dpa-Kündigung: Kopfschütteln über den "Tagesspiegel"
Die Entscheidung des "Tagesspiegels", der dpa zu kündigen, können viele Verlage nicht nachvollziehen. Dass andere Holtzbrinck-Redaktionen nachziehen werden, ist jedoch unwahrscheinlich. Die Kündigung hat die Berliner Zeitung offenbar allein beschlossen.
Die Entscheidung des "Tagesspiegels", den Dienst der Deutschen Presse-Agentur zu kündigen, stößt in der Branche auf Unverständnis. Die Begründung, dass der dpa-Umzug in die Räume der Axel Springer AG die Glaubwürdigkeit der Nachrichtenagentur gefährde, können viele Verlage nicht nachvollziehen. "Was haben die Räume mit der 'Unabhängigkeit' zu tun?", äußert sich Herbert Flecken, Vorsitzender der Geschäftsführung der Verlagsgruppe Madsack. "Wir haben seit vielen Jahren 'Untermieter', die mit uns einen Mietvertrag geschlossen haben, unter anderem Audio-Fernsehsender und seit Jahren den dpa-Landesdienst", betont Flecken.
Auch DuMont-Vorstand Konstantin Neven DuMont sieht die Unabhängigkeit der dpa durch den Umzug nicht gefährdet, und die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" teilt mit, man werde Agenturen weiterhin nach ihrer inhaltlichen Qualität und nicht nach ihrem Standort beurteilen. Verleger Dirk Ippen wollte sich zu dem Thema nicht äußern.
Dass das Beispiel auch in anderen Redaktionen des Holtzbrinck-Konzerns Schule macht, ist unwahrscheinlich. Die Kündigung der dpa habe der Tagesspiegel-Verlag allein beschlossen, erfuhr W&V aus Holtzbrinck-Kreisen. Eine Vorgabe von Verleger Dieter von Holtzbrinck gab es wohl nicht.
In der Branche geht so mancher davon aus, dass die Berliner Tageszeitung mit der Kündigung Druck auf die dpa ausüben will, um die Verträge neu zu justieren und die Preise zu drücken. "Es drängt sich der Verdacht auf, dass es andere Gründe für die Kündigung geben muss, denn die Begründung des 'Tagesspiegels' klingt schon sehr an den Haaren herbei gezogen", sagt Axel-Springer-Sprecherin Edda Fels. "Es hat auch noch niemand erklärt, wie durch ein Mietverhältnis eine Abhängigkeit entstehen soll."
Fels hält den Vorwurf des Tagesspiegels für "absurd". Viele Medienunternehmen säßen bereits in dem Springer-Gebäudekomplex. So sei auch Burdas Super-Illu-Verlag Mieter in der Springer-Passage. "Der Neubau wurde von vornherein als Dienstleistungs-Center für fremde Mieter konzipiert. Auch hier ist noch niemand auf die Idee gekommen, eine Abhängigkeit zu unterstellen." Zudem werde der Tagesspiegel selbst in einer Springer-Druckerei gedruckt.
Die dpa sucht indes das Gespräch mit dem Tagesspiegel. Um "Verhandlungen", etwa über neue Verträge, gehe es dabei aber nicht, so ein Sprecher der Nachrichtenagentur.