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Winnenden: 100 Euro für eine Tränen-Aufnahme

Eine Beerdigung als Medien-Event und gestellte Trauerszenen gegen Cash: W&V-Chefredakteur Jochen Kalka über die Sensationsberichterstattung in seiner Heimatstadt Winnenden.

Text: W&V Redaktion

16. März 2009

Eine Beerdigung als Medien-Event und gestellte Trauerszenen gegen Cash: W&V-Chefredakteur Jochen Kalka über die Sensationsberichterstattung in seiner Heimatstadt Winnenden.
Als die Schüler der Albertville-Realschule heute morgen erstmals wieder zum Unterricht gingen, da hatte der Kiosk am Winnender Marktplatz den Stapel des "Spiegel" mit einer Pappe bedeckt. "Die sollte man grad wieder zurückschicken", regte sich eine Mutter auf, mit zwei sichtlich verängstigten Schülern an der Hand. Stumm nickte die Verkäuferin.
Eine Heroisierung des Täters (wie es dieser "Spiegel"-Titel macht) lege den Grundstein des nächsten Amoklaufs an einer Schule, meinte gestern abend noch bei Anne Will die Kriminologin Britta Bannenberg. Sie warnte vor Trittbrettfahrern und Nachahmern, die erst durch die Berichterstattung motiviert würden. Für solche Fälle empfahl sie, eine Nachrichtensperre zu verhängen, auch wenn das kaum möglich sei.
In Winnenden brach die Berichterstattung viele Grenzen: Um die erste Beerdigung am vergangenen Wochenende filmen zu können, was die Angehörigen ausdrücklich verboten haben, kletterten die Filmteams an der Friedhofsmauer auf Leitern. Andere mieteten sich für die nächsten Tage in gegenüberliegenden Privathäusern ein, um keine Beerdigung zu verpassen.
Schülern wurde gegen Cash diktiert, was sie vor laufender Kamera sagen sollten. Auch der Satz "Tim wurde von seinen Mitschülern gemobbt", soll gekaufte Filmware gewesen sein. Andere Schüler wurden, ebenfalls gegen ein Entgeld von 20 bis 100 Euro, gebeten, Blumen oder Kerzen abzulegen und sich dann weinend zu umarmen. Die Blumen, die in Winnenden verkauft wurden, gab es zum Selbstkostenpreis. "Weil wir von dem Unglück nicht profitieren wollen", sagten die Händler.
Albertville-Schülerin Nina, 12 Jahre alt, konnte vor der Kamera nur berichten, wie sie direkt über ihrem Klassenzimmer die Schüsse gehört habe, sie dachte, es seien Bauarbeiter, dann hörte sie Schreie, die Polizei kam, rief, "Alles raus!", Nina sprang aus dem Fenster, flüchtete, Stopp, Stopp, das interessiert doch niemanden. Cut. Ninas Bruder dagegen war im Klassenzimmer direkt neben der Bluttat, er war direkt dran, sah Patronenhülsen, Blut, Schlimmeres, doch er konnte nicht reden, er brachte kein Wort hervor, auch nicht gegen Cash, Cut, Pech für die TV-Sender.
Der Medien-Hype in der Stadt lässt am heutigen Montag deutlich nach. Sämtliche Fahnen sind hier auf Halbmast, nicht nur die Deutschland-Fahnen der öffentlichen Gebäude, sondern auch die Fahnen von Obi, Rewe und Agip am Ortseingang. Der McDonald´s hat über das "c" von Mc eine schwarze Schürze gebunden. Hilflosigkeit.
Die Post der letzten Tage stapelt sich oft ungeöffnet auf den Tischen der Bürger von Winnenden. Darunter auch die Briefkastenwerbung der vergangenen Tage, etwa der knallgelbe Prospekt "Hier kommt die Sonne" von Ikea oder, ausgerechnet vom Autohaus Hahn, wo der Terror in Wendlingen endete: "Die neuen Wilden" (Audi). Einen Tag nach dem Grauen kam auch eine Werbebotschaft der Citibank: "Genieße jeden Tag"
Eine Anregung möchten wir uns als W&V abschließend noch erlauben: Die Polizei organisiert sich immer besser, wenn es um Anschläge und Terror geht. Auch Schulen führen schulübergreifend Krisenpräventionsprogramme durch. Es wird höchste Zeit, dass sich auch Medien übergreifend zusammentun, um sich bei Krisen, Terror und auch Amokläufen besser abstimmen zu können. Damit Medien nicht zu Waffen werden.
Die Kreissparkasse Waiblingen hat in Abstimmung mit der Stadt Winnenden ein Spendenkonto für die Opfer des Amoklaufes eingericht. "Spendenkonto Opfer Winnenden", Kreissparkasse Waiblingen, Bankleitzahl: 602 500 10, Kontonummer: 158 00 202.


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