Das könnte ein Grund sein, warum es nur eine begrenzte Anzahl von Geschäftsmodellen gibt. Wir sind gewohnt, für bestimmte Dinge auf eine bestimmte Art und Weise zu zahlen, also zum Beispiel im Handel ein Produkt zu kaufen. Für Internetfirmen ist es wesentlich einfacher, auf Kauf- und Umsatzmodelle zurückzugreifen, die ihre Kunden kennen und verstehen, als etwas Exotisches zu entwickeln, auf das der Konsument nicht eingestellt ist.

Viele später erfolgreiche Internet- Gründungen, etwa die Wohnungstausch-Börse Airbnb, sind ohne Geschäftsmodell gestartet. Kann man die erfolgreiche Monetarisierung einer Start up-Idee am Reißbrett planen ?

Unser Ansatz ist bescheiden in dem Sinn, dass wir fest davon überzeugt sind, dass bei guten Internet-Ideen das Geschäftsmodell nicht das Wichtigste ist. Am Anfang muss etwas stehen, das die Menschen begeistert. Wie etwa bei Airbnb , das den Leuten private Übernachtungsmöglichkeiten statt Hotels bietet. Oder bei Paypal, das einfache Transaktionen im Netz ermöglicht. Das Geschäftsmodell ist nachgelagert und sekundär, aber natürlich wichtig, um eine Idee dann auch nachhaltig zu verankern. Genau das ist Thema unseres Buches. Oft kommt man nicht sofort auf das passende Modell, sondern experimentiert mit unterschiedlichen Modellen, bevor man das richtige findet.

Gibt es dafür eine Methode?

Eines der beliebtesten und logischsten Testmodelle ist das sogenannte A-B-Testing. Dazu baut man die Webseiten in verschiedenen Versionen, zum Beispiel einmal ganz ohne Bezahlmodell, einmal in einer Aboversion und in einer Lizenzverkauf-Version. Diese Tests nutzen viele Start-Ups, um ihre Geschäftsmodelle zu verfeinern und beispielsweise herauszufinden, bis zu welchem Grad Dienstleistungen gratis sein müssen, und ab wann man dafür Geld verlangen kann.

Das Netz ist vom Wesen her ein kostenloser Raum. Welche Fehler kann man beim Geld verlangen machen?

Es ist tatsächlich sehr schwierig, im Internet Geld zu verdienen. Content ist zwar King, aber Könige gibt es eben wenige. Der springende Punkt ist: Im Internet wird vieles kostenfrei angeboten, weil es die User-Community ist, die den Wert darstellt - durch ihre Aktivitäten und die Daten, die sie hineingibt. Daten sind die Währung. Viele Internet-Unternehmen versuchen im Moment auch, sich entweder über Werbung oder über App-Verkäufe und Lizenzgeschäft zu monetarisieren und unterschätzen dabei, dass dies erst ab einer wirklich signifikanten Reichweite gelingen kann.

Facebook hat diese Reichweite, dennoch reden Sie vom Facebook- Dilemma . Was meinen Sie damit?

Das ist die 100-Milliarden-Dollar-Frage des kommenden Börsengangs von Facebook. Je mehr Daten man Werbekunden zur Verfügung stellen kann, desto besser lässt sich Werbung verkaufen. Doch je mehr Zugriff auf die User ich meinen Werbekunden erlaube, desto mehr fühlen die sich in ihrer Privatsphäre angegriffen. Auch schon alleine durch zuviel Werbung auf meiner eigenen Social-Seite. Man muss also überlegen, wie man ein Werbeangebot so zusammenstellt, dass es der User nicht als lästig empfindet, sondern als nützlich.

Haben Sie die eine magische Formel für Erfolg gefunden?

Die gibt es nicht. Aber wir sind überzeugt, dass für die meisten Start-Up-Ideen eins dieser sieben Modelle oder eine Kombination aus mehreren funktionieren wird.

Voraussetzung sei eine kontinuierliche Betaphase, schreiben Sie. Was meinen Sie damit?

Der Wille zum Experimentieren, zu einer kontinuierlichen Entwicklung und zum Verfeinern muss grundsätzlich da sein. Hier können übrigens etablierte Unternehmen, die versuchen über das Internet zu monetarisieren, von Internetfirmen lernen. Sie sehen das Netz in der Regel nicht so sehr als experimentelle Spielwiese wie Start-Ups das tun, sondern arbeiten eher so, dass ein Produkt vollendet sein muss, bevor es auf den Markt kommt. Im Internet ist das anders. Dort entwickle ich mein Produkt – und auch das Geschäftsmodell - mit meinen Konsumenten zusammen weiter. Das ist ein grundlegend anderer Ansatz, auf den man sich einlassen muss.


Autor: Judith Pfannenmüller

ist Korrespondentin für W&V in Berlin. Sie schaut gern hinter die Kulissen und stellt Zusammenhänge her. Sie liebt den ständigen Wandel, den rauhen Sound und die thematische Vielfalt in der Hauptstadt.