wie dort - häufig mehr, als sie am Ende halten können. Das Prinzip 'Neue Besen kehren gut' mag im Bundesliga-Abstiegskampf ab und an seine Gültigkeit haben. Im Agentur-Business ist schon etwas mehr Vorsicht angesagt.

Laut Stefan Kolle hat das Personalkarussell in Agenturen aber oft auch mit übertriebenen Erwartungen zu tun. "Nach der Ankunft eines neuen Kreativchefs ist häufig eine immense Erwartungshaltung zu beobachten. Doch es gibt viele Probleme und Herausforderungen, die nicht binnen eines Jahres gelöst werden können, sondern wo es vielleicht Jahre braucht, um Dinge grundlegend positiv zu verändern."

Vielleicht gibt es auch Aufgaben, die einfach unlösbar sind.


Autor: Markus Weber

Markus Weber ist seit 20 Jahren Mitglied der W&V-Redaktion. Als Nachrichtenchef ist er für die aktuellen Themen auf wuv.de zuständig. Darüber hinaus ist er innerhalb der Redaktion der Themenverantwortliche für "CRM & Data". Aufgewachsen ist Markus auf einem Bauernhof im Württembergischen Allgäu. Mit fünf Geschwistern.